31.01.2003 | Mal so, mal so….

GRIESINGEN / EHINGEN (vf) Die Südwestpresse Ehingen berichtet in ihrer gestrigen Ausgabe von der Spendenaktion zum Kauf eines Rollstuhls für einen Griesinger Unfallgeschädigten und davon, dass der Griesinger Bürgermeister diese Spendensammlung anregte. Aber, heißt es nun weiter, die AOK habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie die Kosten des Rollstuhls zahle und eine Spendensammlung deshalb nicht nötig sei. Das Engagement des Bürgermeisters als Spendensammlers wird von der SWP als „starkes Stück“ bezeichnet, als „schlicht unseriös“, Spender seien „gefoppt“ worden etc. Der Kommentator schreibt von „Profilierungssucht, Wichtigtuerei“ Bürgermeister Oberdorfers.

Eigenartig berührt da den erinnerungsfähigen Zeitgenossen, in welchem Umfang eben diese SWP Ehingen vor Monaten die Spendersammelaktion durch BM Oberdorfer lobte. Jetzt heißt es hingegen: Alles unnötig. Wir meinen: Die SWP-Redaktion hätte schon damals bei der AOK nach der Begründetheit der Spendenbitten nachfragen können. Dem denkenden Zeitgenossen drängt sich zur Bewertung dieses Zeitungsstils ein alter Spruch auf: „Einmal Hosianna, einmal Kreuziget ihn!“ Bürgermeister Oberdorfer wird heute um 15 Uhr in der Griesinger Halle öffentlich Stellung zu der Veröffentlichung in der SWP Ehingen nehmen. Den ganzen Tag über, so Oberdorfer gegenüber der SZ Ehingen, habe er Sympathiebekundungen erhalten und Äußerungen der Kritik an der „Demontage durch die SWP“.

29.01.2003 | Beschämt, in diesem Krieg Soldat gewesen zu sein

Die SZ veröffentlichte vergangene Woche einen Hinweis auf eine Neuerscheinung: Briefe eines jungen Zwiefalters, der aus dem Russlandfeldzug des Zweiten Weltkriegs nach Hause schrieb.

Dazu nun Gottfried Beck, Mundingen:

Zu dem Bericht „Neuerscheinung – Verlorene Jugend” möchte ich einiges anmerken. Zuerst glaubte ich, nicht richtig zu lesen. Soll hier der Krieg gegen Russland glorifiziert werden, als Kreuzzug gegen das Böse, ein heiliger Krieg? Ein Urteil über diesen furchtbaren Krieg kann ich mir wohl erlauben, da ich drei Jahre an dem schrecklichen Krieg mitgemacht habe. Dies war ein menschenverachtender Krieg. Keine notwendige Reinigung. Der Soldat beschreibt ja selber, dass sie Menschen umgebracht haben, die keine Lebensmittel mehr hatten, eine blutige Ernte! Zynischer kann man es gar nicht beschreiben. Ein Idealist ist das auf keinen Fall, sondern ein unverbesserlicher Ideologe bis zu seinem Tode. Wurde er nicht christlich erzogen? Auf der anderen Seite waren doch auch Menschen, keine Bestien oder Untermenschen. Ich weiß nicht: wurde er von dem Leid, das diesem Volk angetan wurde, nicht ein klein bisschen berührt?

Die Schreckensbilder der Verbrechen kommen bei mir, je älter ich werde, immer mehr in Erinnerung. Ich bekenne mich schuldig und schäme mich für das, was wir diesem Volk angetan haben. Dass dieses Buch ohne Kommentar herausgebracht wurde, finde ich nicht gut!

Gottfried Beck, Mundingen

Anmerkung der Redaktion: Der Verantwortliche der Ehinger SZ ist froh, dass der Mundinger Senior Gottfried Beck sich mit diesem Leserbrief zu Wort meldet. Wir haben den Text über die Neuerscheinung (Briefe eines jungen Zwiefalter Soldaten aus dem Russland-Feldzug) auch deshalb veröffentlicht, weil er zeigt, wie heftig junge Menschen sich für den deutschen Feldzug engagierten, wie einig sie mit dem NS-Rassen-Blödsinn waren. Sehr oft meint man heute, hört man Ehemalige reden: Es habe im Dritten Reich nur Widerständler gegeben; man fragt sich: Wie war das dann alles möglich, was da passierte? – Gut ist es auch, wenn nicht „Jüngere” (wie die Ehinger Blattmacher), die nicht dabei waren, den Älteren die Leviten lesen, sondern wenn das ein Älterer selbst tut, das wirkt sehr viel glaubhafter.                                                                                                                                               Veit Feger

17.01.2003 | Napoleon im Fernsehen und Urkunden-Pflege über drei Generationen

MUNDERKINGEN (vf) – „Leute um 1800″ – kann man sich was Gruftigeres vorstellen? – Ja, man kann! Siehe den aktuellen Napoleon-Film.  Napoleon rauscht derzeit durch die deutschen Fernseh-Stuben; der Mantel der Geschichte weht um Millionen Zuschauer: So ein feiner, schöner Mann, der „nichts als den Frieden will”, so sehr geliebt von schönen (!) Frauen und so bewundert von seinen Soldaten, gar: seinem ganzen Volk!!! Tja, da erinnert man sich gern an Bezüge zu dieser Zeit. Eine Munderkingerin hat einen Urgroßvater, der mit Napoleon nach Russland zog. Man kann es fast nicht glauben, aber es stimmt: Jener Andreas Schmieg aus dem Hohenlohischen machte den Krieg 1813 als junger Mann in einem württembergischen, mit Frankreich alliierten Bataillon mit. Er überstand alle die schrecklichen Dinge wie „russische Armeen”, „russischer Winter”, „Hunger”, „Partisanen”, kehrte zurück und heiratete als sechzigjähriger Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zum dritten Mal in seinem Leben; er wurde .noch Erzeuger, jedenfalls wird das so .berichtet. Seine Tochter hörte noch die Erzählungen ihres weitgereisten Vaters gab sie ihrem Sohn weiter und der an seine Tochter, die Mitte der zwanziger Jahre in Murrhardt geborene, seit Ende der 50er Jahre in Munderkingen lebende Irma Greiner.

Die frühere EVS-Beraterin besitzt noch die Urkunde, mit der der württembergische Kriegsminister 1840 jene Männer bedachte, die 28 Jahre zuvor am Russland-Feldzug Napoleons teilgenommen hatten. Keiner dieser Männer, scheint es, schämte sich damals/ an einem Angriffskrieg teilzunehmen, keiner schämte sich, an einem Krieg teilzunehmen, der  hunderttausende Menschen das Leben kostete. Wie meist: Die Geschichte wird von den Überlebenden geschrieben. Und was Napoleon angeht, so will uns jener frische, vierteilige Fernseh-Film aus Frankreich deutlich machen: Kriegerische Welteroberer werden, egal, wie hoch die Opfer sind, von ihrem Volk bewundert, und heute noch eignen sich Männer wie Napoleon zur bewundernden Darstellung durch Angehörige dieser Grande Nation.

Merke: Alles ist paletti, solang der Typ nicht Adolf heißt. Je weniger überleben, desto interessanter sind die Aussagen derer, die doch noch heimkamen. Und so wurden die Erinnerungen des glorreichen Russlandzug-Teilnehmers – zumindest in der Familie Schmieg/Greiner – sorgfältig notiert und weitergegeben.

Ganz selbstverständlich ist so etwas heute nicht mehr. Ob künftige Generationen noch mit den Hinterlassenschaften der Ahnen so respektvoll umgehen, ist fraglich. Aber hier jedenfalls gilt der Glücksfall: Die Kriegsteilnehmer-Urkunde vom Uropa kann im Jahr 2003 in der Ehinger SZ abgedruckt werden, persönlich übergeben von einer Nachfahrin der dritten Generation. Frau Greiner gilt unser herzlicher Dank dafür, dass sie uns das teure Stück zur Kopie überließ und die entsprechenden Daten zum Leben ihrer Vorfahren genannt hat.

Zum Foto: Der württembergische König und sein Kriegsminister ließen sich nicht lumpen. Zumindest eine schön und auf gutem Papier gedruckte Urkunde gab es für jene Männer, die Jahrzehnte zuvor ihre Knochen im Dienst des Landesherren hingehalten hatten und nach Russland gezogen waren.:

12.01.2003 | Vor 25 Jahren – 1978

(vf) – Die SZ setzt ihre Serie „Vor 25 Jahren im Raum Ehingen – in der SZ geblättert” fort.

 Erstaunlich ist der Wandel bei Firmen, bei Geschäften, bei Eigentümern. Im Winter 77/78 werben unter anderen folgenden Firmen in der Ehinger SZ: Autohaus Paul Braun („den Granada zum Schotten-Preis”), Kund & Pilger, Kirchen (Kunststofffenster), Lene und Irmgard Fischer (Schmuck, Lindenstraße), Radio-Bloching (Näh­maschinen und mehr, Obere Hauptstraße), Franz Romer („rostfreie Tafelgeräte”), Rothenbacher („Bernina”, Zweiräder, Lindenstraße), Fenster-Birk (Schönbronnerweg), Spielwaren-Munk (Obere Hauptstraße), Radio-TV-Cremans (Weitzmannstraße), Scham („Marokkanische Berber”-Teppiche, Pfisterstraße), „tv-hifi-elektro Pfeifer”, Sonnenbrauerei Schmiechen, Bau- und Brennstoffe Sprissler, Rottenacker.

Der evangelische Kinderchor Ehingen hat ein Konzert auf Schallplatte pressen lassen; die Platte wird nun um Weihnachten herum für 5 Mark das Stück verkauft. Der Reinerlös  soll einem Indianervolk in Südamerika zufließen. Dessen Überleben ist durch „Landraub bedroht”.

Bei der Mitgliederversammlung der Jungen Union Alb-Donau werden die Abgeordneten Ernst Ludwig (OB von Ulm) und Herbert Werner begrüßt. Bedauert wird, dass die Initiative der (CDU-)Landesregierung zur Schaffung von Arbeitsplätzen keine Wirkung gezeigt habe. –

Auf der Kreisversammlung wird diskutiert über das Für und Wider von Energiequellen. Ein Antrag der JU Allmendingen fordert, zur Stromerzeugung mehr Steinkohle zu verbrennen. MdL Ludwig spricht sich für die Förderung des A t o m Stroms aus. Zudem sei die Kohlen-Verbrennung umweltunfreundlich. Der Kreisverband hat unter anderem einen Diskussionsabend organisiert über die „Christenverfolgung im Ostblock”.

Die Jungkolping-Mädchen Ehingen unter Leitung von Margret Porada haben Geschenke für Kinder eines Kinderheims in Hürbel angefertigt und übergeben. Der Ehinger Lehrer Walter Frei trägt Gedichte von Matthias Claudius vor. Er widmet den Abend dem ältesten Hörer der VHS, dem 91-jährigen Rudolf Eickhoff (Vater des früheren Ehinger Kinderarztes).

31.12.2002 | Blick ins Angebot der Ehinger Museumsgesellschaft im neuen Jahr: Dichter, Wälder, Wasser und Wässerchen

EHINGEN (vf) – Die Museumsgesellschaft ist vor allem ein Verein für andere, für Nicht-Mitglieder. Was sonst staatliche und städtische Institutionen mit Steuergeld abwickeln, geschieht hier ehrenamtlich. Der Verein legt ein erneut sehr beachtliches Jahresprogramm vor, für 2003. Vf wirft einen Blick ‘rein. Anzukündigen sind außergewöhnliche Ausstellungen, Führungen, Vorträge und mehr.

Derzeit „läuft” noch die Weihnachtsausstellung im Museum (bis Mitte Januar), mit Plüschbären aus einer Ringinger Sammlung.

An einem sinnreichen Tag, dem 2. Februar (Maria Lichtmess), ab 14 Uhr, führt Pfarrer Burkhard Keck durch die Liebfrauenkirche: an einem Marienfesttag durch eine Marienkirche.

Die erste Ehinger Ringstraße

Am 3. Sonntag im Februar, dem 16., ab 11 Uhr, führt Rudolf Schrodi, als über Achtzigjähriger noch immer unermüdlich, durch die Lindenstraße, diese erste große Straße der Stadt außerhalb der im 19. Jahrhundert abgebrochenen Stadtmauer. Durch den Wall und den Graben davor war der Verlauf der neuen (Halb-)Ringstraße zwischen Glockenplatz und Altem Spital, vorgezeichnet. Wie in vielen Städten Europas wurde solche neuen Wall- oder Ringstraßen auch das erste Baugelände für repräsentative Verwaltungs- und Wohnbauten. „De bessere Leit” oder was sich dafür hielt, zog dort hin; es gab erstmals viel Platz um die Häuser; italienische Villenbauten waren das (bewusste oder nicht-bewusste) Vorbild. Für Freitag, 21. Februar, macht der Verein eine Besichtigung des erweiterten Liebherr Werks möglich. Mitglieder   der Museumsgesellschaft haben bekanntlich erst vor einigen Wochen ein Buch über Ehingen auch als Wirtschaftsstandort herausgebracht. Mehrere Mitglieder des Vereins waren oder sind in großen Firmen der Stadt beschäftigt.

Hopfenanbau – auch bei Fegers

Ulrich Köpf erinnert bei einem Stadtrundgang am 23. März an einen vergangenen und ziemlich vergessenen wirtschaftlichen Aspekt der Stadt, den Hopfenanbau, die damit verbundenen Hopfenhäuser und die Brauereien. – Kleine Anmerkung, weil wenig bekannt: Auch das – 1959 – abgebrochene Vorgängergebäude der Ehinger SZ-Technik hinterm Schlüssle diente ursprünglich überwiegend dem Hopfentrocknen. Im Parterre befanden sich Setzerei und Druckerei, die Anzeigenannahme, ursprünglich auch der Stall für ein Pferd, das (vor der Elektrifizierung) die Druckmaschinen antrieb, die Hälfte des ersten Stocks war bereits Hopfentrocknungsfläche, die beiden darüber liegenden weitläufigen Geschosse ebenfalls, jedenfalls einige Zeit. Der Hopfen dafür war im Wolfert Gebiet angebaut worden. Das Gebäude war großteils eine Fehlspekulation. Der Ehinger Hopfen setzte sich nicht durch gegen traditionelle Hopfenanbaugebiete wie das bei Tettnang und in der bayerischen Hallertau. Alb-Donau-Archivar Jörg Martin wirft am 28. März einen Blick auf die Geschichte des Oberamts und Landkreises Ehingen zwischen 1810 und 1972 (als der Kreis mit dem Raum Ulm zum Landkreis AD zusammengelegt wurde und Ehingen damit zwar die Eigenschaft „zentraler Verwaltungsort” verlor, aber die einwohnerzahlreichste Stadt auch des neuen Landkreises blieb. Am Sonntag, 30. März, bieten Verein und VHS eine Busfahrt zur Neuen Pinakothek in München an.

Am Samstag, 5. April, führt Winfried Hanold, ausgewiesener Kenner der Erdgeschichte unserer engeren Heimat, unter dem Motto „Die Schmiech im Donautal” durch das einstige Donautal: Die Urdonau floss vor Jahrtausenden durch das (jetzige) Schmiech- und Aachtal (also „vorbei” an den nicht mal schattenhaft existierenden Städten Schelklingen und Blaubeuren nach dem ebenfalls nicht existierenden Ulm (kuriose Formulierung). Die begeisterte Kleidersammlerin und -ausstellerin Gabriele Bauer-Feigel {Granheim/Stuttgart) zeigt einiges von ihren Schätzen während des Monats April im Ehinger Museum.

Stichwort: „Abend- und Cocktailkleider im Wandel der Zeit”. Dazu wird Gisela Sporer von ihr gesammelte Handarbeitsdecken auslegen.

Das Thema „Brauereien” wird erneut am 9. April akut: Anne Hagenmeyer bittet darum, Erinnerungen ans Brauen und was damit zusammenhängt (vielleicht auch ans Trinken?) im Ehinger „Erzählcafé” auszuplaudern. Wohl bekomms!

Am Nachmittag des 5. Mai können Kinder im Museum miterleben, wie einst Papier hergestellt wurde, durch Vorgänge wie „schöpfen” und „gautschen”.   Zu  diesem Zweck kommt das „Museum im Koffer” aus der einstigen Papiermacherstadt Nürnberg nach Ehingen.

Jakob-Locher-Spezialistin spricht

Prof. Dr. Dora Dietl kommt am 7. Mai aus Tübingen nach Ehingen und spricht über den aus Ehingen stammenden Schriftsteller Jakob Locher. Die Ehinger SZ hat im Sommer auf die Tübinger Forscherin aufmerksam gemacht, .die „auf dem Umweg” über Jakob Locher eine „ordentliche” Professorin werden will. Aufgrund seiner Telefongespräche und e-mails mit der Literaturwissenschaftlerin darf vf einen nicht staubtrockenen, sondern amüsanten Vortrag über einen bald fünfhundert Jahre toten Mann versprechen.

Ein wahrer Literatur-Ansturm

Gleich zwei Tage später schon wieder „Ehinger Literatur satt”: Prof. Dr. Hans Pörnbacher, hochbetagter Germanist, kommt nach Ehingen und spricht über den Jesuitendramatiker Jakob Bidermann. Pörnbacher hat viel zur „Wiederentdeckung” und Würdigung regionaler Literaturgrößen beigetragen. Unter anderem hat er ein Buch über den aus Nördlingen stammenden, zeitweilig in   Oberstadion   tätigen Jugendschriftsteller Christoph von Schmid verfasst. Seinen schon vor langem erworbenen Verdiensten verdankt der zeitweilige Germanistik-Professor der Universität Nijmwegen, dass er kürzlich in ein Gremium von Herausgebern vergessener oder schwer zugänglicher   regionaler Literatur gewählt wurde. Die Vorträge von Dietl und Pörnbacher haben mit dem Edierunqs- und Ausstellungsprojekt zu tun. Die sponsernde OEW und die Uni Konstanz   mit ihrem Germanisten Prof. Gaier stellen vom 27. April bis 9. Juni in Blaubeuren „Literatur vom Neckar bis zum Bodensee, 1200 bis 1800″ aus. Der erste Band der Edition betraf (wie an dieser Stelle notiert) einen Ehinger, eben Jakob Bidermann: Der einstige Ehinger Gymnasiast Christian Sinn übersetzte und erläuterte eines der lateinisch verfassten Bidermann‘schen Dramen neu).

In Zusammenhang mit der Blaubeurer Ausstellung und den Ehinger Vorträgen steht ein weiterer Auftritt des „Museums im Koffer”: Ehinger Kinder können erleben, wie im Mittelalter geschrieben wurde, mit Federkielen, mit aus Asche angerührter Tinte – und vor allem mit einem dafür heute zunehmend verpönten Körperteil – mit der Hand.

An zwei Abenden, 12./13. Mai, wird Walter Frei aus Werken von Jakob Bidermann und Jakob Locher vorlesen. Vorträge und Lesungen finden im ehemaligen Franziskanerkloster statt.

Trink, Brüderlein, trink!

Nun geht’s dieses Jahr schon um den Hopfen und die Brauereien. Am 14. Mai dürfen, ja sollen wir uns in Anne Hagenmeyers „Erzählcafé” an einstige (und vielleicht auch gegenwärtige) Ehinger Gastwirtschaften erinnern. Nicht viele frühere Gasthäuser haben überlebt (um einige zu nennen: Schwanen, Glocke, Sonne, Schwert, Paradies, Deutscher Kaiser, Stern, Rößle, Neues Haus, Fischersteige).

Der 18. Mai ist der internationale Museumstag. An diesem Sonntag werden auch im Ehinger Museum auf allen Ebenen Führungen angeboten.

Von April bis Oktober ist in Schussenried eine große Landesausstellung, über die 200 Jahre zurückliegende sogenannte Säkularisation. Aus diesem Grund befasst sich Stadtarchivar Dr. Ohngemach am Montag, 19. Mai, in einem Vortrag im Museum mit der Geschichte der Franziskanerklöster in Ehingen: Beide Klöster fielen bekanntlich Säkularisierungen zum Opfer, zu verschiedenen Zeiten: Das Frauenkloster lag im Groggental; seine Gebäude sind vom Erdboden „verschwunden”; das Männerkloster wird heute wieder durch den Namen erinnert, so, als ob’s noch existierte’ Dabei sind uns Heutigen klösterliche Lebensformen recht fremd. Wenn schon, darf’s ein bisschen Buddhismus sein.

Neue Herren, neue Kirchengemeinde

Das Thema Kirchengeschichte reicht weiter, mit einer Fahrt zu der Schussenrieder Ausstellung und vor allem mit einer Ausstellung in Ehingen zur Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde. Mit dem Aufziehen der neuen – württembergischen – Herren, Anfang des 19. Jahrhunderts, kamen auch „Lutherische” nach Ehingen. Seit genau 150 Jahren besitzt Ehingen eine eigene evangelische Gemeinde mit einem eigenen Pfarrer; 125 Jahre alt ist die Kirche an der Lindenstraße und mit Hilfe des lutherischen Königs von Württemberg bekam die Gemeinde ein stattliches Wohnhaus für ihren Pfarrer – an eben jener Lindenstraße, von der weiter vorn schon mal die Rede war. Die Ausstellung „Neue Herren – neue Konfession in Ehingen” dauert vom 25. Mai bis 18. Juni. Für Ende Mai ist eine Führung durch das Technik-Museum der Familie Schöttle bei Mundingen vorgesehen. Das Stichwort „Alte Klöster – neue Herren” wird erneut aufgetischt, am 28. Juni, auf originelle Art. Galerist Ewald Schrade führt durch die einstige Probstei des Klosters Zwiefalten, in der er heute seine Bilder zeigt; der Ehinger Forstfachmann Josef Stauber führt durch die einstigen Klosterwalder.

Klöster waren ja nicht nur land-, sondern auch waldwirtschaftlich tätig und haben viel getan für die Kultivierung (ein mit Überlegung verwendetes Wort) unserer Landschaft. Damit‘s nicht zu lang wird, erwähnen wir aus dem Programm des zweiten Halbjahres die Ausstellung im Herbst, über die Wasserver- und Entsorgung in Ehingen.

13.12.2002 | Ein Deutschlehrer erinnert

EHINGEN Die Ehinger SZ berichtete am 6. Dezember über die literarischen Erfolge des aus Öpfingen stammenden Autors Andreas Eschbach. In den Angaben zur Person war eine Erinnerung Eschbachs an seine Ehinger Gymnasialzeit wiedergegeben. Der Steppke und Aufsatzschreiber Andreas fühlte sich damals als Schüler nicht genügend gefördert durch seinen damaligen Deutschlehrer. Einer seiner Deutschlehrer, Hermann Schmid, las jetzt in der Ehinger SZ diesen Erinnerungstext und schrieb einen Brief an den Ehinger SZ-Mitarbeiter vf, der diesem beim Lesen echt Spaß machte und den abzudrucken ihm der Verfasser H. Schmid auf Nachfrage erlaubte. Das geschieht hiermit.

Prolog (sinngemäß aus Max Frischs „Tagebuch 1946- 1949“): Eine Lehrerin sagte zu meiner Mutter, sie werde nie stricken lernen. Meine Mutter erzählte uns jenen Ausspruch oft; sie hat ihn nie vergessen, nie verziehen; aber sie ist eine leidenschaftliche Strickerin geworden. Ich sage heute: Alle Strümpfe und Mützen, die Handschuhe, die Pullover, die ich je bekommen habe, am Ende verdanke ich sie allein jenem ärgerlichen Orakel!…“

Zitat aus: Veit Feger, „Andreas Eschbach veröffentlicht seinen ersten Roman – weitere folgen“, Schwäbische Zeitung, 7.9.1995: „Als 13-jähriger schrieb er am Ehinger Gymmi Science-Fiction-Geschichten für die Kumpels, zum Missfallen des Deutschlehrers, […] mit 13 begann er, selber erste Science-Fiction-Geschichten zu schreiben. Die kursierten dann in der Schulklasse. Einmal wurden sie dort vom Deutschlehrer beschlagnahmt, der sie ihm anderntags wortlos, ohne jeden Kommentar, zurückgab.“

Aus: Anne Hagenmeyer, „Vom Ehinger Gymmi zum Erfolgsautor“, Schwäbische Zeitung, 6. 12. 2002:

„Auf Eschbachs Internet-,Seite‘ findet sich die Rubrik , Erinnerungen’. Dort beschreibt er, wie ein Deutschlehrer ihm eines Tages ein Manuskript abnahm und Tage später mit einem verächtlichen ,Na ja’ wieder auf den Tisch legte. – Eschbach schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr Geschichten; heute meint er rückblickend, es wäre die Aufgabe des Deutschlehrers gewesen, ihm beim Schreiben zu helfen. […] Trotz der mangelnden Unterstützung in der Schule ist Andreas Eschbach ich an einen potentiellen Schüler ist Eschbach beim Schreiben geblieben.“

Ein Ehinger Deutschlehrer bekommt heute, wie damals der Schüler Andreas Eschbach, ein mulmiges Gefühl – dieser Deutschlehrer könnte doch nicht etwa er selbst gewesen sein? Er weiß, dass er dereinst Andreas Eschbach als Schüler hatte. Er eilt in sein Arbeitszimmer und sucht unter inzwischen über 30 Lehrerkalendern mit den Noten die entsprechenden Bände heraus – und tatsächlich: Andreas Eschbach musste von Klasse 11 bis zum Abitur seinen Deutschunterricht ertragen!

Der Deutschlehrer erinnert sich, einmal von Andreas Eschbach einen Text gelesen zu haben, und erinnert sich auch, dass er diesen damals tatsächlich nicht besonders gut fand, was natürlich auch eine Geschmacksache ist – Science-Fiction allgemein muss nicht jedermanns Geschmack sein! Wenn Andreas Eschbach diesen Text noch hat, findet er ihn vielleicht inzwischen auch nicht mehr so genial.

Was dem Deutschlehrer nun Sorgen macht, ist seine mangelnde Erinnerung, auf welche Art er den Text zurückgegeben hat – „wortlos“ oder mit einem „verächtlichen ,Na ja’ „ (siehe oben)!? Wenn tatsächlich die neuere Version, die zweite, stimmen sollte, möchte ich um Entschuldigung bitten – und auf Max Frisch verweisen: Wenn meine Handlungsweise bei Andreas Eschbach die Reaktion hervorrief: „Dem zeig ich‘s aber!“, dann ist dies ja ein Ansporn zum Schreiben gewesen – und ein effektiver!

Ich weiß aus eigener Schülererfahrung, dass Lehrerworte verletzen können (wobei Ironie auch die verzweifelte Waffe eines Lehrers gegen Schülerverhalten sein kann!), aber vielleicht sollte man nach mehr als 24 Jahren eine frustrierende Erfahrung verarbeitet haben.

Vielleicht sollte sich Andreas Eschbach klar machen, dass Science-Fiction-Literatur im Deutschunterricht der Oberstufe – zumindest damals – keinen großen Stellenwert hatte und der Deutschlehrer insofern nicht unbedingt zuständig war für die Schreibversuche eines Schülers. Ich kann mich auch, nicht erinnern, dass Andreas Eschbach zu erkennen gab, dass er zum Schreiben seiner Texte der Hilfe des Deutschlehrers bedurfte. Es ist mir deshalb nicht ganz klar, weshalb diese Klage heute noch im Internet und in der Zeitung verbreitet werden muss.                      

Bei der Beurteilung der schriftstellerischen Versuche von Andreas Eschbach mag ich mich getäuscht haben – er kann sich aber nicht beklagen, in seinen Schülerleistungen von mir ungerecht behandelt worden zu sein! In meinen Notenbüchlein steht für die Jahre 1976 bis 1978 jeweils die Note 2, der Abitursaufsatz wurde mit 1,5 bewertet – kein Grund also, Vorurteile über Lehrer zu verbreiten!

Epilog I Vielleicht wird Andreas Eschbach versöhnlich gestimmt, wenn er weiß, dass sein früherer Deutschlehrer inzwischen seine Bücher kauft und liest und sein Jesus-Video“ im Fernsehen anschaut. – Und: Ich besitze heute noch eines der 30 Exemplare seines Erstlings „Die Adler sind gelandet“ – von ihm handsigniert! – Ist das nicht ein Grund, die unselige „Ehinger Deutschstunde“ endlich in etwas gnädigere Gefilde der Erinnerung aufgehen zu lassen? – Ich lade Andreas Eschbach ein, zu einer Lesung in seine frühere Schule zu kommen – dann gibt es hoffentlich einen verzeihenden und versöhnlichen Handschlag!                                 Hermann Schmid

08.12.2002 | Bibliotheca Suevica und Jakob Bidermann

EHINGEN / KONSTANZ (vf) – Der erste Band einer neuen Buchreihe mit erstmals bereits vor langer Zeit erschienenen, heute kaum mehr greifbaren Texten aus unserem geliebten Schwabenland liegt vor. Und dieser erste Band gilt ausgerechnet einem gewesenen Ehinger, dem Jesuiten und Schriftsteller Jakob Bidermann. Eines seiner Dramen aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts ist nun also erneut im lateinischen Urtext einer Ausgabe von 1666 nachgedruckt und, gar von einem einzigen Ehinger Gymnasiasten, ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen.

Der Titel des Bidermann‘schen Theaterstücks, „Cosmarchia sive Mundi Respubltca“. drückt griechisch und lateinisch etwas aus, was man vielleicht so übersetzen kann: .Der Staat als Welt“ oder .die Weh ab Staat“. Der Übersetzer Christian Sinn übersetzt diesen lateinisch-griechischen Doppelte! mit Welt-Herrschaft“.

Nach Ansicht des Verfassers dieser Zeiten möchte Bidermann zeigen, wie’s in der Menschenwelt zugeht, nämlich nach dem Sprichwort „Undank ist der Welt Lohn“ und .Handle entsprechend“. Vor allem aber Befolge die biblischen Empfehlungen: sammle Schätze nicht für diese Welt, sondern für die künftige (jenseitige). Und wenn du hier welche sammelst, nütze sie in einem christlichen Sinn, Diese gute Lehre soll aber nicht zu lehrhaft rüberkommen- wer mag schon gern ständig gereckte Zeigefinger sehen??, also erfindet auch Bidermann halbwegs amüsante Szenen.

Jakob Bidermann gibt gleich im Untertitel seines Dramas an, von wem er die Story für sein Drama bezieht, aus dem einst berühmten philosophischen Roman „Bariaam und Josaphat“ des syrischen Bischofs Johannes von Damaskus vom Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends. (Der Bartaam-Geschichte wurde übrigens nachgesagt, dass sie von indischen Darstellungen des Lebens Buddhas beeinflusst sei). Der lehrhafte Charakter des Theaterstücks wird pralöl deutlich daran, dass einige der auftretenden Figuren gleich den Namen dessen tragen, was sie vertreten, beispielsweise „Lust“, „Reichtum“, „Ansehen“, „Macht“, auch weitere Namen der Drama-Personen sind „sprechend“, wenn auch nicht ganz so blockig.

Verlegt wird das Buch von Klaus bete, Konstanz/Eggingen. Gedruckt ist die Übersetzung und das Nachwort in den alten (dem Verfasser dieser Zeilen ebenfalls mehr zusagenden) Rechtschreibregeln .von vor der Reform“, einer Art der Rechtschreibung, die die sponsernde OEW in ihren eigenen Verlautbarungen nicht mehr verwendet.

Ein Ehinger Lokalpatriot muss sich eigentlich freuen, wenn ein Text eines einst prominenten Ehingers wieder aufgelegt wird. Indes, die Begeisterung hält sich in Grenzen. Wer einen arten Schinken neu herausbringt, sollte ab Begründung nicht nur haben, dass das Buch auf dem Buchmarkt schwer käuflich ist oder dass ein einstiger Landesbewohner es
verfasst hat. Der gebildete Leser wünscht sich auch eine ausführlichere editorische Notiz als im vorliegenden Fall (wann und wo erschienen d# ersten Ausgaben?, was kennzeichnet die späteren Ausgaben und Übersetzungen und unterscheidet sie von der jetzigen?) So lesen wir beispielsweise in den Literaturhinweisen, dass ein Ettaler Benediktiner 1956 das Drama schon einmal übersetzte – mehr erfahren wir dazu nicht. Der durchschnittliche Leser (dazu rechnet sich der Verfasser dieser Zeilen) würde sich vermutlich über mehr Erläuterungen von Begriffen des Theaterstücks freuen, vor allem aber vielleicht eine Übersetzung vorfinden wollen, die nicht schon wieder den Geruch des 19. Jahrhunderts an sich trägt. Man stelle sich vor, heute sagt auf einer Theaterbühne A zu B: .Du Schurke!“ – Karl May lässt grüßen.

Vor allem aber darf der durchschnittliche Leser heute ein Nachwort erwarten, das halbwegs lesbar ist und nicht vor Fremdworten und Fachworten der inneruniversitären Text- und Sprachwissenschaft überquillt und deren wissenschaftliche Notwendigkeit vom Verfasser dieser Besprechung locker in Zweifel gezogen wird. Man gewinnt den Eindruck: Hier musste einer zeigen, dass er den Jargon drauf hat, koste es, was es wolle. Hier ist ein .Nachwort“ zu lesen, mit dem ein jüngerer Wissenschaftler – möglicherweise – belegen möchte, dass er zu einer Gruppe gehört, die eine bestimmte Spezial Sprache sicher sprechen und schreiben kann. Ein Dienst am durchschnittlichen, sogar am ziemlich gebildeten Leser ist ein solches Nachwort nicht. Als die neue Buchreihe angekündigt wurde, freute sich der Verfasser dieser Zeilen über die bevorstehende (geistige) Begegnung mit Leuten der Vergangenheit mit Autoren, die nicht so total vergessen sein sollten, wie sie es sind. Das gewissermaßen erste Exemplar der neuen Serie mit ihrem anspruchsvollen, wenn nicht geschwollenen Titel „Bibliotheca suevica“ macht höchstens einigen Philologen mit ganz speziellen Interessen Lust auf weitere .Exemplare“ der Serie.

Der Nachwort Verfasser zeigt durchs Zitieren von Autoren wie Walter Benjamin  dass er sich in einer schönen geistigen Wert bewegt, vf ging Mitte der sechziger Jahre absichtlich zum Studium nach Frankfurt, dorthin, wo damals fast die einzigen Philosophen in Deutschland, relativ früh nach dem verjagenden Dritten Reich, die Erinnerung an jene Heroen aus dem philosophischen Heiligenkalender pflegten), aber vf bezweifelt, ob das Sich-Bewegen in diesen erlauchten (Geistes-)Kreisen reicht, heutige Leser für ein (auch begrenztes) Interesse an jenen alten, lange toten Autoren zu gewinnen. Nicht schlecht wäre, wenn die neue Buchreihe nicht nur in Form von Ganzleinenbänden erscheint sondern auch weniger ambitioniert und durchschnittlesernäher in Gestalt einer Broschur. eines Taschenbuchs. Der Übersetzer und Nachwortverfasser Christian Sinn wurde 1962 in Pforzheim geboren. Er besuchte zeitweilig das Ehinger Gymnasium (der Vater war einige Jahre Chef von Neuweg Munderkingen und wohnt in Ehingen). C. Sinn studierte in Konstanz Neuere Deutsche Literatur und Philosophie, seine Doktorarbeit verfasste er über Jean Paul. Hinführung zu seiner Semiologie der Wissenschaft“ und seine Habilitation Uber .Dichten und Denken. Entwurf zu einer Grundlegung der Entdeckungslogik in den exakten und „schönen“ Wissenschaften“ Laut Eigennotiz des Herausgebers sind seine .Forschungsschwerpunkte: Literatur des Barock und der frühen Neuzeit; Goethezeit und Romantik, Geschichte und Methodologie der Geisteswissenschaften; literarische Rhetorik und Rhetorizität der Philosophie; Schmerztheorie als Erkenntnistheorie.“

Das Titelblatt der Ausgabe von 1666, alles schön in der damaligen Gebildeten- und Theologensprache Latein. Das Lernen der Rollentexte solcher Schultheaterstücke sollte auch dazu dienen, dass die Zöglinge von Jesuiten-Gymnasien besser Latein beherrschen.

27.11.2002 | Lesung aus einem Drama von Jakob Bidermann

EHINGEN / STUTTGART (vf) – Die Württembergische Landesbibliothek, der Verlag „Edition Klaus Isele“, Eggingen, und die OEW unter ihrem derzeitigen Vorstandsvorsitzenden Landrat Dr. Schürle geben in den kommenden Jahre schon lang nicht mehr erhältliche, fast vergessene historische Texte von Schwaben heraus, Editionen, für die vor allem Sponsorengelder nötig sind, weil sich nicht so viel Käufer finden, dass sich ein Verlag auf eigene Rechnung ein solches unternehmerisches Risiko eingehen kann. Am gestrigen Dienstag wurden in der Württ. Landesbibliothek Stuttgart die vier ersten Bücher dieser neuen Reihe („Ex Bibliotheca suevica“) vorgelegt, darunter „Cosmarchia oder Welt-Herrschaft“, ein Drama von Jakob Bidermann aus dem Jahr 1617. Der Ehinger Walter Frei und der Konstanzer Germanistik-Professor Ulrich Gaier, der die Neuerscheinungs-Reihe betreut, lasen Partien aus dem vierten Akt des Theaterstücks vor. Das Buch umfasst 133 Seiten und 54 Abbildungen. Christian Sinn hat das Drama aus dem Lateinischen übersetzt. – Ein anderes der vier weiteren Bücher ist die Neuauflage des Berichts eines Schwaben von 1747 über seine Reisen im damals noch fast gänzlich unerschlossenen Südamerika. Die zwei anderen Bände betreffen barocke Poesie schwäbischer Dichter.

26.11.2002 | Es kann und darf gekauft werden

EHINGEN (vf) – Die Neuerscheinung über Ehingen („Ehingen aber war merkwürdig – Ein Bilder- und  Geschichtenbuch der Stadt Ehingen”) liegt vor und kann unter anderem zum Selbstkostenpreis bei der SZ am Marktplatz erworben werden.

Gleich vorweg: Es ist vermutlich das poetischste Buch über Ehingen, das es bisher gab. Die Texte sind kurz (so dass selbst Menschen des Fernseh-  und des SMS-Kurznachrichten-Zeitalters es auszugsweise zu lesen vermögen). Alles ist portioniert in kleinen Brocken, so, dass man jederzeit zwischendrin anfangen und zwischendrin aufhören kann, ein Buch zum Drin-Blättern, im besten Wortsinn. Wer‘s partout will, darf‘s natürlich auch von vorn bis hinten durchlesen. Aber wer tut so was heute noch???? – nicht mal der Lese-Fanatiker vf.

Das Schöne an dem Buch ist die Bebilderung. Ganz viel Bilder aus der vorindustriellen, man könnte auch – halb wienernd – sagen: aus der Vor-Ringstraßen-Zeit sind hier gesammelt. Wichtig: Die Druckfarbe ist nicht schwarz, sondern abgetönt, was einen Effekt ähnlich dem Kupfertiefdruck ergibt (Das Verfahren heißt: Duplex- oder Zwei-Ton-Druck). Alles wird und alles wirkt ein bisschen entrückt (manchmal ist’s auch ein bisschen zu dunkel geraten – wo es heute doch so schöne PC-Bildbearbeitungsverfahren gibt). Es ist ein Buch für einen ruhigen Augenblick, sogar vielleicht eines, das selbst beruhigt. Reizvoll ist die Gegenüberstellung der selben Bauten oder Straßen zu verschiedenen Zeiten. Man sieht: Auch eine Stadt ändert sich, nicht so rasch wie ein Mensch, ein Garten, ein Wald. Aber eben auch.

Weil das Gestalterische eine solche Rolle spielt, gehört es sich nicht nur, dass die Autoren erwähnt werden (Alois Braig, Johann Peter Franzreb, Erich Merz, Johannes Lang, Karl Raizner, Rudolf Schrodi, Wolfgang Sigloch, alle in Ehingen lebend, wenn auch nicht unbedingt von hier stammend), sondern auch die Gestalter: die Firma Bertsche & Spiegel, Ulm; Bettina Spiegel stammt aus Ehingen. – Wolfgang Sigloch, Lehrer am Gymnasium, hat sich viel Mühe gegeben mit der Redaktion der Texte und einer guten Proportionierung der Beiträge aus verschiedenen Federn. Gedruckt wurde der fest gebundene 220-Seiten-Band auf 13S-Gramm-Kunstdruck-Papier der Ehinger Papierfabrik Sappi und dieses auch von Sappi gestiftet. Eine Reihe weiterer Sponsoren sind aufgeführt am Schluss des Buches und verdienen Dank. Mit ihrer Hilfe wird das Buch zu einem günstigen Preis (13,50 Euro, also zwei, drei Kino Eintrittskarten) angeboten. Erfreulicherweise sind in der Neuerscheinung nicht nur die guten alten Habsburger genannt, sondern viel mehr die heute so wichtigen Wirtschaftsunternehmen in Ehingen kurz vorgestellt. Die weniger schönen Seiten der Stadt und ihrer Geschichte (wenn man von Gebäuden absieht), sind übergangen. Die gute Stimmung, das schöne Bild (vielleicht manchmal gar: Bildchen) gestört. Wir wünschen allen Lesern viel Anschau- und Lesevergnügen.

10.11.2002 | Adelsgrabmale in Kirche erinnern an manchen Ehestreit

ZWIEFALTENDORF / RAUM EHINGEN – Reiche Leute vergangener Zeiten leisteten sich ab und zu großzügige Grabmale. Der Pofel und auch die eigenen Nachfahren sollten sehen, was die Errichter für tolle Leute waren und wie weit sie es gebracht haben (heute ist es auch nicht völlig anders). „Eindruck schinden“ nennt man dieses Verhalten, wenn es auch nicht dem entspricht, was die einstigen Grabmal-Erbauer gern über sich und ihr Grabmal gehört und gelesen hätten. Andererseits gibt uns die Prunksucht vergangener Zeiten heute die Gelegenheit, etwas über jene vergangenen Zeiten zu erfahren und das auf bequemere Art, als blätterte man in dicken Folianten. In einer Reihe Kirchen des Raums Ehingen stehen schöne Grabmale vergangener Zehen, aber in kaum einer Kirche wohl so viele wie in Zwiefaltendorf. Die hierherum einst einflussreiche und begüterte Adelsfamilie von Speth (oder Späth) hatte die Dorfkirche von Zwiefalten zu ihrer Familiengrablege erwahrt. Wichtig an fast allen solchen Grabmalen: Sie weisen die Wappen der Herkunftsfamilien von Adels-Männlein und -Weiblein auf, salopp formuliert: gewissermaßen den Arier-Nachweis früherer Zeiten – alles von bester Abkunft, alles paletti. Aber ganz ernst: So was wie ein jüdischer Gen-Geber unter den Vorfahren, das wäre die absolute Katastrophe in dieser Standes- und abkunfts-hysterischen Gesellschaft gewesen. – Der Untermarchtaler Heimatgeschichtsfreund Wolfgang Rieger hat einiges über die Zwiefaltendorfer Grabmale und ihre Errichter aus der veröffentlichten Literatur notiert, woraus wir nun wiederum das Amüsanteste oder Interessanteste auswählen. (vf)

Die Speth‘schen Grabdenkmale in dieser spätgotischen Pfarrkirche stammen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert

Grabmale sind Sinnbild-Speicher

Da ist beispielsweise das schöne Denkmal an der rechten Seitenschiffwand mit einer Höhe von immerhin dreieinhalb Metern und einer Breite von 1,80 Metern. Es zeigt ein kniendes Ritterehepaar und Jesus Christus in der Gestalt des Schmerzensmannes, der die Arme über das Ehepaar breitet, darüber Gottvater, eine Taube (als Sinnbild der dritten göttlichen Person), Engelsköpfe, ein Kreuz (Hinweis auf das Schicksal von Gott Sohn auf dieser Erde) und Marterwerkzeuge (mit denen man dem Gottessohn vor seinem Tod zugesetzt hatte). Ein sauberer Stammbaum  muss sein – wie fast immer bei diesen Grabmalen: Die gute Herkunft wird durch die Wappen der adeligen Herkunftsfamilien bezeugt: Hier sind es die Wappen der Familien Speth, Stain (oder Stein – in unserer Gegend mit den zahlreichen Ausformungen Reichenstein, Rechtenstein, Klingenstein etc.), Gissa, Berg, Neipperg, Massenbach, Helmstatt, Rüdt von Collenberg. Das auf dem Grabstein dargestellte Paar ist dort nicht näher bezeichnet; Untersuchungen und Überlegungen haben dazu geführt, dieses Ehepaar als Dietrich von Speth und seine Frau Agatha geb. von Neipperg zu deuten, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts starben (Nachweis in: „Archiv für christliche Kunst“ 1897). –

Dass Dietrich ein Kavalier alter Schule war, musste er schwer büßen und er wurde vor allem dadurch eine „Person der Geschichte“. – Dietrich war ein hoher, vertrauter Beamter des einstigen Herzogs Ulrich von Württemberg (1498 – 1550). Ulrich hatte Streit mit seiner Frau Sabina, einer geborenen von Wittelsbach aus Bayern. Diese hatte ihren Ehemann absolut, über’ und flüchtete unter wesentlicher Mithilfe Dietrichs von Speth vor ihres Ehemanns Unfreundlichkeit im Jahr 1515 ins vorderösterreichische Ehingen (mit Übernachtung im damaligen ,Renner‘schen Hof) und dann weiter zu ihrer Herkunftsfamilie in München. Herzog Ulrich war stocksauer, dass sein Vertrauter und Angestellter gegenüber der Ehefrau Sabina mehr Loyalität (oder Ritterlichkeit) gezeigt hatte als ihm selbst gegenüber und revanchierte sich auf ganz unritterliche Art, indem er die auf seinem Herrschaftsgebiet oder nahe dabei liegenden Schlösser des Dietrich in Untermarchtal, Zwiefaltendorf, Ehestetten und Neidlingen niederbrennen und die zugehörigen Dörfer plündern ließ. Diese Rache scheint ihm noch nicht gereicht zu haben. Zu einem späteren Zeitpunkt, nach einem „Durchhänger“, als Ulrich dann wieder so richtig im (württembergischen) Sattel saß, ließ er gar den Besitz des einstigen Freundes Dietrich einziehen. Erst die Kinder von Dietrich und Agathe erhielten nach dem Tod des Landesherrn Ulrich 1550 wieder das elterliche Erbe.

Tapferer Kämpfer – gegen die Osmanen

Als Herzog Ulrich seinen Durchhänger überwunden,“ in seinem Land Württemberg wieder das Sagen hatte und wohl noch immer auf Dietrich von Speth sauer war, flüchtete sich dieser 1534 nach Wien, zum Kaiser. Schon zuvor hatte er seine Brötchen als hoher Soldat verdient: Er war Oberst, beim Kurfürst der Pfalz, der seinen Hauptwohnsitz in Heidelberg hatte, später war er einer der ranghöchsten Offiziere der damaligen Reichstruppen, die das Deutsche Reich römischer Nation und insbesondere Wien im Jahr 1529 gegen die vordrängenden osmanischen Truppen verteidigten. Der Oberschwabe Dietrich machte seine Sache so gut, dass er damals den Beinamen „deutscher Mars“ (Mars – römischer Kriegsgott) erhielt. 1536, also bald, nachdem Ulrich wieder Chef in seinem Land Württemberg geworden war, kam Dietrich Speth bei Marseille ums Leben; auch dort war er als Soldat unterwegs gewesen. Immerhin ging es ihm oder seinen Kindern finanziell so gut, dass sie ein so teures Grabmal wie das in der Zwiefaltendorfer Kirche errichten lassen und zahlen konnten.

Ein Vorrecht: verurteilen und henken lassen

Dietrich muss in jungen Jahren recht gut ‘rausgekommen sein: So könnte er Anfang des 16. Jahrhunderts vor! der damaligen Reichsregierung (Kaisen Maximilian) das Recht des sogenannten Blutbanns erwerben; das heißt: Er durfte in seinem Herrschaftsbereich! Todesurteile verhängen und ausführen lassen. Überliefert sind wenigsten zwei Hinrichtungen: 1511 wurde ein Mann aus Weitingen und 1531 einen aus Pflummern hinter Zwiefalten im Herrschaftsbereich Dietrichs von Speth „vom Leben zum. Tode gebracht“ (wie das früher so schön hieß); einer den beiden wird als „Totschläger“ bei zeichnet.

Diese verdammten Söhne.

Auch das Grabrelief von Wilhelm Dietrich Speth von und zu Zwiefalten in der Zwiefaltendorfer Kirche ist recht stattlich: 2,25 Meter hoch, 1,60 Meter breit. Das Grabmal ist ein Schmuck im gotischen Chor der Kirche. Es zeig! einen auf einem Löwen knienden Ritter in betender Haltung, vor den! gekreuzigten Gottessohn, dahinter Gott Vater. Wilhelm D. Speth wurde 1546 geboren und starb 1615. Mit ihm verbindet sich ein Gschichtle übel den Streit mit seiner von ihm geschiedenen Frau Susanna, die ihren Ehemann, anno 1599 verlassen hatte. Der Verlassene enterbte daraufhin sein Frau und seine Söhne (die wohl zur Mutter gehalten hatten). Die Söhn wollten das nicht hinnehmen, klagten und hatten teilweise Erfolg.

WD scheint ein harter Knochen gewesen zu sein: Die ihm untertaner Bauern in Zwiefaltendorf und Ehestetten auf der Zwiefalter Alb probten 1600 den Aufstand. Einer seiner beiden Söhne lebte lange Zeit im Benediktinerkloster Zwiefalten und vermachte dem Kloster nach seinem Tod einiges vor seinem Speth’schen Erbe. Ein besonders schönes Grabmal wurde für Hans Eyttel (heute: „Eitel“ Speth von und zu Sulzburg Ende des16. Jahrhunderts oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichtet. Auch hier steht Jesus Christus im Mittelpunkt, e wird als vom Tod Auferstandene, gezeigt, mit einer Siegesfahne (Sich über den Tod) in der Hand, darüber der Himmel mit vielen Heiligen, Aposteln, Gottvater auf einer Weltkugel stehend, darunter als Szene de: Jüngsten Gerichts auferstehende Tot« und für immer verdammte Seelen. Der adelige Herr zeigt sich auf einen Löwen kniend, seine Frau auf einem Lamm (dies sind natürlich jeweils sinnbildhaft zu verstehende Bilder). Zu den Füßen der beiden Eheleute liegen Helm und Ritterrüstungs-Handschuhe – ein dezenter Hinweis auf die hauptsächliche Berufstätigkeit des Adelsherrn.

Natürlich sind wieder die (von vf flippig so genannten) Arier-Nachweise vorhanden, in Form der Ahnenwappen Lützelburg, Bissenberg, Milen (heute: Mühlen), Catzberg, Bock, Ladenberg, Ottenheim, Scheinen, Gemmingen, Angeloch, Reichenstein, Brenestein, Andlaw (Andlau), Wernaw (Wernau) und Bulach. Hans Eyttel war vermutlich kein so harter Knochen wie andere Angehörige der Familie: So errichtete er 1586 eine Stiftung, deren jährlicher Zins am Allerseelentag den Armen im Dorf auszuzahlen war. Wie viele andere Stiftungen ist auch diese wohl inzwischen längst „da Bach naa“. Die Speth zu Sulzburg tragen ihren Beinamen nach einem gleichnamigen Ort in der Nähe von Kirchheim / Teck, wo sie ein Gut besaßen. Es gab mehrere Zweige der Großfamilie Speth, deshalb führte man solche geographischen Unterscheidungsmerkmale ein.