24.01.2002 | Untermarchtaler Vinzentinerinnen vom Bayerischen Fernsehen präsentiert

UNTERMARCHTAL / MÜNCHEN (vf) – In der Serie „Stationen“, Untergruppe „Donauklöster“, zeigte das Dritte Programm des Bayerischen Fernsehens am Dienstagabend einen in Zusammenarbeit mehreren Sendern entstandenen dreiviertelstündigen Film über das Mutterhaus Untermarchtal und die diözesanen Vinzentinerinnen.

Die Ehinger SZ hat die Sendung angekündigt und vom Entstehen des Films berichtet. – Der zusammengefasste Eindruck des Film-Beobachters vf: Hier wie fast durchweg im Fernsehen heute lautet die Regel für egal welche Produktion „Infotainment“, das heißt: Kombination von Entertainment (Unterhaltung) und Informationen, wobei der Akzent massiv auf dem Element „Entertainment“ liegt. – Die aufzähl- und berichtbaren Informationen des Kloster-Films hielten sich in Grenzen; Wir hören, wie viele Untermarchtaler Vinzentinerinnen es gibt, dass sie in verschiedenen sozialen Einrichtungen an zahlreichen Orten tätig sind, dass ihre Oberin von einem vierköpfigen Beirat unterstützt wird und dass wichtige Hinweise für ihre Arbeit von zwei männlichen französischen Heiligen des 17. Jahrhunderts stammen. Das war’s fast schon – nicht viel bei einer Dreiviertelstunde Sendezeit. – Der Zuschauer erfuhr nichts über das Alter der Vereinigung, nichts über die Form des Beitritts, nichts über die besondere Art des Beitritts-Versprechens (des „Gelübdes“, das in dieser Kongregation im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Vereinigungen jährlich erneuert wird, was strenggenommen heißt: auch jedes Jahr widerrufen werden könnte). Wir hören nichts von dem – zumindest früher – höchst wichtigen männlichen Geistliehen mit dem Titel „Superior“ (der „Obere“, der „Vorgesetzte“, nicht etwa: der „Berater“), wir hören nichts davon, wie diese Frauen zu ihren stattlichen Gebäuden und Flächen gekommen sind. Wir hören nichts davon, wie alt die Leiterin („Generaloberin“) ist, wie lang sie schon im Amt ist, ob sie abgewählt werden kann, was sie früher für einen Beruf hatte, wir hören nichts von Problemen, die es in einer solchen Vereinigung ja vermutlich auch gibt (zum Beispiel Überalterung, mangelnder Nachwuchs, Unter- und Nebenordnung, Kinder- und Sexualitätsverzicht). Das ganze Mutterhaus scheint eine -wunderbar heile Welt zu sein, angesichts derer sich jeder fragen müsste: Warum wächst diese Vereinigung nicht rapid, warum geht statt dessen die Schwesternzahl zurück?

Der Film hat ziemliche Längen, zugunsten des Elements „Unterhaltung“: Wir „dürfen“ (eher: müssen) relativ lang zusehen, wie die Ordensfrauen in ihrem „Wetten-dass-Auftritt“ Brote schmieren und nachher amüsiert den Fernsehfilm anschauen, wir müssen lange mitanschauen, wie Jugendtagsbesucher per Kanu über die Donau heranschippern (das war zwar nur ein winziger Prozentsatz der Zubewegungs-Verfahren, aber ein „telegener“). Sehr lang erzählt die Leiterin
der kleinen Gruppe früherer Obermarchtaler Salesianerinnen von der Aufnahme ins Mutterhaus Untermarchtal. – Der Fernsehtexter äußert hier beiläufig den üblich-falschen und üblich-beschönigenden Satz, dass das Stift Obermarchtal „der Säkularisation zum Opfer fiel“ (nein! Es fiel der regulären französischen, württembergischen und ,thurn-und-taxis‘schen Regierung „zum Opfer“, die sich hier, wie auch andernorts, auf eine Stufe mit Räubern stellten).

Die Sendung war über weite Strecken mit verschiedenartigster Musik unterlegt: Rock, Tango, gehobene Klaviermusik etc. Dem Betrachter (und dies falls Zuhörer) vf blieb hier (wie freilich auch sonst in vielen Fernsehsendungen) (unerfindlich, was Musik und Filmthema mit einander zu tun hatten (davon abgesehen, dass Informationsaufnahme, – Verarbeitung und –speicherung durch gleichzeitiges Ertönen von Musik bei nur ganz wenigen Menschen wachsen). Dem Betrachter vf gefiel an diesem Film ein Ausschnitt aus dem Film-Teilstück „Esslingen“. Hier wurde (neben der Jugendtags-Organisation) der“ einzige Tätigkeitsbereich einiger Ordensfrauen näher geschildert: Zwei von ihnen kümmern sich in einer früheren Gaststätte mit bewundernswerter Menschenfreundlichkeit um Penner, die für sie – wie es für Christen sein sollte- ebenfalls Gottes Geschöpfe sind. Diese beiden Frauen zeigten nicht den Schein ausdrücklicher Heiligkeit, der sonst in dieser Sendung öfters ins Auge fiel. Schön für diese zwei christlichen Frauen ist sicher, dass infolge ihres freundlichen Zuspruchs einer ihrer Schützlinge (einer von ganz wenigen) seinen umständlichen Selbstmordplan per Dauer-Suff aufgab. – Das Thema der nächsten „Stationen“-Sendung, am 29. 1.: „Im Land der Mormonen“.

20.01.2002 | Vor einem halben Jahrhundert im Raum Ehingen

(vf) – Die Ehinger SZ setzt ihre „Rückschau Raum Ehingen vor fünfzig Jahren“ fort.

Die Heimatvertriebenen in Rechtenstein sind eine Gruppe, genügend groß, um eine eigene Weihnachtsfeier abzuhalten. .“Für die Kinder gab es Kakao,“ berichtet die Heimatzeitung.

Pfarrer Scheel aus Obermarchtal „ermahnte die Heimatvertriebenen, auch weiterhin der Zukunft zu vertrauen.“

Der Kreistag des Kreises Ehingen beschließt den Bau einer Donaubrücke in Untermarchtal, aber auch die Anbringung eines neuen Geländers an der Ehinger Landwirtschaftsschule und den Einbau eines Personenaufzugs im Kreiskrankenhaus.

Ehinger VHS, Frühjahrsprogramm 1952: Ein früherer Botschaftsrat spricht über China, Theologieprofessor Hirschmann aus Tübingen über die „Nervosität des modernen Menschen“, der Ehinger evangelische Stadtpfarrer Dr. Geppert über Nietzsche, ein Pater aus dem Kloster Gorheim über „sittliche Grundwerte“, Dr. Adolf Waas über den Polarforscher Nansen.

In den Handwerksbetrieben im Kreis Ehingen werden 532 Lehrlinge ausgebildet, das heißt: in jedem zweiten Handwerksbetrieb einer. Die mit Abstand häufigsten Lehrberufe: Damenschneidern), Maurer und Gipser, Schlosser und Maschinenbauer. 36 Betriebe werden 1951 in die Handwerksrolle eingetragen, davon „sechs Flüchtlingsbetriebe“.

Arbeitsunfall: Eine 75-jährige Frau stürzt vom Heustock ihres bäuerlichen Anwesens in Oberstadion.

Die älteste Einwohnerin von Kirchen feiert den 90. Geburtstag, „Frl. Luzie Rummel“.

Der Schelklinger Gemeinderat beschließt Preise für den Verkauf von Holzausdem Stadtwald. Die Preise liegen niedriger als die vom Staat vorgeschlagenen (Knorrholz 22,50 Mark je Festmeter, Scheitholz 25.50). „Die Holzhauer erhalten einen Reisteil zum Anschlagwert“. Stadtpfarrer Kaufmann bittet, Holz für den Bau des Gemeindehauses und für Böden dort zur Verfügung zu stellen. – .Mieten   für die Wohnungen in einem Acht-Familien-Haus wurden festgesetzt: 40 bis 45 Mark monatlich. Die Schelklinger Fußball-Aktiven besiegen Gäste aus Obermarchtal. „Dem Läufer Dreher wurde der Ball kunstgerecht durch ferne Kombination vor die Füße gespielt, er konnte unhaltbar einsenden“ (Weitere Spieler: Scheitenberger, Kneer I und II). Der Schiedsrichter aus Saulgau „hatte bei der angenehmen Spielweise beider Mannschaften einen leichten Stand.“

20.01.2002 | B. Walser hat sich in New York und Buenos Aires umgeschaut

RISSTISSEN / EHINGEN (vf) – Uns Schwaben wird manchmal mangelnde Weitläufigkeit vorgehalten; von der neuen VHS-Mitarbeiterin Benedicta Walser lässt sich das schlecht behaupten. Auf Nachfrage erfuhren wir von ihr, dass sie ein Dreivierteljahr das Auf-und-Ab an der New Yorker „Met“ (Metropolitan Opera) beobachtet hat, dass sie zwei Jahre in Buenos Aires bei einer Zeitung arbeitete-als Rißtissener Landwirtstochter, die in ihrer Kindheit und Jugend beim Misten und Heuen geholfen hat.

Als biederer Schwabe fragt man aber auch: Woher kommt das Geld für einen solch langen New-York-Aufenthalt? Schließlich wird man an der Met nicht gleich Geld verdienen, zumal, „wenn man weder Sänger noch Instrumentalist ist. – Die bescheidene Antwort: „Ich habe an meinem Studienort München fest auf dem Oktoberfest gejobbt, dann konnte ich solch eine Reise wagen.“

Benedicta Walser wurde im September 67 geboren und wuchs als eines von sieben Kindern auf einem Rißtissener Bauernhof auf, der heute wie viele andere nicht mehr besteht; der Vater starb, als Benedicta 13 Jahre alt war. In Ehingen besuchte sie das Gymnasium und legte 1987 das Abitur ab. Wer selbst früher mal das Ehinger Gymmi besuchte, kannte nachempfinden, dass B. Walser auf die Frage nach einem beeindruckenden Lehrer Xaver Maichle nennt. Der äußerte im (Latein-, Geschichte-, Griechisch-oder Deutsch-)Unterricht auch philosophische und theologische Überlegungen; man spürte, dass ihm solche Fragen und Probleme nahe gehen. – Auch Benedicta Walser fühlte und dachte nach dem Abi, es sei angebracht, über unser Dasein grundsätzlich nachzudenken: Sie entschied sich tapfer zu dem in langfristiger Perspektive ja eher brotlosen Studium der Philosophie; Neigung war neben Psychologie ihr drittes Studienfach: Theaterwissenschaft; in Ehingen hatte sie schon mal bei einer Theater-AG mitgemacht. In Sachen „Theater“ unterbrach sie ihr Studium in München für zwei längere „Hospitanzen“: für eine viermonatige Regieassistenz am Berliner „Theater der Altstadt“ und für ein Dreivierteljahr an der „Met“ in New York. Sie konnte dort Tag und Nacht das Auf-und-Ab in einem der größten Opernhäuser der Welt miterleben. Weil sie bei der Organisation von Besuchergruppen half, erhielt sie die fürstliche Gage von hundert Dollar im Monat.

1997 schloss sie ihr Philosophiestudium mit der Magister- Arbeit und -Prüfung ab. In ihrer Magisterarbeit befasste sie sich mit Fragen des richtigen Handelns („Ethik“) und der Frage, ob Ethik-Erkenntnisse in einer so verschiedenförmigen Welt wie der unseren verallgemeinerbar sind; sie basierte ihre Überlegungen auf dem damals recht frisch erschienenen Buch eines Philosophen und Weltanschauungshistorikers: Charles Taylor, „Quelle des Selbst – Die Entstehung der neuzeitlichen Identität“ (1994). Mit Philosophieren können nur wenige Leute Geld verdienen. B. Walser gehörte nicht dazu. Nach der Prüfung war also erst mal Jobben angesagt: Ein Jahr lang arbeitete B. Walser in einer Münchner Firma für den Vertrieb von Filmrechten. – So schnell ins reguläre bürgerliche Erwerbsleben wollte unsere Gesprächspartnerin dann – doch nicht abdriften. Sie flog für zwei Jahre nach Argentinien. Bei einer deutschsprachigen Zeitung der Hauptstadt, dem „Argentinischen Tageblatt“, konnte sie ihre Brötchen verdienen und nebenbei ihren Interessen nachgehen: Spanisch lernen und richtigen (argentinischen) Tango tanzen lernen. Man sieht: Philosophinnen müssen nicht nur hinter Büchern kleben. Sport aller Art habe sie schon immer gern gemacht, meint unsere Gesprächspartnerin, und insbesondere habe sie gern getanzt und ganz besonders Tango. – „Was ist da so Tolles dran?“ – Die Antwort: Der Tango in seinem Ursprungsland ist ein ständiges Improvisieren; der Rhythmus dabei, der Moment des gemeinsamen Tanzens (vermutlich mit einem Mann; hier fragten wir nicht nach) und das ständige Entwickeln anderer Figuren, Schritte, Bewegungen – das macht großen Spaß.

Wenn’s um Tango geht, kommt unsere Gesprächspartnerin richtig in Fahrt; sie nehme gern an auf Tango spezialisierten Tanzveranstaltungen teil, soweit ihr der Beruf und ihr zweijähriger Sohn Zeit lassen; Tango-Tänzerinnen und -Tänzer bildeten geradezu eine „Szene“, erzählt sie, eine wachsende zudem. Im beginnenden VHS-Programm erteilt sie einen Kurs im improvisationsintensiven (eben dem „argentinischen“) Tango (vf meint: wohl nix für den durchschnittlichen Disco-Tänzer). Neben dem Tango-Tanzen begeistert sich B. Walser in der Freizeit fürs Theater, vor allem für die Oper. Was meint sie zum Opern-Betrieb an der Met: „Leider wenig Neues, es gibt Inszenierungen, die über Jahrzehnte hin gleich bleiben. Und es wird wenig moderne Oper geboten.“

10.01.2002 | Ein Schelklinger als Zeitzeuge

SCHELKLINGEN / ULM (vf) Im Erdgeschoss des Ulmer VHS-Gebäudes Ist derzeit eine Ausstellung über junge Menschen zu sehen, die während des Dritten Reichs ohne Begeisterung oder überhaupt nicht mitmarschierten. Man sieht bildliche und textliche Hinweise auf die Geschwister Scholl, ihren Freundeskreis „Weiße Rose“ und auf eine Reihe anderer, wenig bekannter Junger Menschen aus dem Raum Ulm. Und dann sind da Fotos eines jungen Mannes, der seit damals bis heute In Schelklingen wohnt. Roman Sobkowiak. – Wir unterhielten uns mit dem bald Achtzigjährigen und erlebten einen Menschen, der aus jener Zeit lebhaft, bildhaft und so präzis erzählt, als sei alles gerade erst passiert.

Während die meisten Deutschen heute froh seid, dass diese Zeit immer weiter wegrückt und immer eher vergessen werden kann, weil die sogenannte Vergangenheitsbewältigung ein unschönes, eigentlich gar nicht mögliches Geschäft ist (am besten „bewältigen“ wir wohl, indem wir darauf achten, dass in unserem heutigen Staat nicht ähnlich wie damals gehandelt wird), während wir uns also im allgemeinen ungern an jene Zeit erinnern, erzählt da ein Senior in einem bescheidenen Haus in der Schelklinger Altstadt lebhaft von eben dieser Vergangenheit und seinen Erlebnissen damals. In seiner polnischen Heimat, in Ulm und in Schelklingen in allen Einzelheiten, er illustriert seine Schilderungen auch mit Fotos.

Ein begeisterter Knipser, einst, heute und bei jeder Gelegenheit

Der junge Roman wurde am 11.8. 1923 als Kind einer polnischen Bürgersfamilie in Szkaradowo geboren. Schon als Junge war er ein begeisterter Knipsen; er blieb es auch in seiner späteren (Zwangs-, dann Wahl-)Heimat Schelklingen Er fotografierte alles und jedes, trotz Verbot und Gefahr die Wohnsituation im damals Umerziehungs- und Eindeutschungslager Schelklingen ebenso wie heute die geselligen Unternehmungen der Schelklinger Museumsgesellschaft. Seine Fotos von damals und seine heutigen Videofilme von heute wecken wertere Erinnerungen in ihm schöne und unschöne.

200 Seiten Erinnerungen warten auf die Veröffentlichung

Roman Sobkowiak hat seine Erinnerung und Erzählergabe auch genützt, um an Schulen (in Ulm, in Schelklingen scheint er weniger gefragt zu sein) jungen Leuten von jenen Zeiten zu erzählen, an die sich die meisten Deutschen nicht gern erinnern. Er hat seine Erinnerungen auch in einem enggeschriebenen Zweihundert-Seiten Manuskript niedergelegt: Ein Exemplar befindet sich im Schelklinger Stadtarchiv, eines in der KZ-Gedenkstätte „Oberer Kuhberg“ Ulm. Heute zugleich ein Dokumentationszentrum für die Geschichte des Dritten Reichs in unserem Raum Roman Sobkowiak sähe diese Erinnerungen gern gedruckt (es sind noch Sponsoren nötig), er wünscht sich aber, dass Zuvor ein Genauigkeitsfanatiker den Text überprüft: Sobkowiak ist ein Genauigkeitsfanatiker; er möchte, dass jede Angabe hieb- und stichfest ist und ihm keiner (dem es wohl gar nicht um die Sache, sondern ums Heruntermachen von Zeitzeugen geht) nach einer Veröffentlichung auch nur einen winzigen Erinnerungsfehler nachweist.

„Berichte ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter“ 1996

Ein kleiner Ausschnitt aus diesen Erinnerungen ist bereits gedruckt, in einer Veröffentlichung des Ulmer Dokumentationszentrums herausgegeben von dessen Leiter Dr. Silvester Lechner im Oktober 1996: „Schönes, schreckliches Ulm – 130 Berichte ehemaliger polnischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in den Jahren 1940 bis 1945 in die Region Ulm/Neu-Ulm verschleppt worden waren“. Sobkowiak schildert die Vertreibung seiner Familie aus der polnischen Heimat, unter Hinterlassung allen Eigentums und binnen einer halben Stunde 1941, und die Verschleppung nach Deutschland, in das zwangsgeräumte Anwesen wurden Deutsche aus den Ostgebieten eingewiesen. Eine seiner Schwestern, die mit einem Lehrer verheiratet war, wurde ins Innere des „Generalgouvernements“ verschleppt und starb 1943, getrennt von ihren kleinen Kindern. Ein Bruder Romans wurde von Deutschen in verschiedene Konzentrationslager gesteckt und überlebte das KZ Dachau bis zur Befreiung 1945 durch US-Soldaten. Die übrige Familie Sobkowiak überlebte in Schelklingen unter zunächst bescheidensten und entwürdigenden Umständen. Roman auch unter Androhung der Erschießung, weil er sein verbotenes – Hobby Fotografieren behielt weil er Auslandssender abhörte (und denunziert wurde) und wegen seines (später zum Beruf gemachten) Faibles fürs .Schwarz-Senden“. Unser Gesprächspartner meint, er habe nur überlebt, weil er .blaue Augen und damals blondes Haar“ hatte und weil er seine seinen technischen Fähigkeiten auch für die damaligen örtlichen Machthaber von Nutzen

Roman bleibt als einzige der Familie und heiratet eine Schelklingerin

Während seine Geschwister und Eltern nach dem Dritten Reich nach Polen zurückkehrten, blieb Roman Sobkowiak in Schelklingen, weil er sich in eine Schelklingerin, Elisabeth Huber, verliebt hatte. – und weil Elisabeth ihn im Jahr 1947 heiratete. Frau Sobkowiak starb im Sommer 2001. Dass das Dritte Reich auch über sein offizielles (oft nur angebliches) Ende im Mai 1945 hinaus in mancher Hinsicht weiterbestand, das lässt sich auch an der Ehegeschichte Sobkowiak ablesen: Weil Elisabeth Huber einen nach Schelklingen deportierten Polen heiratete, wurde sie zur „heimatlosen Ausländerin“ erklärt. Sie musste unter Androhung einer Gefängnisstrafe eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Sie verlor ihr Wahlrecht und durfte nicht ins Ausland fahren. Erst 1960 erhielten die Sobkowiaks die Einbürgerungsurkunde.

(Anmerkung vf: Wie schlecht die heute Verantwortlichen in Deutschland und ihre Wähler die Lektion „Drittes Reich“ gelernt haben, zeigt sich daran, wie jetzt wieder mit einigen deutschen Frauen umgegangen wird, die Ausländer aus Nicht-EU-Ländern heiraten. Und auch sonst mangelt der deutschen politischen „Elite“ (aber auch Durchschnittsbürgern) die Erinnerung, wie hier in Deutschland auch nach dem Dritten Reich „gearbeitet“ wurde. Im Fall Sobkowiak sieht man: Es leben noch Menschen unter uns, die die nach-NS-deutsche „Ausländerfreundlichkeit“ erlebt haben.)

Wir empfehlen eine heimatgeschichtliche Foto-Ausstellung

Eigentlich verdient das Foto-Archiv von Roman Sobkowiak, dass es im Schelklinger Museum ausgestellt wird: Es enthält viele heute reizvolle Dokumente zur Schelklinger Stadtgeschichte, mit und ohne politischen Hintergrund: die Hausener Steige im, Winter so gut wie Schelklingerinnen, die mit Gepäck einem Luftschutzbunker im Schlossberg-Hang zu streben. Fotos zeigen den jungen Roman bei Scherzen mit seinen Altersgenossen, aber auch als Diphtherie-Kranken im einstigen Isoliergebäudes des Ehinger Kreiskrankenhauses. Sie zeigen auch viele heute nicht mehr vorhandene Details der Stadt Ulm. Durch Bekanntschaft mit dem Ulmer Fotografen Blumenschein gelang es dem jungen Roman damals, an Filmmaterial heranzukommen und seine Filme entwickeln und vergrößern zu lassen. R. Sobkowiak hat seine Fotos inzwischen auch im Computer in digitalisierter Form gespeichert; er schätzt die Zahl auf zehntausend.

Man kann sich vorstellen, dass er eine Auswahl aus diesen Bildern Geschichtsinteressierten am Bildschirm zeigt. Bilder eines später ermordeten Kriegsdienstverweigerers Wir haben aus dem Sobkowiak-Archiv zwei Bilder von ungewöhnlicher Bedeutung ausgewählt: Sie zeigen den als Kriegsdienstverweigerer hingerichteten Ulmer Jonathan Stark; das eine Mal mit seinem Vater, das andere Mal beim Zeichnen. Beide Fotos wurden von Roman Sobkowiak aufgenommen. Es sind einzigartige Dokumente. – Sobkowiak besitzt auch die beiden einzigen erhaltenen Zeichnungen aus der Hand des jungen, wenig später hingerichteten Lithographen J. Stark: eine Porträt-Zeichnung der Großmutter und Roman Sobkowiaks. Letztere Zeichnung wurde nicht mehr fertig, weil Jonathan inhaftiert wurde. J. Stark wurde am 1. November 1944 im KZ Sachsenhausen im Alter von 18 Jahren gehängt (vgl. Annedore Leber, Hg.: Das Gewissen steht auf, Mainz 1984). J. Stark war einer der wenigen jungen Menschen weitum, der tapfer genug war, trotz extremer „Unkosten“ an einem verbrecherischen Krieg nicht mitzumachen. Wie hatte Roman Sobkowiak hatte J. Stark kennen gelernt?.- Roman wurde 1942 bei der Ulmer Musikfirma Reisser zwangsbeschäftigt. Werkstattleiter dort war der Vater
von Johnny, Eugen Stark. Der Zeuge Jehovas nahm Roman häufig zu Arbeitsgängen mit, weil er sah, dass der junge Pole in der Firma ziemlich allein stand (klar: Ausländer, Polacke etc.). Eugen Stark nahm Roman auch zu sich nach Hause zum Essen.

Bildunterzeilen (leider sind die Bilder nicht gut genug reproduzierbar)

R. Sobkowiak bei der Eröffnung der Ulmer VHS-Ausstellung über junge Menschen, die im Dritten Reich naht begeistert mitmarschierten.

Jonathan Stark beim Zeichnen.

Der junge Lithograf zeichnete auch ein Portrait des jungen, damals sehr schmächtigen (ausgehungerten) Roman. Die Zeichnung hangt in der Schelklinger Wohnung von R. Sobkowiak als einziges Zeugnis dieser Art. das den Krieg und die Zerstörung Ulms .überlebt“ hat. Fotos: Roman Sobkowiak

Vater Eugen und Sohn Jonathan Stark. Roman Sobkowiak fotografierte die beiden 1943 in Ulm, bevor der Sohn als Kriegsdienst- und Führereid Verweigerer ins Gefängnis kam und 1944 ermordet wurde. R. Sobkowiak hatte Jonathan auf dem .Umweg“ über den Vater kennengelernt. E. Stark war Werkstattleiter bei der Ulmer Firma Rcisser.

09.01.2002 | Zur Geschichte der Öpfinger Schlösser und von Kaiser Max

ÖPFINGEN (vf) – Adrian M. Grandt spricht am Freitag ab 19 Uhr im Kulturraum des Unteren Schlosses über die Geschichte der beiden Öpfinger Schlösser und über ihre frühere Besitzerfamilie, die von Freyberg. Der 27-jährige Pflegedienstleiter hat sich mit überraschendem Erfolg in die Erforschung der Ortsgeschichte hineingekniet und dabei mitgekriegt, was allem nach bisher nicht mehr bekannt war: Kaiser Maximilian hat 1502 Öpfingen (und Justingen) besucht.

Grandt stieß auf dieses historische Datum in einem Aktenbündel aus der Freyberg‘schen Geschichte, das sich früher im Staatsarchiv Sigmaringen befand und inzwischen ans Thum- und Taxissche Archiv in Regensburg abgegeben wurde. Grandt war in beiden Archiven. Für ihn natürlich besonders erfreulich: Im Vorgängergebäude des Oberen Schlosses, in dem er selbst seit drei Jahren wohnt, war sehr wahrscheinlich der volkstümliche Kaiser Max zu Gast.

Es ist nicht alltäglich, dass sich ein gelernter Altenpfleger und (inzwischen Pflegedienstleiter mit Aufsicht über 160 Personen) sich mit Geschichte befasst. Wir befragten Adrian Grandt zu seinem Leben. Der erst 27-Jährige stammt aus Oberschlesien (heute Polen). Seine Familie wanderte vor vierzehn Jahren in den Westen aus; Grandt wuchs in den folgenden Jahren in Hamburg auf. Nach einem fachbezogenen Abitur begann er in Warschau ein Theologiestudium, das er aber nach anderthalb Jahren abbrach und sein soziales Engagement auf die Altenpflege verlegte. Bereits in Hamburg war er in einer Caritas-Einrichtung als Pflegedienstleiter tätig, bevor er nach Ulm kam. Neben seiner Berufstätigkeit her qualifizierte er sich an einer Reutlinger Fachhochschule weiter. Seit drei Jahren ist er in Ulm tätig, seit drei Jahren wohnt er in Öpfingen, und gleich begann er sich für die Geschichte seines neuen Wohnorts zu interessieren; Geschichte sei sein Hobby, meinte er im Gespräch mit der Ehinger SZ-Redaktion. Grandt wird seinen Vortrag mit Dias illustrieren.