31.12.2002 | Blick ins Angebot der Ehinger Museumsgesellschaft im neuen Jahr: Dichter, Wälder, Wasser und Wässerchen

EHINGEN (vf) – Die Museumsgesellschaft ist vor allem ein Verein für andere, für Nicht-Mitglieder. Was sonst staatliche und städtische Institutionen mit Steuergeld abwickeln, geschieht hier ehrenamtlich. Der Verein legt ein erneut sehr beachtliches Jahresprogramm vor, für 2003. Vf wirft einen Blick ‘rein. Anzukündigen sind außergewöhnliche Ausstellungen, Führungen, Vorträge und mehr.

Derzeit „läuft” noch die Weihnachtsausstellung im Museum (bis Mitte Januar), mit Plüschbären aus einer Ringinger Sammlung.

An einem sinnreichen Tag, dem 2. Februar (Maria Lichtmess), ab 14 Uhr, führt Pfarrer Burkhard Keck durch die Liebfrauenkirche: an einem Marienfesttag durch eine Marienkirche.

Die erste Ehinger Ringstraße

Am 3. Sonntag im Februar, dem 16., ab 11 Uhr, führt Rudolf Schrodi, als über Achtzigjähriger noch immer unermüdlich, durch die Lindenstraße, diese erste große Straße der Stadt außerhalb der im 19. Jahrhundert abgebrochenen Stadtmauer. Durch den Wall und den Graben davor war der Verlauf der neuen (Halb-)Ringstraße zwischen Glockenplatz und Altem Spital, vorgezeichnet. Wie in vielen Städten Europas wurde solche neuen Wall- oder Ringstraßen auch das erste Baugelände für repräsentative Verwaltungs- und Wohnbauten. „De bessere Leit” oder was sich dafür hielt, zog dort hin; es gab erstmals viel Platz um die Häuser; italienische Villenbauten waren das (bewusste oder nicht-bewusste) Vorbild. Für Freitag, 21. Februar, macht der Verein eine Besichtigung des erweiterten Liebherr Werks möglich. Mitglieder   der Museumsgesellschaft haben bekanntlich erst vor einigen Wochen ein Buch über Ehingen auch als Wirtschaftsstandort herausgebracht. Mehrere Mitglieder des Vereins waren oder sind in großen Firmen der Stadt beschäftigt.

Hopfenanbau – auch bei Fegers

Ulrich Köpf erinnert bei einem Stadtrundgang am 23. März an einen vergangenen und ziemlich vergessenen wirtschaftlichen Aspekt der Stadt, den Hopfenanbau, die damit verbundenen Hopfenhäuser und die Brauereien. – Kleine Anmerkung, weil wenig bekannt: Auch das – 1959 – abgebrochene Vorgängergebäude der Ehinger SZ-Technik hinterm Schlüssle diente ursprünglich überwiegend dem Hopfentrocknen. Im Parterre befanden sich Setzerei und Druckerei, die Anzeigenannahme, ursprünglich auch der Stall für ein Pferd, das (vor der Elektrifizierung) die Druckmaschinen antrieb, die Hälfte des ersten Stocks war bereits Hopfentrocknungsfläche, die beiden darüber liegenden weitläufigen Geschosse ebenfalls, jedenfalls einige Zeit. Der Hopfen dafür war im Wolfert Gebiet angebaut worden. Das Gebäude war großteils eine Fehlspekulation. Der Ehinger Hopfen setzte sich nicht durch gegen traditionelle Hopfenanbaugebiete wie das bei Tettnang und in der bayerischen Hallertau. Alb-Donau-Archivar Jörg Martin wirft am 28. März einen Blick auf die Geschichte des Oberamts und Landkreises Ehingen zwischen 1810 und 1972 (als der Kreis mit dem Raum Ulm zum Landkreis AD zusammengelegt wurde und Ehingen damit zwar die Eigenschaft „zentraler Verwaltungsort” verlor, aber die einwohnerzahlreichste Stadt auch des neuen Landkreises blieb. Am Sonntag, 30. März, bieten Verein und VHS eine Busfahrt zur Neuen Pinakothek in München an.

Am Samstag, 5. April, führt Winfried Hanold, ausgewiesener Kenner der Erdgeschichte unserer engeren Heimat, unter dem Motto „Die Schmiech im Donautal” durch das einstige Donautal: Die Urdonau floss vor Jahrtausenden durch das (jetzige) Schmiech- und Aachtal (also „vorbei” an den nicht mal schattenhaft existierenden Städten Schelklingen und Blaubeuren nach dem ebenfalls nicht existierenden Ulm (kuriose Formulierung). Die begeisterte Kleidersammlerin und -ausstellerin Gabriele Bauer-Feigel {Granheim/Stuttgart) zeigt einiges von ihren Schätzen während des Monats April im Ehinger Museum.

Stichwort: „Abend- und Cocktailkleider im Wandel der Zeit”. Dazu wird Gisela Sporer von ihr gesammelte Handarbeitsdecken auslegen.

Das Thema „Brauereien” wird erneut am 9. April akut: Anne Hagenmeyer bittet darum, Erinnerungen ans Brauen und was damit zusammenhängt (vielleicht auch ans Trinken?) im Ehinger „Erzählcafé” auszuplaudern. Wohl bekomms!

Am Nachmittag des 5. Mai können Kinder im Museum miterleben, wie einst Papier hergestellt wurde, durch Vorgänge wie „schöpfen” und „gautschen”.   Zu  diesem Zweck kommt das „Museum im Koffer” aus der einstigen Papiermacherstadt Nürnberg nach Ehingen.

Jakob-Locher-Spezialistin spricht

Prof. Dr. Dora Dietl kommt am 7. Mai aus Tübingen nach Ehingen und spricht über den aus Ehingen stammenden Schriftsteller Jakob Locher. Die Ehinger SZ hat im Sommer auf die Tübinger Forscherin aufmerksam gemacht, .die „auf dem Umweg” über Jakob Locher eine „ordentliche” Professorin werden will. Aufgrund seiner Telefongespräche und e-mails mit der Literaturwissenschaftlerin darf vf einen nicht staubtrockenen, sondern amüsanten Vortrag über einen bald fünfhundert Jahre toten Mann versprechen.

Ein wahrer Literatur-Ansturm

Gleich zwei Tage später schon wieder „Ehinger Literatur satt”: Prof. Dr. Hans Pörnbacher, hochbetagter Germanist, kommt nach Ehingen und spricht über den Jesuitendramatiker Jakob Bidermann. Pörnbacher hat viel zur „Wiederentdeckung” und Würdigung regionaler Literaturgrößen beigetragen. Unter anderem hat er ein Buch über den aus Nördlingen stammenden, zeitweilig in   Oberstadion   tätigen Jugendschriftsteller Christoph von Schmid verfasst. Seinen schon vor langem erworbenen Verdiensten verdankt der zeitweilige Germanistik-Professor der Universität Nijmwegen, dass er kürzlich in ein Gremium von Herausgebern vergessener oder schwer zugänglicher   regionaler Literatur gewählt wurde. Die Vorträge von Dietl und Pörnbacher haben mit dem Edierunqs- und Ausstellungsprojekt zu tun. Die sponsernde OEW und die Uni Konstanz   mit ihrem Germanisten Prof. Gaier stellen vom 27. April bis 9. Juni in Blaubeuren „Literatur vom Neckar bis zum Bodensee, 1200 bis 1800″ aus. Der erste Band der Edition betraf (wie an dieser Stelle notiert) einen Ehinger, eben Jakob Bidermann: Der einstige Ehinger Gymnasiast Christian Sinn übersetzte und erläuterte eines der lateinisch verfassten Bidermann‘schen Dramen neu).

In Zusammenhang mit der Blaubeurer Ausstellung und den Ehinger Vorträgen steht ein weiterer Auftritt des „Museums im Koffer”: Ehinger Kinder können erleben, wie im Mittelalter geschrieben wurde, mit Federkielen, mit aus Asche angerührter Tinte – und vor allem mit einem dafür heute zunehmend verpönten Körperteil – mit der Hand.

An zwei Abenden, 12./13. Mai, wird Walter Frei aus Werken von Jakob Bidermann und Jakob Locher vorlesen. Vorträge und Lesungen finden im ehemaligen Franziskanerkloster statt.

Trink, Brüderlein, trink!

Nun geht’s dieses Jahr schon um den Hopfen und die Brauereien. Am 14. Mai dürfen, ja sollen wir uns in Anne Hagenmeyers „Erzählcafé” an einstige (und vielleicht auch gegenwärtige) Ehinger Gastwirtschaften erinnern. Nicht viele frühere Gasthäuser haben überlebt (um einige zu nennen: Schwanen, Glocke, Sonne, Schwert, Paradies, Deutscher Kaiser, Stern, Rößle, Neues Haus, Fischersteige).

Der 18. Mai ist der internationale Museumstag. An diesem Sonntag werden auch im Ehinger Museum auf allen Ebenen Führungen angeboten.

Von April bis Oktober ist in Schussenried eine große Landesausstellung, über die 200 Jahre zurückliegende sogenannte Säkularisation. Aus diesem Grund befasst sich Stadtarchivar Dr. Ohngemach am Montag, 19. Mai, in einem Vortrag im Museum mit der Geschichte der Franziskanerklöster in Ehingen: Beide Klöster fielen bekanntlich Säkularisierungen zum Opfer, zu verschiedenen Zeiten: Das Frauenkloster lag im Groggental; seine Gebäude sind vom Erdboden „verschwunden”; das Männerkloster wird heute wieder durch den Namen erinnert, so, als ob’s noch existierte’ Dabei sind uns Heutigen klösterliche Lebensformen recht fremd. Wenn schon, darf’s ein bisschen Buddhismus sein.

Neue Herren, neue Kirchengemeinde

Das Thema Kirchengeschichte reicht weiter, mit einer Fahrt zu der Schussenrieder Ausstellung und vor allem mit einer Ausstellung in Ehingen zur Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde. Mit dem Aufziehen der neuen – württembergischen – Herren, Anfang des 19. Jahrhunderts, kamen auch „Lutherische” nach Ehingen. Seit genau 150 Jahren besitzt Ehingen eine eigene evangelische Gemeinde mit einem eigenen Pfarrer; 125 Jahre alt ist die Kirche an der Lindenstraße und mit Hilfe des lutherischen Königs von Württemberg bekam die Gemeinde ein stattliches Wohnhaus für ihren Pfarrer – an eben jener Lindenstraße, von der weiter vorn schon mal die Rede war. Die Ausstellung „Neue Herren – neue Konfession in Ehingen” dauert vom 25. Mai bis 18. Juni. Für Ende Mai ist eine Führung durch das Technik-Museum der Familie Schöttle bei Mundingen vorgesehen. Das Stichwort „Alte Klöster – neue Herren” wird erneut aufgetischt, am 28. Juni, auf originelle Art. Galerist Ewald Schrade führt durch die einstige Probstei des Klosters Zwiefalten, in der er heute seine Bilder zeigt; der Ehinger Forstfachmann Josef Stauber führt durch die einstigen Klosterwalder.

Klöster waren ja nicht nur land-, sondern auch waldwirtschaftlich tätig und haben viel getan für die Kultivierung (ein mit Überlegung verwendetes Wort) unserer Landschaft. Damit‘s nicht zu lang wird, erwähnen wir aus dem Programm des zweiten Halbjahres die Ausstellung im Herbst, über die Wasserver- und Entsorgung in Ehingen.

13.12.2002 | Ein Deutschlehrer erinnert

EHINGEN Die Ehinger SZ berichtete am 6. Dezember über die literarischen Erfolge des aus Öpfingen stammenden Autors Andreas Eschbach. In den Angaben zur Person war eine Erinnerung Eschbachs an seine Ehinger Gymnasialzeit wiedergegeben. Der Steppke und Aufsatzschreiber Andreas fühlte sich damals als Schüler nicht genügend gefördert durch seinen damaligen Deutschlehrer. Einer seiner Deutschlehrer, Hermann Schmid, las jetzt in der Ehinger SZ diesen Erinnerungstext und schrieb einen Brief an den Ehinger SZ-Mitarbeiter vf, der diesem beim Lesen echt Spaß machte und den abzudrucken ihm der Verfasser H. Schmid auf Nachfrage erlaubte. Das geschieht hiermit.

Prolog (sinngemäß aus Max Frischs „Tagebuch 1946- 1949“): Eine Lehrerin sagte zu meiner Mutter, sie werde nie stricken lernen. Meine Mutter erzählte uns jenen Ausspruch oft; sie hat ihn nie vergessen, nie verziehen; aber sie ist eine leidenschaftliche Strickerin geworden. Ich sage heute: Alle Strümpfe und Mützen, die Handschuhe, die Pullover, die ich je bekommen habe, am Ende verdanke ich sie allein jenem ärgerlichen Orakel!…“

Zitat aus: Veit Feger, „Andreas Eschbach veröffentlicht seinen ersten Roman – weitere folgen“, Schwäbische Zeitung, 7.9.1995: „Als 13-jähriger schrieb er am Ehinger Gymmi Science-Fiction-Geschichten für die Kumpels, zum Missfallen des Deutschlehrers, […] mit 13 begann er, selber erste Science-Fiction-Geschichten zu schreiben. Die kursierten dann in der Schulklasse. Einmal wurden sie dort vom Deutschlehrer beschlagnahmt, der sie ihm anderntags wortlos, ohne jeden Kommentar, zurückgab.“

Aus: Anne Hagenmeyer, „Vom Ehinger Gymmi zum Erfolgsautor“, Schwäbische Zeitung, 6. 12. 2002:

„Auf Eschbachs Internet-,Seite‘ findet sich die Rubrik , Erinnerungen’. Dort beschreibt er, wie ein Deutschlehrer ihm eines Tages ein Manuskript abnahm und Tage später mit einem verächtlichen ,Na ja’ wieder auf den Tisch legte. – Eschbach schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr Geschichten; heute meint er rückblickend, es wäre die Aufgabe des Deutschlehrers gewesen, ihm beim Schreiben zu helfen. […] Trotz der mangelnden Unterstützung in der Schule ist Andreas Eschbach ich an einen potentiellen Schüler ist Eschbach beim Schreiben geblieben.“

Ein Ehinger Deutschlehrer bekommt heute, wie damals der Schüler Andreas Eschbach, ein mulmiges Gefühl – dieser Deutschlehrer könnte doch nicht etwa er selbst gewesen sein? Er weiß, dass er dereinst Andreas Eschbach als Schüler hatte. Er eilt in sein Arbeitszimmer und sucht unter inzwischen über 30 Lehrerkalendern mit den Noten die entsprechenden Bände heraus – und tatsächlich: Andreas Eschbach musste von Klasse 11 bis zum Abitur seinen Deutschunterricht ertragen!

Der Deutschlehrer erinnert sich, einmal von Andreas Eschbach einen Text gelesen zu haben, und erinnert sich auch, dass er diesen damals tatsächlich nicht besonders gut fand, was natürlich auch eine Geschmacksache ist – Science-Fiction allgemein muss nicht jedermanns Geschmack sein! Wenn Andreas Eschbach diesen Text noch hat, findet er ihn vielleicht inzwischen auch nicht mehr so genial.

Was dem Deutschlehrer nun Sorgen macht, ist seine mangelnde Erinnerung, auf welche Art er den Text zurückgegeben hat – „wortlos“ oder mit einem „verächtlichen ,Na ja’ „ (siehe oben)!? Wenn tatsächlich die neuere Version, die zweite, stimmen sollte, möchte ich um Entschuldigung bitten – und auf Max Frisch verweisen: Wenn meine Handlungsweise bei Andreas Eschbach die Reaktion hervorrief: „Dem zeig ich‘s aber!“, dann ist dies ja ein Ansporn zum Schreiben gewesen – und ein effektiver!

Ich weiß aus eigener Schülererfahrung, dass Lehrerworte verletzen können (wobei Ironie auch die verzweifelte Waffe eines Lehrers gegen Schülerverhalten sein kann!), aber vielleicht sollte man nach mehr als 24 Jahren eine frustrierende Erfahrung verarbeitet haben.

Vielleicht sollte sich Andreas Eschbach klar machen, dass Science-Fiction-Literatur im Deutschunterricht der Oberstufe – zumindest damals – keinen großen Stellenwert hatte und der Deutschlehrer insofern nicht unbedingt zuständig war für die Schreibversuche eines Schülers. Ich kann mich auch, nicht erinnern, dass Andreas Eschbach zu erkennen gab, dass er zum Schreiben seiner Texte der Hilfe des Deutschlehrers bedurfte. Es ist mir deshalb nicht ganz klar, weshalb diese Klage heute noch im Internet und in der Zeitung verbreitet werden muss.                      

Bei der Beurteilung der schriftstellerischen Versuche von Andreas Eschbach mag ich mich getäuscht haben – er kann sich aber nicht beklagen, in seinen Schülerleistungen von mir ungerecht behandelt worden zu sein! In meinen Notenbüchlein steht für die Jahre 1976 bis 1978 jeweils die Note 2, der Abitursaufsatz wurde mit 1,5 bewertet – kein Grund also, Vorurteile über Lehrer zu verbreiten!

Epilog I Vielleicht wird Andreas Eschbach versöhnlich gestimmt, wenn er weiß, dass sein früherer Deutschlehrer inzwischen seine Bücher kauft und liest und sein Jesus-Video“ im Fernsehen anschaut. – Und: Ich besitze heute noch eines der 30 Exemplare seines Erstlings „Die Adler sind gelandet“ – von ihm handsigniert! – Ist das nicht ein Grund, die unselige „Ehinger Deutschstunde“ endlich in etwas gnädigere Gefilde der Erinnerung aufgehen zu lassen? – Ich lade Andreas Eschbach ein, zu einer Lesung in seine frühere Schule zu kommen – dann gibt es hoffentlich einen verzeihenden und versöhnlichen Handschlag!                                 Hermann Schmid

08.12.2002 | Bibliotheca Suevica und Jakob Bidermann

EHINGEN / KONSTANZ (vf) – Der erste Band einer neuen Buchreihe mit erstmals bereits vor langer Zeit erschienenen, heute kaum mehr greifbaren Texten aus unserem geliebten Schwabenland liegt vor. Und dieser erste Band gilt ausgerechnet einem gewesenen Ehinger, dem Jesuiten und Schriftsteller Jakob Bidermann. Eines seiner Dramen aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts ist nun also erneut im lateinischen Urtext einer Ausgabe von 1666 nachgedruckt und, gar von einem einzigen Ehinger Gymnasiasten, ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen.

Der Titel des Bidermann‘schen Theaterstücks, „Cosmarchia sive Mundi Respubltca“. drückt griechisch und lateinisch etwas aus, was man vielleicht so übersetzen kann: .Der Staat als Welt“ oder .die Weh ab Staat“. Der Übersetzer Christian Sinn übersetzt diesen lateinisch-griechischen Doppelte! mit Welt-Herrschaft“.

Nach Ansicht des Verfassers dieser Zeiten möchte Bidermann zeigen, wie’s in der Menschenwelt zugeht, nämlich nach dem Sprichwort „Undank ist der Welt Lohn“ und .Handle entsprechend“. Vor allem aber Befolge die biblischen Empfehlungen: sammle Schätze nicht für diese Welt, sondern für die künftige (jenseitige). Und wenn du hier welche sammelst, nütze sie in einem christlichen Sinn, Diese gute Lehre soll aber nicht zu lehrhaft rüberkommen- wer mag schon gern ständig gereckte Zeigefinger sehen??, also erfindet auch Bidermann halbwegs amüsante Szenen.

Jakob Bidermann gibt gleich im Untertitel seines Dramas an, von wem er die Story für sein Drama bezieht, aus dem einst berühmten philosophischen Roman „Bariaam und Josaphat“ des syrischen Bischofs Johannes von Damaskus vom Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends. (Der Bartaam-Geschichte wurde übrigens nachgesagt, dass sie von indischen Darstellungen des Lebens Buddhas beeinflusst sei). Der lehrhafte Charakter des Theaterstücks wird pralöl deutlich daran, dass einige der auftretenden Figuren gleich den Namen dessen tragen, was sie vertreten, beispielsweise „Lust“, „Reichtum“, „Ansehen“, „Macht“, auch weitere Namen der Drama-Personen sind „sprechend“, wenn auch nicht ganz so blockig.

Verlegt wird das Buch von Klaus bete, Konstanz/Eggingen. Gedruckt ist die Übersetzung und das Nachwort in den alten (dem Verfasser dieser Zeilen ebenfalls mehr zusagenden) Rechtschreibregeln .von vor der Reform“, einer Art der Rechtschreibung, die die sponsernde OEW in ihren eigenen Verlautbarungen nicht mehr verwendet.

Ein Ehinger Lokalpatriot muss sich eigentlich freuen, wenn ein Text eines einst prominenten Ehingers wieder aufgelegt wird. Indes, die Begeisterung hält sich in Grenzen. Wer einen arten Schinken neu herausbringt, sollte ab Begründung nicht nur haben, dass das Buch auf dem Buchmarkt schwer käuflich ist oder dass ein einstiger Landesbewohner es
verfasst hat. Der gebildete Leser wünscht sich auch eine ausführlichere editorische Notiz als im vorliegenden Fall (wann und wo erschienen d# ersten Ausgaben?, was kennzeichnet die späteren Ausgaben und Übersetzungen und unterscheidet sie von der jetzigen?) So lesen wir beispielsweise in den Literaturhinweisen, dass ein Ettaler Benediktiner 1956 das Drama schon einmal übersetzte – mehr erfahren wir dazu nicht. Der durchschnittliche Leser (dazu rechnet sich der Verfasser dieser Zeilen) würde sich vermutlich über mehr Erläuterungen von Begriffen des Theaterstücks freuen, vor allem aber vielleicht eine Übersetzung vorfinden wollen, die nicht schon wieder den Geruch des 19. Jahrhunderts an sich trägt. Man stelle sich vor, heute sagt auf einer Theaterbühne A zu B: .Du Schurke!“ – Karl May lässt grüßen.

Vor allem aber darf der durchschnittliche Leser heute ein Nachwort erwarten, das halbwegs lesbar ist und nicht vor Fremdworten und Fachworten der inneruniversitären Text- und Sprachwissenschaft überquillt und deren wissenschaftliche Notwendigkeit vom Verfasser dieser Besprechung locker in Zweifel gezogen wird. Man gewinnt den Eindruck: Hier musste einer zeigen, dass er den Jargon drauf hat, koste es, was es wolle. Hier ist ein .Nachwort“ zu lesen, mit dem ein jüngerer Wissenschaftler – möglicherweise – belegen möchte, dass er zu einer Gruppe gehört, die eine bestimmte Spezial Sprache sicher sprechen und schreiben kann. Ein Dienst am durchschnittlichen, sogar am ziemlich gebildeten Leser ist ein solches Nachwort nicht. Als die neue Buchreihe angekündigt wurde, freute sich der Verfasser dieser Zeilen über die bevorstehende (geistige) Begegnung mit Leuten der Vergangenheit mit Autoren, die nicht so total vergessen sein sollten, wie sie es sind. Das gewissermaßen erste Exemplar der neuen Serie mit ihrem anspruchsvollen, wenn nicht geschwollenen Titel „Bibliotheca suevica“ macht höchstens einigen Philologen mit ganz speziellen Interessen Lust auf weitere .Exemplare“ der Serie.

Der Nachwort Verfasser zeigt durchs Zitieren von Autoren wie Walter Benjamin  dass er sich in einer schönen geistigen Wert bewegt, vf ging Mitte der sechziger Jahre absichtlich zum Studium nach Frankfurt, dorthin, wo damals fast die einzigen Philosophen in Deutschland, relativ früh nach dem verjagenden Dritten Reich, die Erinnerung an jene Heroen aus dem philosophischen Heiligenkalender pflegten), aber vf bezweifelt, ob das Sich-Bewegen in diesen erlauchten (Geistes-)Kreisen reicht, heutige Leser für ein (auch begrenztes) Interesse an jenen alten, lange toten Autoren zu gewinnen. Nicht schlecht wäre, wenn die neue Buchreihe nicht nur in Form von Ganzleinenbänden erscheint sondern auch weniger ambitioniert und durchschnittlesernäher in Gestalt einer Broschur. eines Taschenbuchs. Der Übersetzer und Nachwortverfasser Christian Sinn wurde 1962 in Pforzheim geboren. Er besuchte zeitweilig das Ehinger Gymnasium (der Vater war einige Jahre Chef von Neuweg Munderkingen und wohnt in Ehingen). C. Sinn studierte in Konstanz Neuere Deutsche Literatur und Philosophie, seine Doktorarbeit verfasste er über Jean Paul. Hinführung zu seiner Semiologie der Wissenschaft“ und seine Habilitation Uber .Dichten und Denken. Entwurf zu einer Grundlegung der Entdeckungslogik in den exakten und „schönen“ Wissenschaften“ Laut Eigennotiz des Herausgebers sind seine .Forschungsschwerpunkte: Literatur des Barock und der frühen Neuzeit; Goethezeit und Romantik, Geschichte und Methodologie der Geisteswissenschaften; literarische Rhetorik und Rhetorizität der Philosophie; Schmerztheorie als Erkenntnistheorie.“

Das Titelblatt der Ausgabe von 1666, alles schön in der damaligen Gebildeten- und Theologensprache Latein. Das Lernen der Rollentexte solcher Schultheaterstücke sollte auch dazu dienen, dass die Zöglinge von Jesuiten-Gymnasien besser Latein beherrschen.

27.11.2002 | Lesung aus einem Drama von Jakob Bidermann

EHINGEN / STUTTGART (vf) – Die Württembergische Landesbibliothek, der Verlag „Edition Klaus Isele“, Eggingen, und die OEW unter ihrem derzeitigen Vorstandsvorsitzenden Landrat Dr. Schürle geben in den kommenden Jahre schon lang nicht mehr erhältliche, fast vergessene historische Texte von Schwaben heraus, Editionen, für die vor allem Sponsorengelder nötig sind, weil sich nicht so viel Käufer finden, dass sich ein Verlag auf eigene Rechnung ein solches unternehmerisches Risiko eingehen kann. Am gestrigen Dienstag wurden in der Württ. Landesbibliothek Stuttgart die vier ersten Bücher dieser neuen Reihe („Ex Bibliotheca suevica“) vorgelegt, darunter „Cosmarchia oder Welt-Herrschaft“, ein Drama von Jakob Bidermann aus dem Jahr 1617. Der Ehinger Walter Frei und der Konstanzer Germanistik-Professor Ulrich Gaier, der die Neuerscheinungs-Reihe betreut, lasen Partien aus dem vierten Akt des Theaterstücks vor. Das Buch umfasst 133 Seiten und 54 Abbildungen. Christian Sinn hat das Drama aus dem Lateinischen übersetzt. – Ein anderes der vier weiteren Bücher ist die Neuauflage des Berichts eines Schwaben von 1747 über seine Reisen im damals noch fast gänzlich unerschlossenen Südamerika. Die zwei anderen Bände betreffen barocke Poesie schwäbischer Dichter.

26.11.2002 | Es kann und darf gekauft werden

EHINGEN (vf) – Die Neuerscheinung über Ehingen („Ehingen aber war merkwürdig – Ein Bilder- und  Geschichtenbuch der Stadt Ehingen”) liegt vor und kann unter anderem zum Selbstkostenpreis bei der SZ am Marktplatz erworben werden.

Gleich vorweg: Es ist vermutlich das poetischste Buch über Ehingen, das es bisher gab. Die Texte sind kurz (so dass selbst Menschen des Fernseh-  und des SMS-Kurznachrichten-Zeitalters es auszugsweise zu lesen vermögen). Alles ist portioniert in kleinen Brocken, so, dass man jederzeit zwischendrin anfangen und zwischendrin aufhören kann, ein Buch zum Drin-Blättern, im besten Wortsinn. Wer‘s partout will, darf‘s natürlich auch von vorn bis hinten durchlesen. Aber wer tut so was heute noch???? – nicht mal der Lese-Fanatiker vf.

Das Schöne an dem Buch ist die Bebilderung. Ganz viel Bilder aus der vorindustriellen, man könnte auch – halb wienernd – sagen: aus der Vor-Ringstraßen-Zeit sind hier gesammelt. Wichtig: Die Druckfarbe ist nicht schwarz, sondern abgetönt, was einen Effekt ähnlich dem Kupfertiefdruck ergibt (Das Verfahren heißt: Duplex- oder Zwei-Ton-Druck). Alles wird und alles wirkt ein bisschen entrückt (manchmal ist’s auch ein bisschen zu dunkel geraten – wo es heute doch so schöne PC-Bildbearbeitungsverfahren gibt). Es ist ein Buch für einen ruhigen Augenblick, sogar vielleicht eines, das selbst beruhigt. Reizvoll ist die Gegenüberstellung der selben Bauten oder Straßen zu verschiedenen Zeiten. Man sieht: Auch eine Stadt ändert sich, nicht so rasch wie ein Mensch, ein Garten, ein Wald. Aber eben auch.

Weil das Gestalterische eine solche Rolle spielt, gehört es sich nicht nur, dass die Autoren erwähnt werden (Alois Braig, Johann Peter Franzreb, Erich Merz, Johannes Lang, Karl Raizner, Rudolf Schrodi, Wolfgang Sigloch, alle in Ehingen lebend, wenn auch nicht unbedingt von hier stammend), sondern auch die Gestalter: die Firma Bertsche & Spiegel, Ulm; Bettina Spiegel stammt aus Ehingen. – Wolfgang Sigloch, Lehrer am Gymnasium, hat sich viel Mühe gegeben mit der Redaktion der Texte und einer guten Proportionierung der Beiträge aus verschiedenen Federn. Gedruckt wurde der fest gebundene 220-Seiten-Band auf 13S-Gramm-Kunstdruck-Papier der Ehinger Papierfabrik Sappi und dieses auch von Sappi gestiftet. Eine Reihe weiterer Sponsoren sind aufgeführt am Schluss des Buches und verdienen Dank. Mit ihrer Hilfe wird das Buch zu einem günstigen Preis (13,50 Euro, also zwei, drei Kino Eintrittskarten) angeboten. Erfreulicherweise sind in der Neuerscheinung nicht nur die guten alten Habsburger genannt, sondern viel mehr die heute so wichtigen Wirtschaftsunternehmen in Ehingen kurz vorgestellt. Die weniger schönen Seiten der Stadt und ihrer Geschichte (wenn man von Gebäuden absieht), sind übergangen. Die gute Stimmung, das schöne Bild (vielleicht manchmal gar: Bildchen) gestört. Wir wünschen allen Lesern viel Anschau- und Lesevergnügen.

10.11.2002 | Adelsgrabmale in Kirche erinnern an manchen Ehestreit

ZWIEFALTENDORF / RAUM EHINGEN – Reiche Leute vergangener Zeiten leisteten sich ab und zu großzügige Grabmale. Der Pofel und auch die eigenen Nachfahren sollten sehen, was die Errichter für tolle Leute waren und wie weit sie es gebracht haben (heute ist es auch nicht völlig anders). „Eindruck schinden“ nennt man dieses Verhalten, wenn es auch nicht dem entspricht, was die einstigen Grabmal-Erbauer gern über sich und ihr Grabmal gehört und gelesen hätten. Andererseits gibt uns die Prunksucht vergangener Zeiten heute die Gelegenheit, etwas über jene vergangenen Zeiten zu erfahren und das auf bequemere Art, als blätterte man in dicken Folianten. In einer Reihe Kirchen des Raums Ehingen stehen schöne Grabmale vergangener Zehen, aber in kaum einer Kirche wohl so viele wie in Zwiefaltendorf. Die hierherum einst einflussreiche und begüterte Adelsfamilie von Speth (oder Späth) hatte die Dorfkirche von Zwiefalten zu ihrer Familiengrablege erwahrt. Wichtig an fast allen solchen Grabmalen: Sie weisen die Wappen der Herkunftsfamilien von Adels-Männlein und -Weiblein auf, salopp formuliert: gewissermaßen den Arier-Nachweis früherer Zeiten – alles von bester Abkunft, alles paletti. Aber ganz ernst: So was wie ein jüdischer Gen-Geber unter den Vorfahren, das wäre die absolute Katastrophe in dieser Standes- und abkunfts-hysterischen Gesellschaft gewesen. – Der Untermarchtaler Heimatgeschichtsfreund Wolfgang Rieger hat einiges über die Zwiefaltendorfer Grabmale und ihre Errichter aus der veröffentlichten Literatur notiert, woraus wir nun wiederum das Amüsanteste oder Interessanteste auswählen. (vf)

Die Speth‘schen Grabdenkmale in dieser spätgotischen Pfarrkirche stammen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert

Grabmale sind Sinnbild-Speicher

Da ist beispielsweise das schöne Denkmal an der rechten Seitenschiffwand mit einer Höhe von immerhin dreieinhalb Metern und einer Breite von 1,80 Metern. Es zeigt ein kniendes Ritterehepaar und Jesus Christus in der Gestalt des Schmerzensmannes, der die Arme über das Ehepaar breitet, darüber Gottvater, eine Taube (als Sinnbild der dritten göttlichen Person), Engelsköpfe, ein Kreuz (Hinweis auf das Schicksal von Gott Sohn auf dieser Erde) und Marterwerkzeuge (mit denen man dem Gottessohn vor seinem Tod zugesetzt hatte). Ein sauberer Stammbaum  muss sein – wie fast immer bei diesen Grabmalen: Die gute Herkunft wird durch die Wappen der adeligen Herkunftsfamilien bezeugt: Hier sind es die Wappen der Familien Speth, Stain (oder Stein – in unserer Gegend mit den zahlreichen Ausformungen Reichenstein, Rechtenstein, Klingenstein etc.), Gissa, Berg, Neipperg, Massenbach, Helmstatt, Rüdt von Collenberg. Das auf dem Grabstein dargestellte Paar ist dort nicht näher bezeichnet; Untersuchungen und Überlegungen haben dazu geführt, dieses Ehepaar als Dietrich von Speth und seine Frau Agatha geb. von Neipperg zu deuten, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts starben (Nachweis in: „Archiv für christliche Kunst“ 1897). –

Dass Dietrich ein Kavalier alter Schule war, musste er schwer büßen und er wurde vor allem dadurch eine „Person der Geschichte“. – Dietrich war ein hoher, vertrauter Beamter des einstigen Herzogs Ulrich von Württemberg (1498 – 1550). Ulrich hatte Streit mit seiner Frau Sabina, einer geborenen von Wittelsbach aus Bayern. Diese hatte ihren Ehemann absolut, über’ und flüchtete unter wesentlicher Mithilfe Dietrichs von Speth vor ihres Ehemanns Unfreundlichkeit im Jahr 1515 ins vorderösterreichische Ehingen (mit Übernachtung im damaligen ,Renner‘schen Hof) und dann weiter zu ihrer Herkunftsfamilie in München. Herzog Ulrich war stocksauer, dass sein Vertrauter und Angestellter gegenüber der Ehefrau Sabina mehr Loyalität (oder Ritterlichkeit) gezeigt hatte als ihm selbst gegenüber und revanchierte sich auf ganz unritterliche Art, indem er die auf seinem Herrschaftsgebiet oder nahe dabei liegenden Schlösser des Dietrich in Untermarchtal, Zwiefaltendorf, Ehestetten und Neidlingen niederbrennen und die zugehörigen Dörfer plündern ließ. Diese Rache scheint ihm noch nicht gereicht zu haben. Zu einem späteren Zeitpunkt, nach einem „Durchhänger“, als Ulrich dann wieder so richtig im (württembergischen) Sattel saß, ließ er gar den Besitz des einstigen Freundes Dietrich einziehen. Erst die Kinder von Dietrich und Agathe erhielten nach dem Tod des Landesherrn Ulrich 1550 wieder das elterliche Erbe.

Tapferer Kämpfer – gegen die Osmanen

Als Herzog Ulrich seinen Durchhänger überwunden,“ in seinem Land Württemberg wieder das Sagen hatte und wohl noch immer auf Dietrich von Speth sauer war, flüchtete sich dieser 1534 nach Wien, zum Kaiser. Schon zuvor hatte er seine Brötchen als hoher Soldat verdient: Er war Oberst, beim Kurfürst der Pfalz, der seinen Hauptwohnsitz in Heidelberg hatte, später war er einer der ranghöchsten Offiziere der damaligen Reichstruppen, die das Deutsche Reich römischer Nation und insbesondere Wien im Jahr 1529 gegen die vordrängenden osmanischen Truppen verteidigten. Der Oberschwabe Dietrich machte seine Sache so gut, dass er damals den Beinamen „deutscher Mars“ (Mars – römischer Kriegsgott) erhielt. 1536, also bald, nachdem Ulrich wieder Chef in seinem Land Württemberg geworden war, kam Dietrich Speth bei Marseille ums Leben; auch dort war er als Soldat unterwegs gewesen. Immerhin ging es ihm oder seinen Kindern finanziell so gut, dass sie ein so teures Grabmal wie das in der Zwiefaltendorfer Kirche errichten lassen und zahlen konnten.

Ein Vorrecht: verurteilen und henken lassen

Dietrich muss in jungen Jahren recht gut ‘rausgekommen sein: So könnte er Anfang des 16. Jahrhunderts vor! der damaligen Reichsregierung (Kaisen Maximilian) das Recht des sogenannten Blutbanns erwerben; das heißt: Er durfte in seinem Herrschaftsbereich! Todesurteile verhängen und ausführen lassen. Überliefert sind wenigsten zwei Hinrichtungen: 1511 wurde ein Mann aus Weitingen und 1531 einen aus Pflummern hinter Zwiefalten im Herrschaftsbereich Dietrichs von Speth „vom Leben zum. Tode gebracht“ (wie das früher so schön hieß); einer den beiden wird als „Totschläger“ bei zeichnet.

Diese verdammten Söhne.

Auch das Grabrelief von Wilhelm Dietrich Speth von und zu Zwiefalten in der Zwiefaltendorfer Kirche ist recht stattlich: 2,25 Meter hoch, 1,60 Meter breit. Das Grabmal ist ein Schmuck im gotischen Chor der Kirche. Es zeig! einen auf einem Löwen knienden Ritter in betender Haltung, vor den! gekreuzigten Gottessohn, dahinter Gott Vater. Wilhelm D. Speth wurde 1546 geboren und starb 1615. Mit ihm verbindet sich ein Gschichtle übel den Streit mit seiner von ihm geschiedenen Frau Susanna, die ihren Ehemann, anno 1599 verlassen hatte. Der Verlassene enterbte daraufhin sein Frau und seine Söhne (die wohl zur Mutter gehalten hatten). Die Söhn wollten das nicht hinnehmen, klagten und hatten teilweise Erfolg.

WD scheint ein harter Knochen gewesen zu sein: Die ihm untertaner Bauern in Zwiefaltendorf und Ehestetten auf der Zwiefalter Alb probten 1600 den Aufstand. Einer seiner beiden Söhne lebte lange Zeit im Benediktinerkloster Zwiefalten und vermachte dem Kloster nach seinem Tod einiges vor seinem Speth’schen Erbe. Ein besonders schönes Grabmal wurde für Hans Eyttel (heute: „Eitel“ Speth von und zu Sulzburg Ende des16. Jahrhunderts oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichtet. Auch hier steht Jesus Christus im Mittelpunkt, e wird als vom Tod Auferstandene, gezeigt, mit einer Siegesfahne (Sich über den Tod) in der Hand, darüber der Himmel mit vielen Heiligen, Aposteln, Gottvater auf einer Weltkugel stehend, darunter als Szene de: Jüngsten Gerichts auferstehende Tot« und für immer verdammte Seelen. Der adelige Herr zeigt sich auf einen Löwen kniend, seine Frau auf einem Lamm (dies sind natürlich jeweils sinnbildhaft zu verstehende Bilder). Zu den Füßen der beiden Eheleute liegen Helm und Ritterrüstungs-Handschuhe – ein dezenter Hinweis auf die hauptsächliche Berufstätigkeit des Adelsherrn.

Natürlich sind wieder die (von vf flippig so genannten) Arier-Nachweise vorhanden, in Form der Ahnenwappen Lützelburg, Bissenberg, Milen (heute: Mühlen), Catzberg, Bock, Ladenberg, Ottenheim, Scheinen, Gemmingen, Angeloch, Reichenstein, Brenestein, Andlaw (Andlau), Wernaw (Wernau) und Bulach. Hans Eyttel war vermutlich kein so harter Knochen wie andere Angehörige der Familie: So errichtete er 1586 eine Stiftung, deren jährlicher Zins am Allerseelentag den Armen im Dorf auszuzahlen war. Wie viele andere Stiftungen ist auch diese wohl inzwischen längst „da Bach naa“. Die Speth zu Sulzburg tragen ihren Beinamen nach einem gleichnamigen Ort in der Nähe von Kirchheim / Teck, wo sie ein Gut besaßen. Es gab mehrere Zweige der Großfamilie Speth, deshalb führte man solche geographischen Unterscheidungsmerkmale ein.

02.11.2002 | 2 Meter lange Python hat sich ‚auf die Socken gemacht‘

SAUGGART (vf) – Bereits am 14. Oktober hat sich eine etwa sieben Jahre alt und zwei Meter lange Teppich Python in einem Haus hier „auf die Socken gemacht” und blieb bisher verschwunden.

Weil das Kriechtier zwar nicht beißt, aber vielleicht doch würgen kann, haben Polizei und Ortsvorsteher auf die mögliche Gefahr per Flugblatt im Dorf hingewiesen. Groß dürfte die Gefahr nicht sein, weil die Schlangenart, die in Australien beheimatet ist; bei der derzeitigen Außentemperatur recht faul wird, sogar in eine Art Winterstarre verfällt und sogar Python hat sogar eingehen kann. Nun sind normale Sauggarter nicht sehr mit Pythonschlangen vertraut, insofern machen sich doch einige Bürger im Ort Sorge. Vor allem an Kinder wird dabei gedacht. Oder auch daran, dass die Schlange vielleicht schon längst in einem Keller Zuflucht und Wärme gesucht hat und eines Tages jemand beim Betreten der Vorratsräume einen herben Schreck kriegt, wenn sich da Frau oder Herr Python zwischen Marmeladegläsern oder Kartoffelsäcken räkelt.

Im Dorf sind verschiedene Bürger nicht gerade erbaut, dass die Bevölkerung relativ langsam unterrichtet wurde. Das liebe Tierlein hat sich ,auf die Socken gemacht‘ bereits am 14. Oktober –  eine Warnung ging aber erst am 17. raus.

Wie kommt ein solch eigentlich australisches Lebewesen ins stille oberschwäbische Sauggart??

Mitgebracht hat sie ein Mann, der vor etwa sechs Wochen nach Sauggart zuzog und in einem älteren Häusle wohnt und in Sigmaringen berufstätig ist. Die Teppichpython scheint nicht sein einziger Haus-Mitbewohner zu sein. Und da Pythons ihre eigenen Nahrungsgewohnheiten haben; wird im Dorf verbreitet, der gute Mann züchte kleine Nagetiere als Python-Nahrung. Zum Vorwurf „mangelnde Information” zählt auch, dass die Verselbständigung des Tierleins nur dadurch bekannt wurde, dass ein Nachbar den Schlangen-Eigentümer bei Nach mit einer Taschenlampe in seinem Garten nach dem Tier suchen sah. Da die Schlange tausend Euro Wert ist, bedeutet ihre Verselbständigung einen materiellen Verlust.

Im Flugblatt der Gemeinde heißt es: „Wer die Schlange gesehen hat, sollte sich unbedingt sofort bei Ortsvorsteher Locher, Tel. 07374/1657, oder bei der Gemeindeverwaltung Littenweiler melden.” Vf fragt: Warum hat man nicht die Telefonnummer des Eigentümers genannt?

16.10.2002 | Kaminkehrerstreit Verwaltungsrichter schmettert Klage eines Ehingers ab

SIGMARINGEN / EHINGEN. Kürzlich wurde der „Kaminkehrerstreit” „Wilhelm Rettenberger, Ehingen, gegen das Land Baden-Württemberg” vor dem Verwaltungsgericht verhandelt. Jetzt wurde dem Kläger das Urteil der 7. Kammer unter dem versitzenden Richter Armbruster zugestellt.

Wie von der Ehinger SZ vor längerem berichtet, hatte der Kläger dem zuständigen Ehinger Bezirksschornsteinfegermeister den Zutritt zu seiner Heizanlage verweigert. Damals, Anfang 2000, bat er das Landratsamt Alb-Donau-Kreis als Aufsichtsbehörde, ihm einen anderen Kehrer zuzuteilen, da der Kehrmeister unkorrekt arbeite, falsch abrechne und aus persönlichen Gründen bei ihm Hausverbot habe. – Der zuständige Aufsichtsbeamte im Landratsamt wies auf das durch den Gesetzgeber abgesicherte Bezirksmonopol der Kaminkehrer hin und lehnte den Wunsch des Ehinger Bürgers ab. Gleichzeitig verfügte das Landratsamt, dass genau diesem Kehrer Zutritt gewährt werden muss, und verband die Duldungsverfügung mit einer Bearbeitungsgebühr von 100 Mark.

In dieser Situation ließ der Kläger seine Heizung modernisieren. Die gesetzlich vorgeschriebene Abnahme durch den Bezirksschornsteinfeger stand bevor.

Um seine Vorwürfe abzuklären und um der Behörde zu zeigen, dass er Überprüfungsarbeiten durch Kaminkehrer nicht grundsätzlich ablehne, gestattete er dem Kehrer, nur in Begleitung eines Aufsichtsbeamten bei ihm tätig zu werden. Zuvor wollte er jedoch von offizieller Seite die Kosten für die Abnahme mitgeteilt bekommen.

In Gegenwart des Aufsichtsbeamten wurde dem Kläger bei der Abnahme eine um mindestens 100 Mark überteuerte Rechnung ausgehändigt. Auf der Rechnung waren einige Einzelposten aufgeführt, die sich normalerweise gegenseitig ausschließen. Daraufhin hielt der Kläger seinen Widerspruch gegen die Verfügung aufrecht, die vom Regierungspräsidium, verbunden mit einer Bearbeitungsgebühr von DM 150 Mark, für rechtens erklärt wurde. Nun strengte W. Rettenberger eine Klage beim Verwaltungsgericht an.

Bei der mündlichen Verhandlung bestritten auch die Richter den zwischenzeitlich eindeutig belegten Vorwurf der Falschabrechnung des Kehrers nicht. Ebenso wenig bestritten sie die fehlende Kontrolle durch den Aufsichtsbeamten. „Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er keine Kehr- und Überprüfungsordnung zur Hand hatte”. Nach Ansicht des Gerichts reicht aber eine einmalig beweisbare Falschabrechnung des Kaminkehrers nicht aus, um ihn dem Kläger gegenüber für befangen zu erklären. „Oft genug würden Prozessbeteiligte mit völlig abwegigen Vorwürfen wie z.B. dem Vorwurf des Alkoholismus versuchen, ihn, Richter Armbruster, für befangen zu erklären. Außerdem habe er selbst auch schon mal einen falschen Müllgebührenbescheid bekommen. Deswegen sei er nicht gleich vor Gericht gegangen”. Im schriftlichen Urteil der 7. Kammer des Verwaltungsgerüchts Sigmaringen wurde die Klage gegen das Land abgewiesen. Der Kläger ist verpflichtet, den zuständigen Kaminkehrer einzulassen, er hat sowohl die Bearbeitungsgebühren der Aufsichtsbehörden als auch die Gerichtskosten zu tragen. Revision gegen das Urteil ist (ohne Begründung) nicht zugelassen.

Weil die Richter „keine genügenden Anhaltspunkte für die Bedeutung der Sache für den Kläger” sahen, setzten sie den Streitwert auf immerhin 4.000 Euro fest.

Der Ehinger Kläger will sich von diesem Urteil nicht entmutigen lassen. Sein Sohn, Dr. rer. nat. Michael Rettenberger, hat in derselben Angelegenheit zu Jahresbeginn eine Petition beim Landtag eingereicht. Nach seiner Ansicht passen Monopole, wie das der Bezirksschornsteinfeger, nicht mehr in unsere Zeit. Insbesondere, wenn die Kontrolle der Monopolisten, wie in diesem Fall, nicht greift.

Notfalls möchte W. Rettenberger bis zum höchsten Gericht nach Karlsruhe gehen, um einen Handwerker, den er als Betrüger empfindet, nicht mehr in sein Haus einlassen zu müssen.Anmerkung vf: Auch Zeitungsmacher Veit Feger findet die derzeitigen gesetzlichen Vorschriften im Bereich des Kaminkehres einen Hohn auf die Bürger. Zum einen der Ausschluss von Konkurrenz, zum anderen, dass Prüfungsvorschriften (und entsprechend hohe Kosten) auch für praktisch abgasfreie Verbrennungsverfahren gelten. Bürger lassen umweltfreundliche Heizungsarten mit teurem Geld einbauen, müssen aber nach wie vor die gleich teuren Abluftprüfungen wie zu Zeiten von Kohle und Öl durchführen lassen und blechen. Eine Änderung dieses Zustandes wäre längst angesagt und eine schöne Aufgabe-auch für die Abgeordneten aus unserem Wahlkreis.

21.09.2002 | Mundart-Hörspiel über den Malefiz-Schenk

OBERDISCHINGEN / TÜBINGEN (vf) – Am 28. September sendet der SWR 4 ein Mundarthörspiel über den Malefizschenken: „Hurra, wir bauen ein Zuchthaus“. Verfasser ist die aus Kirchheim / Teck stammende, in Tübingen wohnende Dorothea Keuler. Das Hörspiel dauert 45 Minuten, wird jetzt zum ersten Mal gesendet und wurde vom SWR mit dem dritten Platz bei einem Hörspiel-Wettbewerb bedacht.

Der Ehinger SZ-Mitarbeiter vf unterhielt sich mit der Autorin. Die ist 51 Jahre alt, hat Neuere Deutsche Literatur studiert, mit dem „Magister“ abgeschlossen und arbeitet als Freie Journalistin vor allem für den Rundfunk. Auch einen Roman hat sie bereits veröffentlicht, im Jahr 1998: „Die wahre Geschichte der Effi B.“ (gemeint ist die berühmte Fontanesche Roman-Figur Effi Briest).

Auf das Thema“ „Malefizschenk“ stieß die Autorin eher zufällig. Sie war daran (und ist es vielleicht noch), einen Roman über das oder aus dem Gaunermilieu zu schreiben; dabei kam sie auf den berühmten Gauner-Verfolger aus Oberdischingen. Sie befasste sich näher mit dem Thema, verfasste für den Funk einen locker formulierten Sendungstext, bereits mit schwäbischen Einsprengseln, zu hören im Jahr 1999. Damals schon hatte sie auch Kontakt mit dem Oberdischinger Heimatgeschichtsforscher Rudolf Sautter und ließ sich von ihm vor Ort einiges über den Malefizschenken und seine Gauner erzählen. Im vergangenen Jahr schrieb sie nun das Hörspiel zu dem Thema – ihr erstes – und gleich einen Preis bei einem Wettbewerb! – „das ist doch was“, meint unsere Gesprächspartnerin freundlich

Das Hörspiel weist einen hochdeutsch sprechenden Erzähler auf; die anderen Sprecher (Walter Schultheiß, Monika Hirschle, Franz Xaver Ott, Herbert Teschner u.a.) schwätzen schwäbisch. – vf meint: Ob das nun gerade Schwäbisch aus Oberdischingen ist, spielt keine große Rolle, schließlich suchte sich der gräfliche Kriminalist seine Leute weitum zusammen, bis im Badischen und in der Schweiz. Man kann natürlich annehmen, dass die in der Sendung hörbaren Schwaben, vom Süddeutschen Rundfunk engagiert, schon eher Stuttgarter oder Tübinger Honoratiorenschwäbisch reden. Wir sind gespannt.

Regie führte bei der „Inszenierung“ des Hörspiels die Regisseurin und Komponistin Susanne Hinkelbein. Zum Inhalt heißt es seitens des SWR so etwa: Für den zukünftigen Grafen Franz ist es eine Qual, eine vornehm gepuderte Perücke tragen zu müssen. Vor allem, weil er dafür von den bürgerlichen Kindern gehänselt wird. Sie nennen ihn sogar „Lackaffe“ – dabei würde er doch so gerne mit ihnen am Bach spielen! – Franz wird groß, nun scheint die Zeit der Rache gekommen: Franz lässt ein Zuchthaus bauen, in dem alle Beutelschneider, Vaganten und andere üblen Gesellen büßen sollen. Doch leider gehören dazu auch ausnehmend schöne Gaunerinnen, wie die schwarze Lies… Der Graf ist vom Verfolgungseifer besessen und bekommt das selbst am bittersten zu spüren.“ Bekanntlich ist der Malefizschenk bereits mehrfach zum Gegenstand dichterischer Phantasie gemacht worden.

21.09.2002 | Grabstein aus dem einstigen Familiengrab gerettet

OBERDISCHINGEN (vf) – Der von hier stammende Karl Ott, heute in Metzingen lebend, hat der Gemeinde ein besonderes Geschenk gemacht, eine Grabplatte aus dem 1976 abgebrochenen Familiengrab der Familie Kaulla, einst hier Schloss- und Schlossgutbesitzer.  – Die Kaullas hatten in der Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Sohn des Malefizschenken das Gut Oberdischingen gekauft und es bis zum Jahr 1900 in Besitz, dann wurde es an die Oberkirchberger Grafenfamilie Fugger verkauft.

Die Grabplatte, die aus dem einstigen stattlichen, aber baufällig gewordenen Familiengrab stammt, trägt die Inschrift: Der Vater Friedrich Kaulla, Rittergutsbesitzer, Ritter des königlich württembergischen Kronordens, des königlich preußischen Kronordens, des königlich württembergischen Olga-Ordens, Inhaber der Kriegsgedenkmünze für Nichtkombattanten (d. h.: Nichtkämpfer) und der silbernen Jubiläumsmedaille – 1807 – 1895. – Auch als Nichtkämpfer konnte jemand ausgezeichnet werden, etwa, indem er sich um die lazarettmäßige Versorgung von Soldaten kümmerte. Friedrich Kaulla war ein Abkömmling einer bedeutenden jüdischen Bankiersfamilie aus Hechingen. Berühmteste Vertreterin war eine Frau, Chaile, deren Namen dann zu Kaulla umgewandelt wurde und die im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen und ihrer Finanzierstätigkeit für den Großherzog und dann König von Württemberg zu weiterem Reichtum und ihre Nachfahren auch zu Adel kamen.

Grabstein, in Metzingen gerettet, jetzt wieder in Oberdischingen.