26.01.2002 | ‚Für meine Begriffe nahezu unantastbar‘

Karl Moser aus Rottenacker schreibt zur Kritik eines Fernsehfilms über das Kloster Untermarchtal u.a. „Bei der Lektüre Ihres Berichtes unter dem Titel „Ein ganz üblicher Fernsehfilm“ über das Kloster Untermarchtal,  der am Dienstag, 22. Januar in Bayern 3 gesendet wurde, gewinne ich den Eindruck, dass besagtes Kloster bei Ihnen in Misskredit steht. Das Kloster Untermarchtal gehört nach meiner Ansicht zu den selten gewordenen Institutionen in einer Welt mit viel Konsum und Ellenbogenverhalten und wenig inhaltlichen Perspektiven. Ein Kloster, in dem selbstlos so viel Mitmenschlichkeit gelebt und praktiziert wird, und das mit 55 Einrichtungen für Kinder, Kranke, Alte und Behinderte viele gute Werke tut, ist für meine Begriffe nahezu unantastbar. Neuerdings fordern verschiedene Gruppierungen wieder die Rückbesinnung auf moralische und ethische Werte, hervorgerufen ist dieser Sinneswandel durch rasant wachsende gesellschaftliche Probleme.

Der heutigen Schwesterngeneration Rechenschaft dafür abzuverlangen, woher sie ihre Güter haben, erscheint mehr als polemisch. Ich finde, im Gegensatz zu Ihnen, dass der Film das engagierte Wirken dieser meinem Verständnis nach bewundernswerten Frauen zutreffend, aufschlussreich und unterhaltsam dargestellt hat. Aus meinem Bekanntenkreis habe ich gehört, dass ihn auch viele junge Menschen interessiert verfolgt haben und beeindruckt waren. Es muss vor
einem breiten Publikum nicht unbedingt das Innerste eines Menschen ausgebreitet werden, wie beispielsweise die eventuellen sexuellen Probleme von Klosterfrauen“.

Anmerkung der Redaktion: Es scheint dem Leserbrief-Schreiber entgangen zu sein, dass sich unsere Kritik weitgehend an die Adresse der Filmemacher, nicht an die der Klosterfrauen richtete. – Fragen zu stellen ist übrigens eine der wichtigsten Aufgaben jedes Mediums und rechtfertigt erst seine Existenz. Im Übrigen berichtet die Ehinger SZ seit Jahrzehnten umfangreich über das Mutterhaus der  Vinzentinerinnen, übrigens durchweg positiv und öfters aufgrund von Eigeninitiative, nicht aufgrund von uns vorgelegten Mitteilungen. Das scheint dem Leserbriefschreiber entgangen zu sein.

25.01.2002 | Ein Erbstetter kennt die Probleme in Argentinien

ARGENTINIEN / ERBSTETTEN. Sigmund Schänzle ist auf Heimaturlaub. Eine der Aufgaben Schänzles derzeit in Europa ist der Kontakt mit Hilfsorganisationen in Deutschland und der Schweiz. – Am Sonntag, 3. Februar (!), wird er im Pfarrsaal Erbstetten aus seiner Arbeit in Südamerika berichten. Diese Woche folgte er dem Wunsch der Ehinger SZ-Redaktion und beantwortete Fragen zur politischen, sozialen und kirchlichen Situation in Argentinien.

Bekanntlich ist das Land derzeit in einer mehr als schwierigen Situation. Vor Weihnachten berichteten auch die
Zeitungen bei uns ausgiebig von wirtschaftlichen Problemen, Forderungen des Weltwährungsfonds zur Finanz- und Wirtschaftspolitik des Landes, Zahlungsunfähigkeit der Regierung, Plünderungen von Läden etc. – Sigmund Schänzle, 41 Jahre alt, seit bald zehn Jahren in Argentinien, lebt mit den Menschen dort, insbesondere den Benachteiligten, mit. In seiner Diözese mit ihren 44 Geistlichen ist er die Hälfte der Woche für Seelsorge in einer riesigen Pfarrei (120 Kilometer Durchmesser) und in der anderen Hälfte für die Wirtschaftsverwaltung der Diözese zuständig, so hat er mehr als genug direkt mit den Problemen und Nöten vieler Menschen zu tun. In seinen politischen und ökonomischen Anschauungen stimmt er mit der katholischen Kirche des Landes überein. Die argentinischen Bischöfe äußern sich immer wieder auch zur politischen und wirtschaftlichen Situation. Die kleinen Leute seien der Meinung, dass ihren Anliegen am ehesten die katholischen Kirchenführer eine laute Stimme geben. Schänzle kann auf eine Verlautbarung der Bischöfe aus dem vergangenen Sommer hinweisen, in der die wirtschaftliche Situation klar angesprochen und
die Entwicklung, die dann vor Weihnachten kulminierte, vorhergesagt wurde.

Die beiden dominanten Parteien derzeit in Argentinien, die Peronisten und die „Radikalen”, sind vor allem Pfründen-Organisationen der jeweiligen Abgeordneten; ihr Einkommen liegt ein Vielfaches über dem der Durchschnittsbürger. Schänzle nimmt wie sein vorgesetzter Bischof in Santiago del Estero an, dass eine Änderung der Zustände jetzt teilweise auf außerparlamentarischem Weg erfolgen muss. Seitens der Bischöfe gibt es den Vorschlag, dass sich möglichst viele gesellschaftlich relevante Gruppen auf Einladung der Bischöfe an einen Tisch setzen, verhandeln und zu   Übereinstimmungen kommen. Schänzle wie sein Bischof nehmen an, dass, hilft auch dieser „Runde Tisch” nicht weiter, das gesamte Land in Anarchie und wahrscheinlich erneut in eine Militärdiktatur versinkt, eine Diktatur, die in Argentinien ja erst vor zwei Jahrzehnten das Land mit Mord und Folter überzog. – Schänzle nimmt von seiner Kritik auch den Weltwährungsfond nicht aus. Dessen Sparsamkeitsforderungen lasten schwer genug für das Land, seien aber bis vergangenen Sommer bis auf wenige Promille erfüllt worden; trotzdem habe der. WWF wegen „Nicht-Erfüllung”, die Schrauben angezogen und sei mitverantwortlich an der Entwicklung der letzten drei Monate.

Schänzle begrüßt die friedlichen Demonstrationen im vergangenen Spätherbst, an denen sich ein großer Teil der Bevölkerung ganz verschiedener Schichten beteiligt habe. Dass die Gewalt eskalierte, sieht Schänzle eher durch das Eingreifen politisch gelenkter Schlägertrupps bedingt: Die beiden großen Parteien hätten jeweils ihre paramilitärischen Einheiten, auch wenn das offiziell abgestritten werde. Als grundlegenden Mangel des politischen Systems bezeichnet Schänzle die allgemeine Korruption, als Mangel der Gesellschaft bezeichnet er die oft sehr geringe Eigeninitiative vieler Menschen: Diese passive Haltung sei von früheren Regierungen noch gefördert worden; Schänzle nennt hier insbesondere Evita Peron, die in den Fünfziger Jahren den Menschen versprochen habe: Wartet nur, es wird alles besser.

Schänzles Pfarrei hat einen Durchmesser von 120 Kilometern mit drei Hauptorten und 42 Filialen. Er schafft es, alle anderthalb Monate in jeder der Filialen vorbeizuschauen. Zumindest in den katholischen Gemeinden geht nichts ohne initiative Laien. Fast amüsiert zeigt sich Schänzle da bei einem Blick auf die Pfarrer-Versorgung bei uns: Die gilt ja als katastrophal schlecht, aber gemessen an Argentinien ist sie vorzüglich. Die Pfarrer leben von dem, was im Klingelbeutel
landet, von Mess-Stipendien (bezahlten Messen für Tote) und vom Staat bezahlte seelsorgliche Tätigkeit in Gefängnissen und anderen „sozialen” Einrichtungen. Eine große Freude jedes Jahr ist für S. Schänzle die Wallfahrt zum wundertätigen Kreuz von Mailin; das Dorf liegt in seinem Sprengel. 150.000 Menschen kommen jährlich zu den Wallfahrtstagen, vor allem auch viele Menschen aus dieser Region, die inzwischen auf Arbeitssuche in die großen Städte, vor allem Buenos Aires, abgewandert sind. Die Wallfahrtstage sind insofern auch Familientreffen. Das wundertätige Kreuz, so Schänzle, stammt sehr wahrscheinlich aus der Zeit der Jesuitenmission im 17./18. Jahrhundert. Diese Missionstätigkeit war in gewissem Sinn sehr modern, weil die Kultur der indianischen Einwohner von den Jesuiten bis zu einem gewissen Grad respektiert und gar gefördert wurde. Diese Missionstätigkeit wurde dann infolge des päpstlichen Verbots der Jesuiten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert für lange unterbrochen. Im Blick auf die vielen Wallfahrer hat Schänzle die organisierte Herstellung von Kreuzen angeregt, damit einige junge Leute etwas Arbeit und Verdienst haben.

Pfarrer Sigmund Schänzle im Ehinger SZ-Büro. Jüngeren Deutschen mag sein Stehkragen auffallen, in Deutschland ist dieser schon lange „außer Mode”. Aber in den meisten Ländern der Welt ist er für einen katholischen Geistlichen ganz selbstverständlich, sagt Schänzle, als wir ihn auf diese eigentümliche Kleidung ansprechen. Schänzle möchte sich auch ganz ausdrücklich durch seine Kleidung zu seinem Beruf bekennen. Foto: op

24.01.2002 | Vor 500 Jahren wird der Rottenacker Genossenschaftswald erstmals erwähnt – Blick in ein Stück Dorfgeschichte

ROTTENACKER (vf) – In der Gemeinde gibt es seit Menschengedenken eine „Waldgenossenschaft“: mehrere Dutzend Bürger, die gemeinsam einen größeren Wald Richtung Herbertshofen, die „Buchhalde“, gemeinsam bewirtschaften und nützen. Der frühere Schulleiter Gunther Dohl ging der Geschichte dieser im Raum Ehingen heute ungewöhnlichen Vergesellschaftungs- und Eigentumsform nach, stellte fest, dass die älteste Nennung dieses Genossenschaftswaldes ausgerechnet fünfhundert Jahre alt ist und berichtete davon in einer von hundert Personen besuchten Veranstaltung am vergangenen Wochenende.

Wesentlich unterstützt wurde G. Dohl bei der Ausarbeitung des Vortrags von seiner Frau. Sie ermöglichte es dem krankheitsbedingt gehandicapten Heimatforscher, seiner geliebten Geschichtswissenschaft und -forschung erneut nachzugehen und die Ergebnisse vorzutragen.

Die „Waldgemeinschaft Buchhalde“ ist in gewissem Sinn ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, als in unseren Breiten sehr viel mehr Gelände, vor allem Wiesen und Wälder, gemeinschaftlich bewirtschaftet wurden, aus dem einfachen Grund, weil Abgrenzungen viel schwieriger waren als heute, in unserer Zeit genormter Messgeräte und Landkarten. Dass der Rottenacker Wald nicht in Einzelteile zerlegt oder als Gesamtheit im Lauf der Zeit an einen einzigen Besitzer verkauft wurde, wird wohl damit zusammenhängen, dass er vergleichsweise klein war. Auch Gunther Dohl stellte in seinem Vortrag fest, dass die Wald-Genossenschaft erhalten blieb trotz einschneidenden sozialen Wandels beim Übergang des in Rottenacker wesentlich grundbesitzenden Klosters Blaubeuren, dem viele Menschen dort als Leibeigene zugehörten, an das Land Württemberg.

Jedenfalls stammt aus“ dem Jahr 1501 der erste schriftliche Hinweis auf die Existenz des Waldes. Dass es vorher schon Wald auf der Markung gab und zwar mehr als heute, das anzunehmen liegt nahe. Und gestürzt wird eine solche Annahme auf vorhandene Flurnamen, die auf Wald hinweisen, etwa Jungholz“.

In einer Verkaufsurkunde aus dem Jahr 1572 wird von einem Gelände erwähnt, dass es „vor Zeiten“ bewaldet gewesen sei; schon 1470 war der Wald zu Acker umgebrochen; diese drei Jauchert in der Wissmannshalde gehörten vor zweihundert Jahren „Georg Schacher, Schmied, und Adam Striebels Waisen.“

G. Dohl sah sich die Flurnamen rund um den Buchhaldenwald an und schließt, dass der Wald heute weitgehend dieselbe Fläche umfasst wie vor fünfhundert Jahren. 1720 wird erstmals die Größe,des Waldes genannt: „143 Morgen, zweieinhalb Viertel, 17 Ruten“, was etwa vierzig Hektar Fläche heutiger Messart entspricht. 1721 heißt es in einer Steuerakte, der Wald werde alle 20 Jahre gefällt, der Wald bestehe aus „Buchen, Aspen, Birken, Haselhecken und wenig Eichen“. Dass der Wald im Gegensatz zu anderen auf der Markung nicht in Ackerland umgebrochen wurde, ist sicher auch durch die für Ackerbau nicht so sehr geeignete steile Lage am Donauhang bedingt.

Vor fünfhundert Jahren war der Genossenschaftswald in „halben“ und „ganzen Teilen“ auf 28 Bauerngüterverteilt.

Straße am Hang, nicht im Tal Die Straße nach Ehingen führte – so jedenfalls eine Flurkarte aus dem Beginn des 18. Jahrhundert – durch den Wald hindurch. Möglicherweise wurde das Tal wegen Überschwemmungsgefahr oder Feuchte damals für einen ständigen Weg mit überörtlicher Bedeutung gemieden.

Geld fließt für Energie-Kauf ins Ausland, auch früher schon Im Jahr 1800 ärgert sich der von Württemberg eingesetzte „Vogt und Pfleger“, also der örtliche Vertreter des Landesherrn, dass die Menschen in Rottenacker viel Geld in benachbarte andere Länder (die Klosterherrschaften Zwiefalten und Marchtal) fließen lassen, weil sie das für Hausbrand und Bau benötigte Holz nicht auf der Markung selbst erwerben können.

Die erste exakte Landkarte der Markung wurde 1821 von württembergischen Landvermessern erarbeitet; sie zeigt den Wald mit einer Fläche fast so groß wie heute, 143 Morgen oder 40,55 Hektar groß. Der Wald wurde damals noch durch eine Wiese („Gauppenstallwiese“) getrennt; die beiden Waldhälften hießen Jungholz und Buchhalde; erhalten hat sich bis heute der eine der zwei Flurnamen. Der älteste-Hinweis auf eine bürokratisch funktionierende Waldgemeinschaft stammt aus dem Jahr 1924, damals wurden ein Vorstand, drei Vorstandsmitglieder und ein Rechner der Genossenschaft gewählt. 1928 findet sich in einer Finanzamtsakte der Hinweis, dass das Gelände „zur Zeit 52 Miteigentümern gehört, deren Zahl sich aber ständig verändert.“ Der Wald werde in 16 Teile eingeteilt und „16jährig umgetrieben“, das heißt: nach 16 Jahren wird jede der Abteilungen abgeholzt, „nur Eichen bleiben zum Teil stehen.“

1925 werden in den Akten der Genossenschaft erstmals Anpflanzungen genannt: 6000 Fichten, 2000 Forchen, 1000 Eschen. 1931 werden die Eichen im „Oberen Baierhau“ gefällt. Küfer Konrad Dommer erhält dafür drei Reichsmark.

1967 wird erstmals eine Motorsäge gekauft, 1972 eine neue. Aus den zahlreichen Einträgen im Protokollbuch der Waldgemeinschaft, die Dohl in seinem Vortrag zitierte, seien hier nur wenige erwähnt, beispielsweise eine aus dem Jahr 1976: „Weil immer weniger Teilhaber bereit sind, beim Pflanzen, Setzen und Reinigen mitzuarbeiten, wird angeregt, den Taglohn zu erhöhen. Finanzamt steckt Forderungen zurück In den 1970er Jahre hätte das Finanzamt gern mehr herausgeholt, vor allem Lohnsteuer; es verzichtet dann aber auf seine Forderungen, „weil nur Eigentümer und Nachfolger im Wald mitarbeiten“.

In dem Kapitel „Der Wald und die Menschen“ erwähnt Dohl eine Aktennotiz aus dem Rottenacker Rathaus aus dem Jahr 1937. Ihr zufolge „erscheint Jakob Walter, Bäcker“, Vorstand der Waldgenossenschaft, und gibt an: Unser bisheriger Waldschütze Breymaier“ (Waldschütze ist nicht so sehr ein Jäger, eher ein Flurwart und Geländebetreuer, der in seltenen Fällen auch mal zur Flinte griff) „befindet sich im 72. Lebensjahr und kann den Dienst bereits nicht mehr versehen, will denselben trotzdem nicht abgeben, da er als Waldschütze absterben möchte.“ – Hier wird erwähnt, was damals an Wild im Jahr abgeschossen wurde: „etwa zwanzig Hasen und ein halb Dutzend Füchse“.

1939 wird erwähnt, dass Mitgliedern, die sich am Pflanzensetzen beteiligt haben, ein Essen mit Bier und Brot verabreicht wird. – Ein Ausflug zur Reichsgartenschau in Stuttgart entfällt mangels Beteiligung. 1941 wird als Stundenlohn an Holzhauer 70 Reichspfennig gezahlt, an „Kriegsgefangene 40 Rpf.“ 1952 überlässt die Waldgemeinschaft den Konfirmanden der Kirchengemeinde zum Schmücken des Pfarrhofs 30 Tannenbäume kostenlos. Die Genossenschaft trägt auch den Hauerlohn; hauen sollen Vorstand und Waldschütz.

Die Tür für den Kindergarten 1954 bittet Ortspfarrer Stein, für den Bau der (evangelischen) Kinderschule Bretter und Eichen zu spenden oder 1.000 D-Mark. Die Waldgenossenschaft berät und entscheidet: 500 Mark oder zwei Festmeter Eichenstammholz. Wenn Geld, dann sei dieses an den Schreinermeister zu zahlen, der die Tür der Kinderschule fertigt.

1957 wird beschlossen: Jedes Mitglied, das zur Generalversammlung kommt, erhält zwei Flaschen Bier, 1972 wird diese Freundlichkeit um zwei Brezeln erweitert, 1978 treten an die Stelle der Brezeln ein warmes Essen, Salat und Brot. Man sieht: Auch in einem kleinen Lebensraum zahlt die Demokratie dafür, dass die Demokraten sie ausüben. Jugendlicher Vandalismus ist nicht neu: 1973 berichtet der Waldschütz, junge Leute hätten vierzig Bäumchen umgehackt.

24.01.2002 | Untermarchtaler Vinzentinerinnen vom Bayerischen Fernsehen präsentiert

UNTERMARCHTAL / MÜNCHEN (vf) – In der Serie „Stationen“, Untergruppe „Donauklöster“, zeigte das Dritte Programm des Bayerischen Fernsehens am Dienstagabend einen in Zusammenarbeit mehreren Sendern entstandenen dreiviertelstündigen Film über das Mutterhaus Untermarchtal und die diözesanen Vinzentinerinnen.

Die Ehinger SZ hat die Sendung angekündigt und vom Entstehen des Films berichtet. – Der zusammengefasste Eindruck des Film-Beobachters vf: Hier wie fast durchweg im Fernsehen heute lautet die Regel für egal welche Produktion „Infotainment“, das heißt: Kombination von Entertainment (Unterhaltung) und Informationen, wobei der Akzent massiv auf dem Element „Entertainment“ liegt. – Die aufzähl- und berichtbaren Informationen des Kloster-Films hielten sich in Grenzen; Wir hören, wie viele Untermarchtaler Vinzentinerinnen es gibt, dass sie in verschiedenen sozialen Einrichtungen an zahlreichen Orten tätig sind, dass ihre Oberin von einem vierköpfigen Beirat unterstützt wird und dass wichtige Hinweise für ihre Arbeit von zwei männlichen französischen Heiligen des 17. Jahrhunderts stammen. Das war’s fast schon – nicht viel bei einer Dreiviertelstunde Sendezeit. – Der Zuschauer erfuhr nichts über das Alter der Vereinigung, nichts über die Form des Beitritts, nichts über die besondere Art des Beitritts-Versprechens (des „Gelübdes“, das in dieser Kongregation im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Vereinigungen jährlich erneuert wird, was strenggenommen heißt: auch jedes Jahr widerrufen werden könnte). Wir hören nichts von dem – zumindest früher – höchst wichtigen männlichen Geistliehen mit dem Titel „Superior“ (der „Obere“, der „Vorgesetzte“, nicht etwa: der „Berater“), wir hören nichts davon, wie diese Frauen zu ihren stattlichen Gebäuden und Flächen gekommen sind. Wir hören nichts davon, wie alt die Leiterin („Generaloberin“) ist, wie lang sie schon im Amt ist, ob sie abgewählt werden kann, was sie früher für einen Beruf hatte, wir hören nichts von Problemen, die es in einer solchen Vereinigung ja vermutlich auch gibt (zum Beispiel Überalterung, mangelnder Nachwuchs, Unter- und Nebenordnung, Kinder- und Sexualitätsverzicht). Das ganze Mutterhaus scheint eine -wunderbar heile Welt zu sein, angesichts derer sich jeder fragen müsste: Warum wächst diese Vereinigung nicht rapid, warum geht statt dessen die Schwesternzahl zurück?

Der Film hat ziemliche Längen, zugunsten des Elements „Unterhaltung“: Wir „dürfen“ (eher: müssen) relativ lang zusehen, wie die Ordensfrauen in ihrem „Wetten-dass-Auftritt“ Brote schmieren und nachher amüsiert den Fernsehfilm anschauen, wir müssen lange mitanschauen, wie Jugendtagsbesucher per Kanu über die Donau heranschippern (das war zwar nur ein winziger Prozentsatz der Zubewegungs-Verfahren, aber ein „telegener“). Sehr lang erzählt die Leiterin
der kleinen Gruppe früherer Obermarchtaler Salesianerinnen von der Aufnahme ins Mutterhaus Untermarchtal. – Der Fernsehtexter äußert hier beiläufig den üblich-falschen und üblich-beschönigenden Satz, dass das Stift Obermarchtal „der Säkularisation zum Opfer fiel“ (nein! Es fiel der regulären französischen, württembergischen und ,thurn-und-taxis‘schen Regierung „zum Opfer“, die sich hier, wie auch andernorts, auf eine Stufe mit Räubern stellten).

Die Sendung war über weite Strecken mit verschiedenartigster Musik unterlegt: Rock, Tango, gehobene Klaviermusik etc. Dem Betrachter (und dies falls Zuhörer) vf blieb hier (wie freilich auch sonst in vielen Fernsehsendungen) (unerfindlich, was Musik und Filmthema mit einander zu tun hatten (davon abgesehen, dass Informationsaufnahme, – Verarbeitung und –speicherung durch gleichzeitiges Ertönen von Musik bei nur ganz wenigen Menschen wachsen). Dem Betrachter vf gefiel an diesem Film ein Ausschnitt aus dem Film-Teilstück „Esslingen“. Hier wurde (neben der Jugendtags-Organisation) der“ einzige Tätigkeitsbereich einiger Ordensfrauen näher geschildert: Zwei von ihnen kümmern sich in einer früheren Gaststätte mit bewundernswerter Menschenfreundlichkeit um Penner, die für sie – wie es für Christen sein sollte- ebenfalls Gottes Geschöpfe sind. Diese beiden Frauen zeigten nicht den Schein ausdrücklicher Heiligkeit, der sonst in dieser Sendung öfters ins Auge fiel. Schön für diese zwei christlichen Frauen ist sicher, dass infolge ihres freundlichen Zuspruchs einer ihrer Schützlinge (einer von ganz wenigen) seinen umständlichen Selbstmordplan per Dauer-Suff aufgab. – Das Thema der nächsten „Stationen“-Sendung, am 29. 1.: „Im Land der Mormonen“.

20.01.2002 | Vor einem halben Jahrhundert im Raum Ehingen

(vf) – Die Ehinger SZ setzt ihre „Rückschau Raum Ehingen vor fünfzig Jahren“ fort.

Die Heimatvertriebenen in Rechtenstein sind eine Gruppe, genügend groß, um eine eigene Weihnachtsfeier abzuhalten. .“Für die Kinder gab es Kakao,“ berichtet die Heimatzeitung.

Pfarrer Scheel aus Obermarchtal „ermahnte die Heimatvertriebenen, auch weiterhin der Zukunft zu vertrauen.“

Der Kreistag des Kreises Ehingen beschließt den Bau einer Donaubrücke in Untermarchtal, aber auch die Anbringung eines neuen Geländers an der Ehinger Landwirtschaftsschule und den Einbau eines Personenaufzugs im Kreiskrankenhaus.

Ehinger VHS, Frühjahrsprogramm 1952: Ein früherer Botschaftsrat spricht über China, Theologieprofessor Hirschmann aus Tübingen über die „Nervosität des modernen Menschen“, der Ehinger evangelische Stadtpfarrer Dr. Geppert über Nietzsche, ein Pater aus dem Kloster Gorheim über „sittliche Grundwerte“, Dr. Adolf Waas über den Polarforscher Nansen.

In den Handwerksbetrieben im Kreis Ehingen werden 532 Lehrlinge ausgebildet, das heißt: in jedem zweiten Handwerksbetrieb einer. Die mit Abstand häufigsten Lehrberufe: Damenschneidern), Maurer und Gipser, Schlosser und Maschinenbauer. 36 Betriebe werden 1951 in die Handwerksrolle eingetragen, davon „sechs Flüchtlingsbetriebe“.

Arbeitsunfall: Eine 75-jährige Frau stürzt vom Heustock ihres bäuerlichen Anwesens in Oberstadion.

Die älteste Einwohnerin von Kirchen feiert den 90. Geburtstag, „Frl. Luzie Rummel“.

Der Schelklinger Gemeinderat beschließt Preise für den Verkauf von Holzausdem Stadtwald. Die Preise liegen niedriger als die vom Staat vorgeschlagenen (Knorrholz 22,50 Mark je Festmeter, Scheitholz 25.50). „Die Holzhauer erhalten einen Reisteil zum Anschlagwert“. Stadtpfarrer Kaufmann bittet, Holz für den Bau des Gemeindehauses und für Böden dort zur Verfügung zu stellen. – .Mieten   für die Wohnungen in einem Acht-Familien-Haus wurden festgesetzt: 40 bis 45 Mark monatlich. Die Schelklinger Fußball-Aktiven besiegen Gäste aus Obermarchtal. „Dem Läufer Dreher wurde der Ball kunstgerecht durch ferne Kombination vor die Füße gespielt, er konnte unhaltbar einsenden“ (Weitere Spieler: Scheitenberger, Kneer I und II). Der Schiedsrichter aus Saulgau „hatte bei der angenehmen Spielweise beider Mannschaften einen leichten Stand.“

20.01.2002 | B. Walser hat sich in New York und Buenos Aires umgeschaut

RISSTISSEN / EHINGEN (vf) – Uns Schwaben wird manchmal mangelnde Weitläufigkeit vorgehalten; von der neuen VHS-Mitarbeiterin Benedicta Walser lässt sich das schlecht behaupten. Auf Nachfrage erfuhren wir von ihr, dass sie ein Dreivierteljahr das Auf-und-Ab an der New Yorker „Met“ (Metropolitan Opera) beobachtet hat, dass sie zwei Jahre in Buenos Aires bei einer Zeitung arbeitete-als Rißtissener Landwirtstochter, die in ihrer Kindheit und Jugend beim Misten und Heuen geholfen hat.

Als biederer Schwabe fragt man aber auch: Woher kommt das Geld für einen solch langen New-York-Aufenthalt? Schließlich wird man an der Met nicht gleich Geld verdienen, zumal, „wenn man weder Sänger noch Instrumentalist ist. – Die bescheidene Antwort: „Ich habe an meinem Studienort München fest auf dem Oktoberfest gejobbt, dann konnte ich solch eine Reise wagen.“

Benedicta Walser wurde im September 67 geboren und wuchs als eines von sieben Kindern auf einem Rißtissener Bauernhof auf, der heute wie viele andere nicht mehr besteht; der Vater starb, als Benedicta 13 Jahre alt war. In Ehingen besuchte sie das Gymnasium und legte 1987 das Abitur ab. Wer selbst früher mal das Ehinger Gymmi besuchte, kannte nachempfinden, dass B. Walser auf die Frage nach einem beeindruckenden Lehrer Xaver Maichle nennt. Der äußerte im (Latein-, Geschichte-, Griechisch-oder Deutsch-)Unterricht auch philosophische und theologische Überlegungen; man spürte, dass ihm solche Fragen und Probleme nahe gehen. – Auch Benedicta Walser fühlte und dachte nach dem Abi, es sei angebracht, über unser Dasein grundsätzlich nachzudenken: Sie entschied sich tapfer zu dem in langfristiger Perspektive ja eher brotlosen Studium der Philosophie; Neigung war neben Psychologie ihr drittes Studienfach: Theaterwissenschaft; in Ehingen hatte sie schon mal bei einer Theater-AG mitgemacht. In Sachen „Theater“ unterbrach sie ihr Studium in München für zwei längere „Hospitanzen“: für eine viermonatige Regieassistenz am Berliner „Theater der Altstadt“ und für ein Dreivierteljahr an der „Met“ in New York. Sie konnte dort Tag und Nacht das Auf-und-Ab in einem der größten Opernhäuser der Welt miterleben. Weil sie bei der Organisation von Besuchergruppen half, erhielt sie die fürstliche Gage von hundert Dollar im Monat.

1997 schloss sie ihr Philosophiestudium mit der Magister- Arbeit und -Prüfung ab. In ihrer Magisterarbeit befasste sie sich mit Fragen des richtigen Handelns („Ethik“) und der Frage, ob Ethik-Erkenntnisse in einer so verschiedenförmigen Welt wie der unseren verallgemeinerbar sind; sie basierte ihre Überlegungen auf dem damals recht frisch erschienenen Buch eines Philosophen und Weltanschauungshistorikers: Charles Taylor, „Quelle des Selbst – Die Entstehung der neuzeitlichen Identität“ (1994). Mit Philosophieren können nur wenige Leute Geld verdienen. B. Walser gehörte nicht dazu. Nach der Prüfung war also erst mal Jobben angesagt: Ein Jahr lang arbeitete B. Walser in einer Münchner Firma für den Vertrieb von Filmrechten. – So schnell ins reguläre bürgerliche Erwerbsleben wollte unsere Gesprächspartnerin dann – doch nicht abdriften. Sie flog für zwei Jahre nach Argentinien. Bei einer deutschsprachigen Zeitung der Hauptstadt, dem „Argentinischen Tageblatt“, konnte sie ihre Brötchen verdienen und nebenbei ihren Interessen nachgehen: Spanisch lernen und richtigen (argentinischen) Tango tanzen lernen. Man sieht: Philosophinnen müssen nicht nur hinter Büchern kleben. Sport aller Art habe sie schon immer gern gemacht, meint unsere Gesprächspartnerin, und insbesondere habe sie gern getanzt und ganz besonders Tango. – „Was ist da so Tolles dran?“ – Die Antwort: Der Tango in seinem Ursprungsland ist ein ständiges Improvisieren; der Rhythmus dabei, der Moment des gemeinsamen Tanzens (vermutlich mit einem Mann; hier fragten wir nicht nach) und das ständige Entwickeln anderer Figuren, Schritte, Bewegungen – das macht großen Spaß.

Wenn’s um Tango geht, kommt unsere Gesprächspartnerin richtig in Fahrt; sie nehme gern an auf Tango spezialisierten Tanzveranstaltungen teil, soweit ihr der Beruf und ihr zweijähriger Sohn Zeit lassen; Tango-Tänzerinnen und -Tänzer bildeten geradezu eine „Szene“, erzählt sie, eine wachsende zudem. Im beginnenden VHS-Programm erteilt sie einen Kurs im improvisationsintensiven (eben dem „argentinischen“) Tango (vf meint: wohl nix für den durchschnittlichen Disco-Tänzer). Neben dem Tango-Tanzen begeistert sich B. Walser in der Freizeit fürs Theater, vor allem für die Oper. Was meint sie zum Opern-Betrieb an der Met: „Leider wenig Neues, es gibt Inszenierungen, die über Jahrzehnte hin gleich bleiben. Und es wird wenig moderne Oper geboten.“

10.01.2002 | Ein Schelklinger als Zeitzeuge

SCHELKLINGEN / ULM (vf) Im Erdgeschoss des Ulmer VHS-Gebäudes Ist derzeit eine Ausstellung über junge Menschen zu sehen, die während des Dritten Reichs ohne Begeisterung oder überhaupt nicht mitmarschierten. Man sieht bildliche und textliche Hinweise auf die Geschwister Scholl, ihren Freundeskreis „Weiße Rose“ und auf eine Reihe anderer, wenig bekannter Junger Menschen aus dem Raum Ulm. Und dann sind da Fotos eines jungen Mannes, der seit damals bis heute In Schelklingen wohnt. Roman Sobkowiak. – Wir unterhielten uns mit dem bald Achtzigjährigen und erlebten einen Menschen, der aus jener Zeit lebhaft, bildhaft und so präzis erzählt, als sei alles gerade erst passiert.

Während die meisten Deutschen heute froh seid, dass diese Zeit immer weiter wegrückt und immer eher vergessen werden kann, weil die sogenannte Vergangenheitsbewältigung ein unschönes, eigentlich gar nicht mögliches Geschäft ist (am besten „bewältigen“ wir wohl, indem wir darauf achten, dass in unserem heutigen Staat nicht ähnlich wie damals gehandelt wird), während wir uns also im allgemeinen ungern an jene Zeit erinnern, erzählt da ein Senior in einem bescheidenen Haus in der Schelklinger Altstadt lebhaft von eben dieser Vergangenheit und seinen Erlebnissen damals. In seiner polnischen Heimat, in Ulm und in Schelklingen in allen Einzelheiten, er illustriert seine Schilderungen auch mit Fotos.

Ein begeisterter Knipser, einst, heute und bei jeder Gelegenheit

Der junge Roman wurde am 11.8. 1923 als Kind einer polnischen Bürgersfamilie in Szkaradowo geboren. Schon als Junge war er ein begeisterter Knipsen; er blieb es auch in seiner späteren (Zwangs-, dann Wahl-)Heimat Schelklingen Er fotografierte alles und jedes, trotz Verbot und Gefahr die Wohnsituation im damals Umerziehungs- und Eindeutschungslager Schelklingen ebenso wie heute die geselligen Unternehmungen der Schelklinger Museumsgesellschaft. Seine Fotos von damals und seine heutigen Videofilme von heute wecken wertere Erinnerungen in ihm schöne und unschöne.

200 Seiten Erinnerungen warten auf die Veröffentlichung

Roman Sobkowiak hat seine Erinnerung und Erzählergabe auch genützt, um an Schulen (in Ulm, in Schelklingen scheint er weniger gefragt zu sein) jungen Leuten von jenen Zeiten zu erzählen, an die sich die meisten Deutschen nicht gern erinnern. Er hat seine Erinnerungen auch in einem enggeschriebenen Zweihundert-Seiten Manuskript niedergelegt: Ein Exemplar befindet sich im Schelklinger Stadtarchiv, eines in der KZ-Gedenkstätte „Oberer Kuhberg“ Ulm. Heute zugleich ein Dokumentationszentrum für die Geschichte des Dritten Reichs in unserem Raum Roman Sobkowiak sähe diese Erinnerungen gern gedruckt (es sind noch Sponsoren nötig), er wünscht sich aber, dass Zuvor ein Genauigkeitsfanatiker den Text überprüft: Sobkowiak ist ein Genauigkeitsfanatiker; er möchte, dass jede Angabe hieb- und stichfest ist und ihm keiner (dem es wohl gar nicht um die Sache, sondern ums Heruntermachen von Zeitzeugen geht) nach einer Veröffentlichung auch nur einen winzigen Erinnerungsfehler nachweist.

„Berichte ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter“ 1996

Ein kleiner Ausschnitt aus diesen Erinnerungen ist bereits gedruckt, in einer Veröffentlichung des Ulmer Dokumentationszentrums herausgegeben von dessen Leiter Dr. Silvester Lechner im Oktober 1996: „Schönes, schreckliches Ulm – 130 Berichte ehemaliger polnischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in den Jahren 1940 bis 1945 in die Region Ulm/Neu-Ulm verschleppt worden waren“. Sobkowiak schildert die Vertreibung seiner Familie aus der polnischen Heimat, unter Hinterlassung allen Eigentums und binnen einer halben Stunde 1941, und die Verschleppung nach Deutschland, in das zwangsgeräumte Anwesen wurden Deutsche aus den Ostgebieten eingewiesen. Eine seiner Schwestern, die mit einem Lehrer verheiratet war, wurde ins Innere des „Generalgouvernements“ verschleppt und starb 1943, getrennt von ihren kleinen Kindern. Ein Bruder Romans wurde von Deutschen in verschiedene Konzentrationslager gesteckt und überlebte das KZ Dachau bis zur Befreiung 1945 durch US-Soldaten. Die übrige Familie Sobkowiak überlebte in Schelklingen unter zunächst bescheidensten und entwürdigenden Umständen. Roman auch unter Androhung der Erschießung, weil er sein verbotenes – Hobby Fotografieren behielt weil er Auslandssender abhörte (und denunziert wurde) und wegen seines (später zum Beruf gemachten) Faibles fürs .Schwarz-Senden“. Unser Gesprächspartner meint, er habe nur überlebt, weil er .blaue Augen und damals blondes Haar“ hatte und weil er seine seinen technischen Fähigkeiten auch für die damaligen örtlichen Machthaber von Nutzen

Roman bleibt als einzige der Familie und heiratet eine Schelklingerin

Während seine Geschwister und Eltern nach dem Dritten Reich nach Polen zurückkehrten, blieb Roman Sobkowiak in Schelklingen, weil er sich in eine Schelklingerin, Elisabeth Huber, verliebt hatte. – und weil Elisabeth ihn im Jahr 1947 heiratete. Frau Sobkowiak starb im Sommer 2001. Dass das Dritte Reich auch über sein offizielles (oft nur angebliches) Ende im Mai 1945 hinaus in mancher Hinsicht weiterbestand, das lässt sich auch an der Ehegeschichte Sobkowiak ablesen: Weil Elisabeth Huber einen nach Schelklingen deportierten Polen heiratete, wurde sie zur „heimatlosen Ausländerin“ erklärt. Sie musste unter Androhung einer Gefängnisstrafe eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Sie verlor ihr Wahlrecht und durfte nicht ins Ausland fahren. Erst 1960 erhielten die Sobkowiaks die Einbürgerungsurkunde.

(Anmerkung vf: Wie schlecht die heute Verantwortlichen in Deutschland und ihre Wähler die Lektion „Drittes Reich“ gelernt haben, zeigt sich daran, wie jetzt wieder mit einigen deutschen Frauen umgegangen wird, die Ausländer aus Nicht-EU-Ländern heiraten. Und auch sonst mangelt der deutschen politischen „Elite“ (aber auch Durchschnittsbürgern) die Erinnerung, wie hier in Deutschland auch nach dem Dritten Reich „gearbeitet“ wurde. Im Fall Sobkowiak sieht man: Es leben noch Menschen unter uns, die die nach-NS-deutsche „Ausländerfreundlichkeit“ erlebt haben.)

Wir empfehlen eine heimatgeschichtliche Foto-Ausstellung

Eigentlich verdient das Foto-Archiv von Roman Sobkowiak, dass es im Schelklinger Museum ausgestellt wird: Es enthält viele heute reizvolle Dokumente zur Schelklinger Stadtgeschichte, mit und ohne politischen Hintergrund: die Hausener Steige im, Winter so gut wie Schelklingerinnen, die mit Gepäck einem Luftschutzbunker im Schlossberg-Hang zu streben. Fotos zeigen den jungen Roman bei Scherzen mit seinen Altersgenossen, aber auch als Diphtherie-Kranken im einstigen Isoliergebäudes des Ehinger Kreiskrankenhauses. Sie zeigen auch viele heute nicht mehr vorhandene Details der Stadt Ulm. Durch Bekanntschaft mit dem Ulmer Fotografen Blumenschein gelang es dem jungen Roman damals, an Filmmaterial heranzukommen und seine Filme entwickeln und vergrößern zu lassen. R. Sobkowiak hat seine Fotos inzwischen auch im Computer in digitalisierter Form gespeichert; er schätzt die Zahl auf zehntausend.

Man kann sich vorstellen, dass er eine Auswahl aus diesen Bildern Geschichtsinteressierten am Bildschirm zeigt. Bilder eines später ermordeten Kriegsdienstverweigerers Wir haben aus dem Sobkowiak-Archiv zwei Bilder von ungewöhnlicher Bedeutung ausgewählt: Sie zeigen den als Kriegsdienstverweigerer hingerichteten Ulmer Jonathan Stark; das eine Mal mit seinem Vater, das andere Mal beim Zeichnen. Beide Fotos wurden von Roman Sobkowiak aufgenommen. Es sind einzigartige Dokumente. – Sobkowiak besitzt auch die beiden einzigen erhaltenen Zeichnungen aus der Hand des jungen, wenig später hingerichteten Lithographen J. Stark: eine Porträt-Zeichnung der Großmutter und Roman Sobkowiaks. Letztere Zeichnung wurde nicht mehr fertig, weil Jonathan inhaftiert wurde. J. Stark wurde am 1. November 1944 im KZ Sachsenhausen im Alter von 18 Jahren gehängt (vgl. Annedore Leber, Hg.: Das Gewissen steht auf, Mainz 1984). J. Stark war einer der wenigen jungen Menschen weitum, der tapfer genug war, trotz extremer „Unkosten“ an einem verbrecherischen Krieg nicht mitzumachen. Wie hatte Roman Sobkowiak hatte J. Stark kennen gelernt?.- Roman wurde 1942 bei der Ulmer Musikfirma Reisser zwangsbeschäftigt. Werkstattleiter dort war der Vater
von Johnny, Eugen Stark. Der Zeuge Jehovas nahm Roman häufig zu Arbeitsgängen mit, weil er sah, dass der junge Pole in der Firma ziemlich allein stand (klar: Ausländer, Polacke etc.). Eugen Stark nahm Roman auch zu sich nach Hause zum Essen.

Bildunterzeilen (leider sind die Bilder nicht gut genug reproduzierbar)

R. Sobkowiak bei der Eröffnung der Ulmer VHS-Ausstellung über junge Menschen, die im Dritten Reich naht begeistert mitmarschierten.

Jonathan Stark beim Zeichnen.

Der junge Lithograf zeichnete auch ein Portrait des jungen, damals sehr schmächtigen (ausgehungerten) Roman. Die Zeichnung hangt in der Schelklinger Wohnung von R. Sobkowiak als einziges Zeugnis dieser Art. das den Krieg und die Zerstörung Ulms .überlebt“ hat. Fotos: Roman Sobkowiak

Vater Eugen und Sohn Jonathan Stark. Roman Sobkowiak fotografierte die beiden 1943 in Ulm, bevor der Sohn als Kriegsdienst- und Führereid Verweigerer ins Gefängnis kam und 1944 ermordet wurde. R. Sobkowiak hatte Jonathan auf dem .Umweg“ über den Vater kennengelernt. E. Stark war Werkstattleiter bei der Ulmer Firma Rcisser.

09.01.2002 | Zur Geschichte der Öpfinger Schlösser und von Kaiser Max

ÖPFINGEN (vf) – Adrian M. Grandt spricht am Freitag ab 19 Uhr im Kulturraum des Unteren Schlosses über die Geschichte der beiden Öpfinger Schlösser und über ihre frühere Besitzerfamilie, die von Freyberg. Der 27-jährige Pflegedienstleiter hat sich mit überraschendem Erfolg in die Erforschung der Ortsgeschichte hineingekniet und dabei mitgekriegt, was allem nach bisher nicht mehr bekannt war: Kaiser Maximilian hat 1502 Öpfingen (und Justingen) besucht.

Grandt stieß auf dieses historische Datum in einem Aktenbündel aus der Freyberg‘schen Geschichte, das sich früher im Staatsarchiv Sigmaringen befand und inzwischen ans Thum- und Taxissche Archiv in Regensburg abgegeben wurde. Grandt war in beiden Archiven. Für ihn natürlich besonders erfreulich: Im Vorgängergebäude des Oberen Schlosses, in dem er selbst seit drei Jahren wohnt, war sehr wahrscheinlich der volkstümliche Kaiser Max zu Gast.

Es ist nicht alltäglich, dass sich ein gelernter Altenpfleger und (inzwischen Pflegedienstleiter mit Aufsicht über 160 Personen) sich mit Geschichte befasst. Wir befragten Adrian Grandt zu seinem Leben. Der erst 27-Jährige stammt aus Oberschlesien (heute Polen). Seine Familie wanderte vor vierzehn Jahren in den Westen aus; Grandt wuchs in den folgenden Jahren in Hamburg auf. Nach einem fachbezogenen Abitur begann er in Warschau ein Theologiestudium, das er aber nach anderthalb Jahren abbrach und sein soziales Engagement auf die Altenpflege verlegte. Bereits in Hamburg war er in einer Caritas-Einrichtung als Pflegedienstleiter tätig, bevor er nach Ulm kam. Neben seiner Berufstätigkeit her qualifizierte er sich an einer Reutlinger Fachhochschule weiter. Seit drei Jahren ist er in Ulm tätig, seit drei Jahren wohnt er in Öpfingen, und gleich begann er sich für die Geschichte seines neuen Wohnorts zu interessieren; Geschichte sei sein Hobby, meinte er im Gespräch mit der Ehinger SZ-Redaktion. Grandt wird seinen Vortrag mit Dias illustrieren.