04.06.2002 | Die Abendbrise darf schon mal die Notenblätter vom Pult wehen

Die Abendbrise darf schon mal die Notenblätter vom Pult wehen

MUNDERKINGEN (vf) – Rosensträucher, gedämpfte Querflöten- und Cembalo-Musik, der Ausblick auf eine ruhig vorbeifließende Donau, amüsiert vorgetragene Geschichten aus dem .Pfarrhof“ direkt hinter den Sitzplätzen, Abendsonne. So schön kann Kultur sein. Die katholische Kirchengemeinde und die städtische Volkshochschule ließen dies am Sonntagabend erleben. Wenn dann noch ein leichter Windstoß die Musiknoten wegwirbelt und die Musiker einige Sekunden pausieren müssen, fliegt auch die unnötige Feierlichkeit vom Notenpult.

Offizieller Anlass für diese Veranstaltung: Das stattliche Pfarrhaus („Pfarrhof“) der katholischen Kirchengemeinde ist gerade dreihundert Jahre alt. Bekanntlich hatten die Prämonstratenser von Marchtal in Munderkingen das Pfarr-Recht, ließen Mönche hier die Seelsorge ausüben und für je drei (Pfarr-)Mönch das Gebäude zwischen Donau und Stadtpfarrkirche errichten. Die repräsentativen Fassaden und Räume ihres eigenen Stiftes fünf, sechs Kilometer westlich von Munderkingen zeigen und schauen nicht zur Donau, sondern zur „Landseite“ hin, die Fassade des Pfarrhofs in Munderkingen hingegen schaut zum F l u s s; die L a n d s c h a f t ist das Wichtige. Der jetzige Pfarrer von St. Dionysius und hauptsächliche Nutzer des Pfarrhofs, Ulrich Steck, hat bekanntlich schon vor seinem Einzug in das Haus mit der freiwilligen Hilfe von Munderkingern und Nicht-Munderkingern den lange Zeit vernachlässigten Pfarrgarten hergerichtet, so, wie er zu seinen besten

Foto: Dr. W. Nuber bei seinem Vortrag

Zeiten ausgesehen haben könnte. Und so entstand in der Stadt eine schöne, aber nicht pompöse „Ecke“, eigentlich ideal für eine solche „Soiree“ wie am Sonntag – und möglicherweise erst an diesem Abend so richtig dafür entdeckt. Schade, dass nur weitgehend ältere Menschen bereit sind, an dieser überkommenen „Zivilisation“ teilzuhaben und sie zu genießen

Wer wollte, konnte entdecken. Wer von uns Heutigen kennt schon Kompositionen des Marchtaler Mönchs und Reutlingendorfer Pfarrers Sixtus Bachmann (1754 – 1825)? Wolfgang Weller spielte an diesem Abend seine „Fantasie prima a-Moll“. – Ab und zu ist die Weltgeschichte im Recht, wenn sie Gericht ist und als solches einen Künstler und sein Werk vergessen lässt. Hier aber war die Geschichte nicht im Recht. Diese „Fantasia“ war ausgesprochen abwechslungsreich und unterhaltsam. Sie besteht aus lauter kurzen, verschiedenen Teilen, deren Unterschiede Wolfgang Weller klug herausarbeitete. Vielleicht wollte Bachmann sogar zeigen, wie verschieden man ein Tasteninstrument traktieren kann und was es zu seiner Zeit an Kompositionstechniken gab. Dem Verfasser dieser Zeilen wurde hier eine weitere Bildungslücke demonstriert. Diese noch besser zu schließen, ist freilich nicht so einfach. Eine Einspielung von Bachmann Kompositionen gibt es nicht zu kaufen, und ebenso nicht die Noten.

In dem Garten, in dem die Zuhörer an diesem Abend saßen, ging vor gut zweihundert Jahren Pater Isfried Kayser (1712 – 1771) spazieren, und im Pfarrhof daneben wohnte (und komponierte) er ein Jahrzehnt. Von ihm erklangen an diesem Abend zwei Sätze aus seiner „Parthia“, die sich nach Meinung des Verfassers dieser Zeilen in den Bahnen des damals üblichen Komponierens hielten, außerdem eine „Cantata sacra“ (eine Kantate aus kirchlichem Anlass), Titel: „Sursum corda“, die hohe Ansprüche an die weibliche Singstimme stellt und die hier viel Ähnlichkeit mit den virtuosen „Läufen“ einer damaligen Oper hat. Weil wenigstens der I n h a 11 religiös sein sollte, betonte der Komponist dies gleich im Titel. – Birgitta Aicher war früher Pastoralreferentin in Ehingen und ist immer wieder mal bereit, in unserem Raum Sänger-Aufgaben zu erfüllen; sie sang diese Kantate mit einer gut ausgebildeten Stimme sehr schön, stimmig und innig. Was religiöser Gesang sein wollte, wurde nicht zum Exerzierfeld stimmlicher Extravaganz. Begleitet wurde B. Aicher von Anke und Elisabeth Aicher, Violine, Johann Miehle, Viola, Ferdinand Gerstetter, Cello, Richard Fischer, Cembalo.

Foto: W. Weller am Cembalo

Drei Kompositionen von Veracini, Marais und Vinci wurden von Ulrike Pöhner, Querflöte-Lehrerin der städtischen Musikschule, und Wolfgang Weller vorgetragen. Weller nahm sich hier als Begleiter  zurück und ließ die Flötistin dominieren. Dass Komponist Isfrid Kayser im P f a r r h 0 f lebte, hörten wir an diesem Abend aus dem Mund des früheren Realschul-Rektors Dr. Winfried Nuber. Sein Vortrag war ein (fast schon zu langes) Kabinettstück zum Beleg der Behauptung, dass Lokalgeschichte amüsant sein kann, wenn man sich um ihre Erforschung kümmert, und dass sie, wenn man will, genug Bezüge zur „großen“ Geschichte zu ziehen erlaubt. Man würde diese Geschichten gern im einzelnen nachlesen; hier alle auf einen Schlag wiederzugeben, übersteigt den üblichen Zeitungsbericht weit. Nur einige Tupfer. Da gab es beispielsweise den langen Streit um die Misthäufen zwischen den Ordensfrauen des nördlich anschließenden Anna-Klosters und dem Pfarrherrn. Da ereignet es sich aber auch, dass ein Fürst und General aus Hannover in einem der schrecklichen Erbfolgekriege des beginnenden 18. Jahrhunderts beim Überqueren der Donau ausgerechnet vor dem Pfarrhof von einer französischen Kugel getroffen wird. Die Leiche wird dann bis nach Norddeutschland transportiert – bei den damaligen Verkehrsverhältnissen sicher kein leichter Job, eine wochenlange Reise. – Oder: Der bayerische Churfürst kommt kriegshalber nach Munderkingen und ist einer der ersten prominenten Bewohner des gerade fertiggestellten Pfarrhofs. Der war wohl das mit Abstand repräsentativste Wohngebäude in der Stadt. Man hörte an diesem Abend auch Amüsantes und Interessantes von den Lebensgewohnheiten des Komponisten Kayser, der aus dem Druck und Vertrieb seiner Kompositionen – jedenfalls für damalige Verhältnisse – ganz nett was einnahm, das er dann behalten durfte. Seine Nahrungs-, Kleidungs- und Wohnbedürfnisse waren ja durch seine Tätigkeit und Bezahlung als Pfarrhelfer bereits befriedigt.

Wir hörten auch vom Ende der marchtalischen Zeit in diesem Haus: Das gesamte Inventar samt der großen Bibliothek wurde verschleudert. Die Vergantung war nicht nur ein böser obrigkeitlicher Akt der neuen Herren aus Regensburg (Thum und Taxis); nein, auch die Stadtverwaltung, so Nuber augenzwinkernd, beteiligte sich an der Verschleuderung und Umsetzung in Bares. – Das war dann das Ende der großen Zeit des Pfarrhofs. Danach wurde aus dem Zier- ein Gemüsegarten, dessen Erträgnisse der jeweilige Pfarrer dringend für die Aufbesserung seines Speisezettels benötigte.

Auch später noch wohnten einige gebildete Herren in dem Haus, so ein aufklärungsgesinnter Geistlicher, der ein Buch über die Geschichte des Papsttums verfasste, und beispielsweise Pfarrer Dr. Schmid, von dem sich „das Fräulein“ Müller-Gögler in ihrer Zeit als Munderkinger Volkschullehrerin 1920 Latein-Unterricht erteilen ließ. Der Herr Pfarrer befasste sich aber nicht nur mit lateinischen Vokabeln, sondern – in gemäßigter Form – auch mit dem angenehmen Anblick seiner erwachsenen Schülerin. Beide mussten darüber lachen. Und schon kam die Hauserin ins Zimmer und fragte, ob die Latein-Stunde schon zu Ende sei. Alles in allem: ein schöner Abend.

Foto: Birgitta Aicher singt eine Kantate von I. Kayser.

Fotos: vf

19.05.2002 | Deutsch-chinesisches ,Joint Venture‘ wurde in Urspring besiegelt

DONAURIEDEN / URSPRING (vf)-Am heutigen Samstag geben sich Zhang Xiuli aus China und Dirk-Ulrich Tretter aus Donaurieden in der Urspringkirche das Ja-Wort fürs Leben. Früheren Ehinger Gymnasiasten und Jung-Unionisten ist der Bräutigam bekannt – Alle Tage findet keine deutsch-chinesische Hochzeit in unserer engeren Heimat statt, und so fragte die Ehinger SZ ein wenig nach.

Dirk Tretter lernte seine jetzige Frau bereits vor drei Jahren, während seines ersten China-Aufenthalts, an seinem Arbeitsplatz in einer Firma kennen. – Der Diplom-Betriebswirt der FH Aalen hat bereits etwa zwei Jahre seines Lebens in China verbracht. Und ab 11. Juni wird er voraussichtlich noch wesentlich mehr Zeit in China verbringen. Grund; Er ist seit letztem Herbst Vertriebsdirektor für ein gerade entstehendes Stahlwerk in der Fünfeinhalb-Millionen-Stadt Dalien in Nordostchina, ein Stahlwerk, an dessen Planung Tretter bereits in der Duisburger Thyssen-Zentrale mitarbeitetn. In Dalien entsteht ein Gemeinschaftsprojekt („Joint Venture“) von Thyssen, Krupp und dem zweitgrößten chinesischen Stahlhersteller. Der neue Betrieb ist eine Feuerverzinkungsanlage, die Bleche für die chinesische Auto-Industrie herstellen soll. Der Betrieb ist maschinen- und steuerungsintensiv und wird bei einem geplanten Jahresausstoß von 400.000 Tonnen feuerverzinktem Stahl gerade mal 200 Leute beschäftigen, ist also für den Arbeitskräftemarkt Rotchinas keine große Hilfe, ermöglicht aber eine rationelle und billige Qualitätsproduktion. Unter den 200 Beschäftigten kommen fünf aus Deutschland, einer ist D. U. Tretter. – Das Werk wird zwei je fünfhundert Meter lange Hallen haben und soll nächstes Jahr mit dem Produzieren beginnen. Kosten bis dahin laut Plan: 180 Millionen Dollar.

Schon jetzt verhandelt Dirk Tretter mit den künftigen Abnehmern dieser Autobleche, unter anderem auch mit der BMW-Zentrale in München, mit Blick auf das BMW-Werk in China. (Ein großer Teil der boomenden chinesischen Autoproduktion geht auf Konzerne aus den Industrienationen zurück.) Als D. Tretter seine jetzige Frau Zhang Xiuli, 31, kennenlernte, war sie „die rechte Hand des Chefs der Firma“, in der Tretter sein Praktikum ablegte. Zhang ist Ingenieurin für Maschinenbau und wird sicher auch in Dalien einen Job finden. Die beiden Eheleute wollen in jedem Fall auch Kinder. Da Frau Zhang mit einem Nicht-Chinesen verheiratet ist, gilt für sie nicht die sonst strenge Kinderzahlbegrenzung, mit der die chinesische Regierung die ungeheuren Bevölkerungs- und Arbeitsplatzprobleme im Land lindern will.

vf: „Was geschieht mit der Elektrogeräte-Firma, die Dirk bereits als Ehinger Gymnasiast in Donaurieden gegründet und bisher nebenher geführt hatte?“ – Dirk Tretter: „Papa Tretter“, promovierter Physiker mit – bis zur Pensionierung – Arbeitsplatz in Ulm, „führt diese Firma jetzt weiter.“ – Die Mutter von Dirk Tretter ist Lehrerin, wie übrigens auch die Mutter der Braut.

vf: „Warum die Trauung gerade in Urspring?“ – D.T.: „Meine zwei Brüder gingen dort zur Schule, und dann ist’s ja eine malerische Kulisse.“

vf: „Gab‘s bürokratische Probleme vor der Hochzeit mit einer Chinesin?“- D.T.: „Ja, und leider die meisten in Deutschland. Für die Erledigung des von Deutschland geforderten Panierkrams musste ich extra nach China fliegen. Das Beste: Wir brauchten vom deutschen Staat eine Genehmigung dafür, dass wir keine Genehmigung brauchen. vf: „Was folgt nach der Trauung?“- D.T.: „Zwei Flitterwochen in Italien, und dann ab nach China.“

Dirk Ulrich Tretter und Zhang Xiuli. Wer den Bräutigam schon als kleinen Ehinger Gymnasiasten vor zwanzig Jahren kannte, muss sagen: Auch aus den quirligsten Burschen werden gestandene Leute. (vf)Foto: privat

06.05.2002 | Rottenacker und das kommunistische Manifest

(vf) – Der Alb-Donau-Kreis hat einen Band mit historischen Aufsätzen herausgebracht. Die Ehinger SZ stellte einen dieser Aufsätze zu den Stichworten „Zwiefalten / Mochental / Säkularisation in Württemberg“ am 26. April vor. Im Folgenden weisen wir auf einen weiteren Aufsatz der Neuerscheinung hin, der mit einer besonderen Gruppe Menschen in Rottenacker und darüber hinaus in dem ungefähren Zeitraum 1790 – 1850 zu tun hat: Menschen, die kurz als „Separatisten“, als Abweichler, bezeichnet wurden und sich um eine charismatisch wirkende Frau, Barbara („Babele“) Grubermann, gesammelt hatten. Seit einigen Jahren gibt es in Rottenacker die Fastnachtsgruppe der „Babelesbuben“. Aber nicht nur sie erinnern auf eine verquere Art an jene Vorfahren; auch einer der Väter der weltweiten kommunistischen Bewegungen, Friedrich Engels, bezog sich in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf diese Separatisten-Gruppe.

Der Aufsatz aus der Feder des Altshauser Historikers Dr. Eberhard Fritz folgt den Spuren der Rottenacker I Separatisten bis in die USA; Fritz legt in seinem hier vorliegenden Aufsatz auch den Stand der Forschung mit zugehöriger Literatur in den USA, Deutschland und der Schweiz dar. Vor neun Jahren wies als erster seit langem der Reutlinger Schriftsteller und Historiker Hellmuth Haasis auf die Rottenacker Separatisten hin. Der einstige 68er und Verehrer jakobinischer Traditionen tat es mit einer Veröffentlichung in dem Verlag „Der Freiheitsbaum“, Verlagsort „Paris / Strasbourg“: Der Schalk saß ihm im Nacken bei dieser Ortsangabe; richtiger wäre gewesen: „Betzingen bei Reutlingen“ – aber das hätte nicht so gut geklungen. – Haasis veröffentlichte 1993 als erster ein von ihm in württembergischen Verhörprotokollen entdecktes Lied der Rottenacker Separatisten und deutete es (Das Büchlein ist nach wie vor im Ehinger SZ-Büro am Marktplatz käuflich zu erwerben). Lieder waren damals wichtig für die Verbreitung religiöser und politischer Gedanken unter vergleichsweise armen Menschen, die zu ihrer Zeit kaum über gedruckte Texte (oder gar, wie heute: das Internet) verfügten. Lieder spielten sicher auch eine Rolle, wenn jemand seine eigene Weltsicht stärken wollte.

Archivar E. Fritz ist inzwischen der beste Kenner des Themas „württembergische Separatisten“. Er hat deren Spuren auch in den USA verfolgt und er hat eine ganze Reihe von Separatisten-Liedern aufgetan, ebenfalls in Gerichtsakten – eine bemerkenswerte literarische Quelle, die etwas über den „Geist der Zeit“ aussagt. In der hier benannten Neuerscheinung liegen diese Lieder nun erstmals in Deutschland gedruckt vor.

E. Fritz folgt den Spuren der Separatisten auch im damals zeitweilig bayerischen Ulm. Dort erging es den Abweichlern nicht besser als im herzoglichen und königlichen Württemberg. Mitglieder der zahlenmäßig nicht großen Gruppe wurden aus der Stadt gewiesen oder sogar mehrere Monate ins Gefängnis gesteckt (damals sicher kein Zuckerschlecken), bloß, weil sie sich sternförmige Plaketten angeheftet hatten. Solche Sterne sahen nach Orden aus, und diese zu tragen war ein Vorrecht Adeliger. Die Separatisten kritisierten auf diese einfache Art die von oben erwünschten Standesunterschiede unter den Menschen.

Die Gedanken- und Gefühlswelt der Separatisten ist eine eigentümliche Mischung von gesellschafts- und kirchenkritischen Vorstellungen und enthält Ansichten über Sexualität, wie sie heute nicht mehr so üblich sind wie damals. In einem der Lieder wird die manchmal verquere Gefühls- und Denkwelt, einfacher, armer Leute sichtbar: Einerseits beneideten sie die höheren Schichten um deren größere sexuelle Freizügigkeit, andererseits waren sie von ihrer christlichen Erziehung her auf Sexualfeindschaft getrimmt. Einige der von E. Fritz veröffentlichten Liedverse wirken auf den Verfasser dieser Besprechung unfreiwillig komisch; die Verse wecken den Eindruck, dass diese Menschen sicher nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit strebten, aber auch die • (Straußen-)Eierschalen ihrer Herkunft an sich trugen. Eberhard Fritz tut seinem Studienobjekt die Ehre an, diese kuriose Seite der separatistischen Gedankenwelt nicht zu betonen, sondern auf die’ fast weltgeschichtliche Bedeutung dieser Personengruppe abzuheben.

Diese Menschen wurden damals in Rottenacker und anderswo streng verfolgt (Haft etc.). Als sie sich zur Auswanderung bereit erklärten, wurden sie aus der Haft entlassen. Sie hatten dann gerade vier bis sechs Wochen Zeit, die Auswanderung zu organisieren. Das heißt: einen Großteil ihrer geringen Habe zu verscherbeln, um Geld für die Auswanderung zusammenzukriegen und dann – fast im Wortsinn: ab in die Pampa. –

In den USA gelang den Babeles Buben unter schwierigsten Bedingungen die Gründung und jahrzehntelang sehr erfolgreiche Fortführung der „kommunistischen“ Siedlung „Zoar“ (nach einer Bezeichnung aus dem Alten Testament). Der englische Reisende John Finch stellte damals die ungewöhnlichen Experimente eines neuen Lebens- und Wirtschaftsstils in den Gemeinden der aus Europa kommenden USA-Einwanderer in einem Buch vor. Der spätere „Kommunist“ Friedrich Engels übersetzte diesen Bericht 1845 ins Deutsche und veröffentlichte darüber einen größeren Aufsatz. Engels wurde, so E. Fritz, durch die Nachrichten Finchs „wesentlich zum ‘Kommunistischen Manifest’ angeregt“, „Als Zweifel darüber aufkamen, ob seine kommunistischen Ideale auch realisierbar seien, führte er diese Siedlungen als Beweis an“. Eberhard Fritz: „Auf diese Weise entfalteten die im schwäbischen Pietismus wurzelnden religiösen Überzeugungen eine Wirkung, die weit über die Kirche oder die separatistischen Gemeinschaften hinaus reichte.“

02.05.2002 | Ehingen hat jetzt einen ,Berliner Platz‘

EHINGEN / NASGENSTADT (vf) – Gleich an vier Stellen der Stadt, teils nahe beieinander, betätigten sich dieses Jahr Mainachtsscherzer. Die Themen: Der neue „Berliner Platz“ an der Kollegiengasse, anmaßend parkende Polizeibeamte, „Kurort Ehingen“, Kreisverkehr in Ehingen, Fußgängerüberweg auf den Nasgenstadter Gollenäckern.

Ein witziger Mainachtsscherzer   (oder gar eine -scherzerIN?) sah sich das jüngst angelegte Plätzle an der Kollegiengasse an, das an zwei Seiten von einer massiven Mauer eingerahmt ist. Früher stand hier ein Wohnhaus mit Schreierei. Die Stadtverwaltung ließ die mächtigen Mauern rund um das Plätze errichten und sogar teuer sandstrahlen. „So viele Mauern sagte sich  der phantasiebegabte Ehinger und kam von dieser Beobachtung auf die Idee, das Plätzle auf „Berliner Platz“ zu taufen.

Andere Mainachtsscherzer ärgerten sich darüber, dass Polizeibeamte kürzlich in der Innenstadt auf einem Plätzle an der Schwanengasse parkten, wo es nicht gerade angezeigt war. Wer von uns ist nicht neidisch auf diese privilegierten Parker. – Eine Nachfrage der Ehinger SZ bei der Polizei-Pressestelle in Ulm vor einigen Wochen ergab, dass die Männer von „Weiß-Grün Tübingen“ (Scherzname für Polizeibeamte in Südwürttemberg) für solches Parken natürlich immer eine Entschuldigung von wegen „höherer Zwänge“  haben.

Vermutlich von den selben Mainachts-Aktiven stammte die Installation „Kreisverkehr“ vor dem Rathaus. Vf meint: Inzwischen glaubt in Ehingen niemand mehr an die Lernfähigkeit in manchem Rathaus-Zimmer. Während unsere Nachbarn in Frankreich schon vor Jahrzehnten auf den Vorteil von Kreisverkehren gekommen sind und während Erbach eher und die Biberacher wenigstens in den letzten Jahren den Vorteil erkannten, tun sich in Ehingen die
Zuständigen noch immer schwer damit, die eleganteste Kreuzungsverkehrs-Regulierungsweise öfters zu verwirklichen. Der Verfasser dieses Berichts fragt sich seit Jahren: Lässt ein „großer deutscher Ampelhersteller“ so viel Geld nach Ehingen fließen, dass an möglichst vielen Kreuzungen Ampeln errichtet oder belassen werden?? – Aber vermutlich verfügt der Schreiber dieser Zeilen nur über einen beschränkten Untertanenverstand. Und vermutlich zu Unrecht überkommt ihn jedes Mal beim Durchfahren von Erbach ein Glücksgefühl, wenn ihm einfällt, wie er früher dort vor den Ampeln im Stau stand. Der „Jahrgang 1895“ schlug in der Nacht zum 1. Mai ebenfalls zu: Er erklärte Ehinger zur Kurstadt und wandelte das Mini-Bächle vor der Sparkasse in ein neues Ehinger Kneipp-Bad um.

Ein Blick nach Nasgenstadt.

Auf den Gollenäckern machte ein Mainächtler seinem Ärger darüber Luft, dass die Stadtverwaltung sich schwer damit tut, einen weiteren Zebrastreifen anzulegen. Auf das dortige Ortseinfahrtsschild war die Annahme gepinselt, dass die Zuständigen in der Stadtverwaltung meinen, „Nasgenstadt ist Niemandsland“.

Das neue Ortsschild von Nasgenstadt, das jetzt „Niemandsland“ heißt und in dem jetzt alles erlaubt ist – nur keine Zebrastreifen. Foto: vf

16.04.2002 | Gedächtnisständchen für den Pfannenmate

EHINGEN (vf) – Genau vor hundert Jahren starb der „Pfannen-Mate”, ein armer Mann aus Schlechtenfeld, der am Kohlerberg unter ärmlichen Umständen gelebt hatte. Inzwischen ist aus dem armen Mann eine bekannte Ehinger Fasnetsfigur geworden, und die Matekapelle benennt sich nach ihm.

 Der Ehinger Obernarr und Autohaus-Chef Josef („Beppe”) Mantz hat sich um das ernstere Gedächtnis des armen Manns vom Kohlerberg verdient gemacht: Er ließ dort vor einigen Jahren auf seine Kosten einen Gedenkstein setzen. An diesem Gedenkstein bringt nun die Matekapelle am Todestag des Mannes am nächsten Samstag um 16 Uhr ein Gedenk-Ständchen. Dann fahren die Musiker ans Ehinger Museum. Dort wollen sie die neunzig Jahre alte Drehorgel der Matekapelle dem Museum zur Aufbewahrung (und wohl auch zur Ausstellung) übergeben. Die Drehorgel war irreparabel kaputt. Die Matekapelle hat bereits einen Ersatz, eine Drehorgel, die sie bei einem Pfullendorfer Hersteller für etwa fünftausend Mark erwarb.

Herrenberger Stadtbaumeister, Ehinger Bundestagsabgeordneter

Musikalisch geleitet wird die Matekapelle seit etwa zehn Jahren von dem gebürtigen Dächinger Fritz Peter; organisatorisch geleitet wird sie von dem Brieler Karlheinz Wekenmann. – Prominentestes Mitglied derzeit ist der Bundestagsabgeordnete Heinz Seiffert. Auch nicht unprominent ist ein inzwischen seltener geworden Mate-Musikant, der derzeitige Stadtbaumeister von Herrenberg. Zu den Gedächtniszeremonien ist die Öffentlichkeit eingeladen.

04.04.2002 | Den Boten für die Nachricht schlagen

EHINGEN (vf) – Die Ehinger SZ hatte in ihrer Ausgabe vom 27. März auf einen Missstand hingewiesen: An einer Außenseite des Rathauses standen Müllsäcke, aus denen jemand in unguter Absicht leicht hätte Akten entnehmen und missbräuchlich verwenden können. Die SZ nannte diesen Missstand und gab – journalistisch ehrenwert – vor einer Veröffentlichung der Kritik der Stadtverwaltung Gelegenheit, mit unserer Veröffentlichung zusammen zu dieser Kritik Stellung zu nehmen. Die SZ veröffentlichte diese Stellungnahme im Wortlaut – fast ein ebenso lange Text wie unser Bericht.

In dieser Stellungnahme schrieb L. Griener von der Stadtverwaltung Ehingen: Abfalleimer seien „lediglich noch gemäß Dienstanweisung vom 22. August 1991 für Restmüll (z. B. Tempo-Taschentücher, Bleistiftabfälle, leere Filzstifte usw.) zugelassen. Sollte dennoch, vielleicht aus Unachtsamkeit, Schriftstück in den Restmüll gelangt sein, wird die Stadtverwaltung dem nachgehen, die Sache prüfen und auf eine ordnungsgemäße Vernichtung hinwirken.“

Statt dass die Stadtverwaltung so souverän wäre und zugäbe, dass irgendein Mitarbeiter mit Akten umging ohne Rücksicht auf möglichen Missbrauch, wirft L. Griener der SZ in ihrer „Seite für den Bürger“ im „Wochenblatt“ vom 3. April vor, der SZ-Berichterstatter betreibe „Müllklau“.

Man kennt die Regel. Der, der den Fehler beging, schreit: „Haltet den Dieb!“ – Nachdem wir der Stadtverwaltung Gelegenheit gaben, zu unserer Kritik zeitgleich Stellung zu nehmen, wollen wir hoffen, dass die Stadtverwaltung diese unsere Stellungnahme zu ihrem Vorwurf des Müllklaus wenigstens auf der nächsten „Bürgerseite“ abdruckt.

03.02.2002 | Gesang gegen einen Notenständer

EHINGEN / STUTTGART (vf) – Ein ungewöhnliches Konzert steht in Ehingen für den 17. Februar bevor: Die aus Ehingen stammende, in Stuttgart lebende Sopranistin und Regisseurin Angelika Luz trägt moderne Vokalkompositionen vor, und: Sie singt nicht nur, sie schauspielert auch dazu.

Unalltäglich ist ihr Konzert nicht nur wegen der szenischen Akzente, sondern auch, weil das Programm vor allem zeitgenössische Kompositionen umfasst. Die Operetten-Melodien von Nico Dostal und Paul Abraham verlangen vermutlich weniger Hör-Arbeit; aber die Mehrzahl der gebotenen Kompositionen und poetischen Texte stammt aus den letzten Jahrzehnten. – Luz singt nicht nur, sie rezitiert auch, vor allem Gedichte, die aus dem Ungarischen übersetzt sind, und so lauten die zeitgenössischen Komponisten- und Dichter-Namen Endre Kukorelly, geboren 1951, Tamas Szentjoby, geboren 1944, Luciano Berio, geboren 1925, Helmut Lachenmann, geboren 1935, György Petri, geboren 1943, Adriana Hölsky, geboren 1953.

Ungewöhnlich am Programm ist sicher Adriana Hölskys „Monolog“ („für eine Frauenstimme mit Pauke“, 1977). Die
Komponistin ist 1953 geboren, ist also in einem ähnlichen Alter wie die Interpretin, und unterrichtet Komposition am Mozarteum in Salzburg (Im Herbst wurde eine neue Oper von Hölsky uraufgeführt). A. Luz hat mit Hölsky zusammen deren Komposition durchgearbeitet Der Text des „Monologs“ besteht aus kurzen Sätzen oder Wortfetzen, die die Sängerin während einer Zeitungslektüre ausstößt (beispielsweise: „Journalist ermordet“). –

Sicher ungewöhnlich an dem Programm, das in Ehingen zu hören (und ein bisschen: zu sehen) sein wird, ist auch das Stück „Sequenza III“ des Italieners L. Berio. Luz fügt darstellerische Elemente zur Musik hinzu: Sie singt gegen ihren Notenständer an, sie nimmt ihn in den Arm, haut ihm eine ‘runter, schaut (wie auf unserem Foto) zwischen den Streben der Noten-Auflage hindurch. Abwechslungshalber erinnert sich Luz auch ihrer „Vergangenheit“ als Operetten-Sängerin und bringt Eingängiges (Paul Abraham etc.) zu Gehör, zudem einen in den dreißiger Jahren bekannten amerikanischen Schlager. Die unterschiedlichen Kompositionen werden mit kleinen Änderungen der Garderobe auch für den Augen-Sinn erlebbarer gemacht. Begleitet wird A. Luz von Felix Romankiewicz, Klavier, Heidelberg; Prof. Ernst Poettgen, Stuttgart, gibt Erläuterungen zum Programm (Poettgen war 30 Jahre Oberspielleiter der Stuttgarter Oper; ihm ist A. Luz auch persönlich verbunden). Neben dem Programm „Traum und Alptraum“, das in Ehingen zu hören ist, bietet sie auch ein Programm mit Chansons von Weill und Schönberg an. Zur Person der Sängerin. Aufgewachsen ist sie in Ehingen (ihre Eltern Theresia und Richard Bechtle leben hier im Ruhe
stand), sie besuchte das Gymnasium bis zur Mittleren Reife und lernte in Ehingen Klavier bei dem früheren Kirchenmusikdirektor Elmar Henger und Geige bei Gymnasial-Musiklehrer Oßwald. Sie sang im Gymnasiums- und im Chor von St. Blasius mit. Anschließend begann sie mit der Ausbildung zur Kirchenmusikerin in Rottenburg und bald darauf an der Stuttgarter Musikhochschule an der Stuttgarter Musikhochschule mit der Ausbildung zur Pianistin und Sängerin. A. Luz war dann eine Reihe von Jahren an verschiedenen Opernbühnen engagiert (Köln, Zürich, Hamburg, Karlsruhe, Mannheim, Berlin, Wien, Prag). Sie hat Preise beim Mozart-Wettbewerb in Würzburg, beim VDKM-Wettbewerb in Berlin und beim Internationalen Koloratur-Wettbewerb Stuttgart errungen. Ihre sängerische Entwicklung begann, vereinfacht ausgedrückt, mit Mozart und führte über den manchmal ja recht modern anmutenden Renaissance-Komponisten’ Monteverdi zur modernen Musik; diese ist heute ihr Arbeits-Schwerpunkt.-Sie hat einige  Kompositionen als erste Interpretin überhaupt gesungen, etwa im Herbst in Stuttgart beim „Eclat’-Festival Kompositionen von Andreas Dohmen und Luciano Berio. Im nächsten Sommer wirkt sie an dem von Pierre Boulez geleiteten Musikfestival IRCAM in Paris mit. – An der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Künste unterrichtet A. Luz neue Vokalmusik und Regie. Im Herbst hat sie beispielsweise mit Studenten der Hochschule zusammen „Hansel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck inszeniert. Studenten sangen; das Orchester der Musikfreunde Stuttgart begleitete die zwei Aufführungen im Konzertsaal der Musikhochschule. – Bei ihren Inszenierungen arbeitet L. Luz gern mit modernen Techniken sogenannt multimedialer Art, wie sie heute an anspruchs vollen und subventionierten Bühnen üblich sind.

Angelika Luz ist nicht nur eine charmante von Jahren an Sängerin, sie hat auch Witz: Zur Ankündigung ihres Auftritts in Ehingen stellte sie uns dieses zunächst rätselhafte Foto zur Verfügung: Es zeigt die Sängerin, wie sie gegen ihren Noten- ständer ansingt – ein Versuch, Musik auch fürs Auge ein wenig erlebbar zu machen.

26.01.2002 | ‚Für meine Begriffe nahezu unantastbar‘

Karl Moser aus Rottenacker schreibt zur Kritik eines Fernsehfilms über das Kloster Untermarchtal u.a. „Bei der Lektüre Ihres Berichtes unter dem Titel „Ein ganz üblicher Fernsehfilm“ über das Kloster Untermarchtal,  der am Dienstag, 22. Januar in Bayern 3 gesendet wurde, gewinne ich den Eindruck, dass besagtes Kloster bei Ihnen in Misskredit steht. Das Kloster Untermarchtal gehört nach meiner Ansicht zu den selten gewordenen Institutionen in einer Welt mit viel Konsum und Ellenbogenverhalten und wenig inhaltlichen Perspektiven. Ein Kloster, in dem selbstlos so viel Mitmenschlichkeit gelebt und praktiziert wird, und das mit 55 Einrichtungen für Kinder, Kranke, Alte und Behinderte viele gute Werke tut, ist für meine Begriffe nahezu unantastbar. Neuerdings fordern verschiedene Gruppierungen wieder die Rückbesinnung auf moralische und ethische Werte, hervorgerufen ist dieser Sinneswandel durch rasant wachsende gesellschaftliche Probleme.

Der heutigen Schwesterngeneration Rechenschaft dafür abzuverlangen, woher sie ihre Güter haben, erscheint mehr als polemisch. Ich finde, im Gegensatz zu Ihnen, dass der Film das engagierte Wirken dieser meinem Verständnis nach bewundernswerten Frauen zutreffend, aufschlussreich und unterhaltsam dargestellt hat. Aus meinem Bekanntenkreis habe ich gehört, dass ihn auch viele junge Menschen interessiert verfolgt haben und beeindruckt waren. Es muss vor
einem breiten Publikum nicht unbedingt das Innerste eines Menschen ausgebreitet werden, wie beispielsweise die eventuellen sexuellen Probleme von Klosterfrauen“.

Anmerkung der Redaktion: Es scheint dem Leserbrief-Schreiber entgangen zu sein, dass sich unsere Kritik weitgehend an die Adresse der Filmemacher, nicht an die der Klosterfrauen richtete. – Fragen zu stellen ist übrigens eine der wichtigsten Aufgaben jedes Mediums und rechtfertigt erst seine Existenz. Im Übrigen berichtet die Ehinger SZ seit Jahrzehnten umfangreich über das Mutterhaus der  Vinzentinerinnen, übrigens durchweg positiv und öfters aufgrund von Eigeninitiative, nicht aufgrund von uns vorgelegten Mitteilungen. Das scheint dem Leserbriefschreiber entgangen zu sein.

25.01.2002 | Ein Erbstetter kennt die Probleme in Argentinien

ARGENTINIEN / ERBSTETTEN. Sigmund Schänzle ist auf Heimaturlaub. Eine der Aufgaben Schänzles derzeit in Europa ist der Kontakt mit Hilfsorganisationen in Deutschland und der Schweiz. – Am Sonntag, 3. Februar (!), wird er im Pfarrsaal Erbstetten aus seiner Arbeit in Südamerika berichten. Diese Woche folgte er dem Wunsch der Ehinger SZ-Redaktion und beantwortete Fragen zur politischen, sozialen und kirchlichen Situation in Argentinien.

Bekanntlich ist das Land derzeit in einer mehr als schwierigen Situation. Vor Weihnachten berichteten auch die
Zeitungen bei uns ausgiebig von wirtschaftlichen Problemen, Forderungen des Weltwährungsfonds zur Finanz- und Wirtschaftspolitik des Landes, Zahlungsunfähigkeit der Regierung, Plünderungen von Läden etc. – Sigmund Schänzle, 41 Jahre alt, seit bald zehn Jahren in Argentinien, lebt mit den Menschen dort, insbesondere den Benachteiligten, mit. In seiner Diözese mit ihren 44 Geistlichen ist er die Hälfte der Woche für Seelsorge in einer riesigen Pfarrei (120 Kilometer Durchmesser) und in der anderen Hälfte für die Wirtschaftsverwaltung der Diözese zuständig, so hat er mehr als genug direkt mit den Problemen und Nöten vieler Menschen zu tun. In seinen politischen und ökonomischen Anschauungen stimmt er mit der katholischen Kirche des Landes überein. Die argentinischen Bischöfe äußern sich immer wieder auch zur politischen und wirtschaftlichen Situation. Die kleinen Leute seien der Meinung, dass ihren Anliegen am ehesten die katholischen Kirchenführer eine laute Stimme geben. Schänzle kann auf eine Verlautbarung der Bischöfe aus dem vergangenen Sommer hinweisen, in der die wirtschaftliche Situation klar angesprochen und
die Entwicklung, die dann vor Weihnachten kulminierte, vorhergesagt wurde.

Die beiden dominanten Parteien derzeit in Argentinien, die Peronisten und die „Radikalen”, sind vor allem Pfründen-Organisationen der jeweiligen Abgeordneten; ihr Einkommen liegt ein Vielfaches über dem der Durchschnittsbürger. Schänzle nimmt wie sein vorgesetzter Bischof in Santiago del Estero an, dass eine Änderung der Zustände jetzt teilweise auf außerparlamentarischem Weg erfolgen muss. Seitens der Bischöfe gibt es den Vorschlag, dass sich möglichst viele gesellschaftlich relevante Gruppen auf Einladung der Bischöfe an einen Tisch setzen, verhandeln und zu   Übereinstimmungen kommen. Schänzle wie sein Bischof nehmen an, dass, hilft auch dieser „Runde Tisch” nicht weiter, das gesamte Land in Anarchie und wahrscheinlich erneut in eine Militärdiktatur versinkt, eine Diktatur, die in Argentinien ja erst vor zwei Jahrzehnten das Land mit Mord und Folter überzog. – Schänzle nimmt von seiner Kritik auch den Weltwährungsfond nicht aus. Dessen Sparsamkeitsforderungen lasten schwer genug für das Land, seien aber bis vergangenen Sommer bis auf wenige Promille erfüllt worden; trotzdem habe der. WWF wegen „Nicht-Erfüllung”, die Schrauben angezogen und sei mitverantwortlich an der Entwicklung der letzten drei Monate.

Schänzle begrüßt die friedlichen Demonstrationen im vergangenen Spätherbst, an denen sich ein großer Teil der Bevölkerung ganz verschiedener Schichten beteiligt habe. Dass die Gewalt eskalierte, sieht Schänzle eher durch das Eingreifen politisch gelenkter Schlägertrupps bedingt: Die beiden großen Parteien hätten jeweils ihre paramilitärischen Einheiten, auch wenn das offiziell abgestritten werde. Als grundlegenden Mangel des politischen Systems bezeichnet Schänzle die allgemeine Korruption, als Mangel der Gesellschaft bezeichnet er die oft sehr geringe Eigeninitiative vieler Menschen: Diese passive Haltung sei von früheren Regierungen noch gefördert worden; Schänzle nennt hier insbesondere Evita Peron, die in den Fünfziger Jahren den Menschen versprochen habe: Wartet nur, es wird alles besser.

Schänzles Pfarrei hat einen Durchmesser von 120 Kilometern mit drei Hauptorten und 42 Filialen. Er schafft es, alle anderthalb Monate in jeder der Filialen vorbeizuschauen. Zumindest in den katholischen Gemeinden geht nichts ohne initiative Laien. Fast amüsiert zeigt sich Schänzle da bei einem Blick auf die Pfarrer-Versorgung bei uns: Die gilt ja als katastrophal schlecht, aber gemessen an Argentinien ist sie vorzüglich. Die Pfarrer leben von dem, was im Klingelbeutel
landet, von Mess-Stipendien (bezahlten Messen für Tote) und vom Staat bezahlte seelsorgliche Tätigkeit in Gefängnissen und anderen „sozialen” Einrichtungen. Eine große Freude jedes Jahr ist für S. Schänzle die Wallfahrt zum wundertätigen Kreuz von Mailin; das Dorf liegt in seinem Sprengel. 150.000 Menschen kommen jährlich zu den Wallfahrtstagen, vor allem auch viele Menschen aus dieser Region, die inzwischen auf Arbeitssuche in die großen Städte, vor allem Buenos Aires, abgewandert sind. Die Wallfahrtstage sind insofern auch Familientreffen. Das wundertätige Kreuz, so Schänzle, stammt sehr wahrscheinlich aus der Zeit der Jesuitenmission im 17./18. Jahrhundert. Diese Missionstätigkeit war in gewissem Sinn sehr modern, weil die Kultur der indianischen Einwohner von den Jesuiten bis zu einem gewissen Grad respektiert und gar gefördert wurde. Diese Missionstätigkeit wurde dann infolge des päpstlichen Verbots der Jesuiten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert für lange unterbrochen. Im Blick auf die vielen Wallfahrer hat Schänzle die organisierte Herstellung von Kreuzen angeregt, damit einige junge Leute etwas Arbeit und Verdienst haben.

Pfarrer Sigmund Schänzle im Ehinger SZ-Büro. Jüngeren Deutschen mag sein Stehkragen auffallen, in Deutschland ist dieser schon lange „außer Mode”. Aber in den meisten Ländern der Welt ist er für einen katholischen Geistlichen ganz selbstverständlich, sagt Schänzle, als wir ihn auf diese eigentümliche Kleidung ansprechen. Schänzle möchte sich auch ganz ausdrücklich durch seine Kleidung zu seinem Beruf bekennen. Foto: op

24.01.2002 | Vor 500 Jahren wird der Rottenacker Genossenschaftswald erstmals erwähnt – Blick in ein Stück Dorfgeschichte

ROTTENACKER (vf) – In der Gemeinde gibt es seit Menschengedenken eine „Waldgenossenschaft“: mehrere Dutzend Bürger, die gemeinsam einen größeren Wald Richtung Herbertshofen, die „Buchhalde“, gemeinsam bewirtschaften und nützen. Der frühere Schulleiter Gunther Dohl ging der Geschichte dieser im Raum Ehingen heute ungewöhnlichen Vergesellschaftungs- und Eigentumsform nach, stellte fest, dass die älteste Nennung dieses Genossenschaftswaldes ausgerechnet fünfhundert Jahre alt ist und berichtete davon in einer von hundert Personen besuchten Veranstaltung am vergangenen Wochenende.

Wesentlich unterstützt wurde G. Dohl bei der Ausarbeitung des Vortrags von seiner Frau. Sie ermöglichte es dem krankheitsbedingt gehandicapten Heimatforscher, seiner geliebten Geschichtswissenschaft und -forschung erneut nachzugehen und die Ergebnisse vorzutragen.

Die „Waldgemeinschaft Buchhalde“ ist in gewissem Sinn ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, als in unseren Breiten sehr viel mehr Gelände, vor allem Wiesen und Wälder, gemeinschaftlich bewirtschaftet wurden, aus dem einfachen Grund, weil Abgrenzungen viel schwieriger waren als heute, in unserer Zeit genormter Messgeräte und Landkarten. Dass der Rottenacker Wald nicht in Einzelteile zerlegt oder als Gesamtheit im Lauf der Zeit an einen einzigen Besitzer verkauft wurde, wird wohl damit zusammenhängen, dass er vergleichsweise klein war. Auch Gunther Dohl stellte in seinem Vortrag fest, dass die Wald-Genossenschaft erhalten blieb trotz einschneidenden sozialen Wandels beim Übergang des in Rottenacker wesentlich grundbesitzenden Klosters Blaubeuren, dem viele Menschen dort als Leibeigene zugehörten, an das Land Württemberg.

Jedenfalls stammt aus“ dem Jahr 1501 der erste schriftliche Hinweis auf die Existenz des Waldes. Dass es vorher schon Wald auf der Markung gab und zwar mehr als heute, das anzunehmen liegt nahe. Und gestürzt wird eine solche Annahme auf vorhandene Flurnamen, die auf Wald hinweisen, etwa Jungholz“.

In einer Verkaufsurkunde aus dem Jahr 1572 wird von einem Gelände erwähnt, dass es „vor Zeiten“ bewaldet gewesen sei; schon 1470 war der Wald zu Acker umgebrochen; diese drei Jauchert in der Wissmannshalde gehörten vor zweihundert Jahren „Georg Schacher, Schmied, und Adam Striebels Waisen.“

G. Dohl sah sich die Flurnamen rund um den Buchhaldenwald an und schließt, dass der Wald heute weitgehend dieselbe Fläche umfasst wie vor fünfhundert Jahren. 1720 wird erstmals die Größe,des Waldes genannt: „143 Morgen, zweieinhalb Viertel, 17 Ruten“, was etwa vierzig Hektar Fläche heutiger Messart entspricht. 1721 heißt es in einer Steuerakte, der Wald werde alle 20 Jahre gefällt, der Wald bestehe aus „Buchen, Aspen, Birken, Haselhecken und wenig Eichen“. Dass der Wald im Gegensatz zu anderen auf der Markung nicht in Ackerland umgebrochen wurde, ist sicher auch durch die für Ackerbau nicht so sehr geeignete steile Lage am Donauhang bedingt.

Vor fünfhundert Jahren war der Genossenschaftswald in „halben“ und „ganzen Teilen“ auf 28 Bauerngüterverteilt.

Straße am Hang, nicht im Tal Die Straße nach Ehingen führte – so jedenfalls eine Flurkarte aus dem Beginn des 18. Jahrhundert – durch den Wald hindurch. Möglicherweise wurde das Tal wegen Überschwemmungsgefahr oder Feuchte damals für einen ständigen Weg mit überörtlicher Bedeutung gemieden.

Geld fließt für Energie-Kauf ins Ausland, auch früher schon Im Jahr 1800 ärgert sich der von Württemberg eingesetzte „Vogt und Pfleger“, also der örtliche Vertreter des Landesherrn, dass die Menschen in Rottenacker viel Geld in benachbarte andere Länder (die Klosterherrschaften Zwiefalten und Marchtal) fließen lassen, weil sie das für Hausbrand und Bau benötigte Holz nicht auf der Markung selbst erwerben können.

Die erste exakte Landkarte der Markung wurde 1821 von württembergischen Landvermessern erarbeitet; sie zeigt den Wald mit einer Fläche fast so groß wie heute, 143 Morgen oder 40,55 Hektar groß. Der Wald wurde damals noch durch eine Wiese („Gauppenstallwiese“) getrennt; die beiden Waldhälften hießen Jungholz und Buchhalde; erhalten hat sich bis heute der eine der zwei Flurnamen. Der älteste-Hinweis auf eine bürokratisch funktionierende Waldgemeinschaft stammt aus dem Jahr 1924, damals wurden ein Vorstand, drei Vorstandsmitglieder und ein Rechner der Genossenschaft gewählt. 1928 findet sich in einer Finanzamtsakte der Hinweis, dass das Gelände „zur Zeit 52 Miteigentümern gehört, deren Zahl sich aber ständig verändert.“ Der Wald werde in 16 Teile eingeteilt und „16jährig umgetrieben“, das heißt: nach 16 Jahren wird jede der Abteilungen abgeholzt, „nur Eichen bleiben zum Teil stehen.“

1925 werden in den Akten der Genossenschaft erstmals Anpflanzungen genannt: 6000 Fichten, 2000 Forchen, 1000 Eschen. 1931 werden die Eichen im „Oberen Baierhau“ gefällt. Küfer Konrad Dommer erhält dafür drei Reichsmark.

1967 wird erstmals eine Motorsäge gekauft, 1972 eine neue. Aus den zahlreichen Einträgen im Protokollbuch der Waldgemeinschaft, die Dohl in seinem Vortrag zitierte, seien hier nur wenige erwähnt, beispielsweise eine aus dem Jahr 1976: „Weil immer weniger Teilhaber bereit sind, beim Pflanzen, Setzen und Reinigen mitzuarbeiten, wird angeregt, den Taglohn zu erhöhen. Finanzamt steckt Forderungen zurück In den 1970er Jahre hätte das Finanzamt gern mehr herausgeholt, vor allem Lohnsteuer; es verzichtet dann aber auf seine Forderungen, „weil nur Eigentümer und Nachfolger im Wald mitarbeiten“.

In dem Kapitel „Der Wald und die Menschen“ erwähnt Dohl eine Aktennotiz aus dem Rottenacker Rathaus aus dem Jahr 1937. Ihr zufolge „erscheint Jakob Walter, Bäcker“, Vorstand der Waldgenossenschaft, und gibt an: Unser bisheriger Waldschütze Breymaier“ (Waldschütze ist nicht so sehr ein Jäger, eher ein Flurwart und Geländebetreuer, der in seltenen Fällen auch mal zur Flinte griff) „befindet sich im 72. Lebensjahr und kann den Dienst bereits nicht mehr versehen, will denselben trotzdem nicht abgeben, da er als Waldschütze absterben möchte.“ – Hier wird erwähnt, was damals an Wild im Jahr abgeschossen wurde: „etwa zwanzig Hasen und ein halb Dutzend Füchse“.

1939 wird erwähnt, dass Mitgliedern, die sich am Pflanzensetzen beteiligt haben, ein Essen mit Bier und Brot verabreicht wird. – Ein Ausflug zur Reichsgartenschau in Stuttgart entfällt mangels Beteiligung. 1941 wird als Stundenlohn an Holzhauer 70 Reichspfennig gezahlt, an „Kriegsgefangene 40 Rpf.“ 1952 überlässt die Waldgemeinschaft den Konfirmanden der Kirchengemeinde zum Schmücken des Pfarrhofs 30 Tannenbäume kostenlos. Die Genossenschaft trägt auch den Hauerlohn; hauen sollen Vorstand und Waldschütz.

Die Tür für den Kindergarten 1954 bittet Ortspfarrer Stein, für den Bau der (evangelischen) Kinderschule Bretter und Eichen zu spenden oder 1.000 D-Mark. Die Waldgenossenschaft berät und entscheidet: 500 Mark oder zwei Festmeter Eichenstammholz. Wenn Geld, dann sei dieses an den Schreinermeister zu zahlen, der die Tür der Kinderschule fertigt.

1957 wird beschlossen: Jedes Mitglied, das zur Generalversammlung kommt, erhält zwei Flaschen Bier, 1972 wird diese Freundlichkeit um zwei Brezeln erweitert, 1978 treten an die Stelle der Brezeln ein warmes Essen, Salat und Brot. Man sieht: Auch in einem kleinen Lebensraum zahlt die Demokratie dafür, dass die Demokraten sie ausüben. Jugendlicher Vandalismus ist nicht neu: 1973 berichtet der Waldschütz, junge Leute hätten vierzig Bäumchen umgehackt.