24.01.2002 | Vor 500 Jahren wird der Rottenacker Genossenschaftswald erstmals erwähnt – Blick in ein Stück Dorfgeschichte

ROTTENACKER (vf) – In der Gemeinde gibt es seit Menschengedenken eine „Waldgenossenschaft“: mehrere Dutzend Bürger, die gemeinsam einen größeren Wald Richtung Herbertshofen, die „Buchhalde“, gemeinsam bewirtschaften und nützen. Der frühere Schulleiter Gunther Dohl ging der Geschichte dieser im Raum Ehingen heute ungewöhnlichen Vergesellschaftungs- und Eigentumsform nach, stellte fest, dass die älteste Nennung dieses Genossenschaftswaldes ausgerechnet fünfhundert Jahre alt ist und berichtete davon in einer von hundert Personen besuchten Veranstaltung am vergangenen Wochenende.

Wesentlich unterstützt wurde G. Dohl bei der Ausarbeitung des Vortrags von seiner Frau. Sie ermöglichte es dem krankheitsbedingt gehandicapten Heimatforscher, seiner geliebten Geschichtswissenschaft und -forschung erneut nachzugehen und die Ergebnisse vorzutragen.

Die „Waldgemeinschaft Buchhalde“ ist in gewissem Sinn ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, als in unseren Breiten sehr viel mehr Gelände, vor allem Wiesen und Wälder, gemeinschaftlich bewirtschaftet wurden, aus dem einfachen Grund, weil Abgrenzungen viel schwieriger waren als heute, in unserer Zeit genormter Messgeräte und Landkarten. Dass der Rottenacker Wald nicht in Einzelteile zerlegt oder als Gesamtheit im Lauf der Zeit an einen einzigen Besitzer verkauft wurde, wird wohl damit zusammenhängen, dass er vergleichsweise klein war. Auch Gunther Dohl stellte in seinem Vortrag fest, dass die Wald-Genossenschaft erhalten blieb trotz einschneidenden sozialen Wandels beim Übergang des in Rottenacker wesentlich grundbesitzenden Klosters Blaubeuren, dem viele Menschen dort als Leibeigene zugehörten, an das Land Württemberg.

Jedenfalls stammt aus“ dem Jahr 1501 der erste schriftliche Hinweis auf die Existenz des Waldes. Dass es vorher schon Wald auf der Markung gab und zwar mehr als heute, das anzunehmen liegt nahe. Und gestürzt wird eine solche Annahme auf vorhandene Flurnamen, die auf Wald hinweisen, etwa Jungholz“.

In einer Verkaufsurkunde aus dem Jahr 1572 wird von einem Gelände erwähnt, dass es „vor Zeiten“ bewaldet gewesen sei; schon 1470 war der Wald zu Acker umgebrochen; diese drei Jauchert in der Wissmannshalde gehörten vor zweihundert Jahren „Georg Schacher, Schmied, und Adam Striebels Waisen.“

G. Dohl sah sich die Flurnamen rund um den Buchhaldenwald an und schließt, dass der Wald heute weitgehend dieselbe Fläche umfasst wie vor fünfhundert Jahren. 1720 wird erstmals die Größe,des Waldes genannt: „143 Morgen, zweieinhalb Viertel, 17 Ruten“, was etwa vierzig Hektar Fläche heutiger Messart entspricht. 1721 heißt es in einer Steuerakte, der Wald werde alle 20 Jahre gefällt, der Wald bestehe aus „Buchen, Aspen, Birken, Haselhecken und wenig Eichen“. Dass der Wald im Gegensatz zu anderen auf der Markung nicht in Ackerland umgebrochen wurde, ist sicher auch durch die für Ackerbau nicht so sehr geeignete steile Lage am Donauhang bedingt.

Vor fünfhundert Jahren war der Genossenschaftswald in „halben“ und „ganzen Teilen“ auf 28 Bauerngüterverteilt.

Straße am Hang, nicht im Tal Die Straße nach Ehingen führte – so jedenfalls eine Flurkarte aus dem Beginn des 18. Jahrhundert – durch den Wald hindurch. Möglicherweise wurde das Tal wegen Überschwemmungsgefahr oder Feuchte damals für einen ständigen Weg mit überörtlicher Bedeutung gemieden.

Geld fließt für Energie-Kauf ins Ausland, auch früher schon Im Jahr 1800 ärgert sich der von Württemberg eingesetzte „Vogt und Pfleger“, also der örtliche Vertreter des Landesherrn, dass die Menschen in Rottenacker viel Geld in benachbarte andere Länder (die Klosterherrschaften Zwiefalten und Marchtal) fließen lassen, weil sie das für Hausbrand und Bau benötigte Holz nicht auf der Markung selbst erwerben können.

Die erste exakte Landkarte der Markung wurde 1821 von württembergischen Landvermessern erarbeitet; sie zeigt den Wald mit einer Fläche fast so groß wie heute, 143 Morgen oder 40,55 Hektar groß. Der Wald wurde damals noch durch eine Wiese („Gauppenstallwiese“) getrennt; die beiden Waldhälften hießen Jungholz und Buchhalde; erhalten hat sich bis heute der eine der zwei Flurnamen. Der älteste-Hinweis auf eine bürokratisch funktionierende Waldgemeinschaft stammt aus dem Jahr 1924, damals wurden ein Vorstand, drei Vorstandsmitglieder und ein Rechner der Genossenschaft gewählt. 1928 findet sich in einer Finanzamtsakte der Hinweis, dass das Gelände „zur Zeit 52 Miteigentümern gehört, deren Zahl sich aber ständig verändert.“ Der Wald werde in 16 Teile eingeteilt und „16jährig umgetrieben“, das heißt: nach 16 Jahren wird jede der Abteilungen abgeholzt, „nur Eichen bleiben zum Teil stehen.“

1925 werden in den Akten der Genossenschaft erstmals Anpflanzungen genannt: 6000 Fichten, 2000 Forchen, 1000 Eschen. 1931 werden die Eichen im „Oberen Baierhau“ gefällt. Küfer Konrad Dommer erhält dafür drei Reichsmark.

1967 wird erstmals eine Motorsäge gekauft, 1972 eine neue. Aus den zahlreichen Einträgen im Protokollbuch der Waldgemeinschaft, die Dohl in seinem Vortrag zitierte, seien hier nur wenige erwähnt, beispielsweise eine aus dem Jahr 1976: „Weil immer weniger Teilhaber bereit sind, beim Pflanzen, Setzen und Reinigen mitzuarbeiten, wird angeregt, den Taglohn zu erhöhen. Finanzamt steckt Forderungen zurück In den 1970er Jahre hätte das Finanzamt gern mehr herausgeholt, vor allem Lohnsteuer; es verzichtet dann aber auf seine Forderungen, „weil nur Eigentümer und Nachfolger im Wald mitarbeiten“.

In dem Kapitel „Der Wald und die Menschen“ erwähnt Dohl eine Aktennotiz aus dem Rottenacker Rathaus aus dem Jahr 1937. Ihr zufolge „erscheint Jakob Walter, Bäcker“, Vorstand der Waldgenossenschaft, und gibt an: Unser bisheriger Waldschütze Breymaier“ (Waldschütze ist nicht so sehr ein Jäger, eher ein Flurwart und Geländebetreuer, der in seltenen Fällen auch mal zur Flinte griff) „befindet sich im 72. Lebensjahr und kann den Dienst bereits nicht mehr versehen, will denselben trotzdem nicht abgeben, da er als Waldschütze absterben möchte.“ – Hier wird erwähnt, was damals an Wild im Jahr abgeschossen wurde: „etwa zwanzig Hasen und ein halb Dutzend Füchse“.

1939 wird erwähnt, dass Mitgliedern, die sich am Pflanzensetzen beteiligt haben, ein Essen mit Bier und Brot verabreicht wird. – Ein Ausflug zur Reichsgartenschau in Stuttgart entfällt mangels Beteiligung. 1941 wird als Stundenlohn an Holzhauer 70 Reichspfennig gezahlt, an „Kriegsgefangene 40 Rpf.“ 1952 überlässt die Waldgemeinschaft den Konfirmanden der Kirchengemeinde zum Schmücken des Pfarrhofs 30 Tannenbäume kostenlos. Die Genossenschaft trägt auch den Hauerlohn; hauen sollen Vorstand und Waldschütz.

Die Tür für den Kindergarten 1954 bittet Ortspfarrer Stein, für den Bau der (evangelischen) Kinderschule Bretter und Eichen zu spenden oder 1.000 D-Mark. Die Waldgenossenschaft berät und entscheidet: 500 Mark oder zwei Festmeter Eichenstammholz. Wenn Geld, dann sei dieses an den Schreinermeister zu zahlen, der die Tür der Kinderschule fertigt.

1957 wird beschlossen: Jedes Mitglied, das zur Generalversammlung kommt, erhält zwei Flaschen Bier, 1972 wird diese Freundlichkeit um zwei Brezeln erweitert, 1978 treten an die Stelle der Brezeln ein warmes Essen, Salat und Brot. Man sieht: Auch in einem kleinen Lebensraum zahlt die Demokratie dafür, dass die Demokraten sie ausüben. Jugendlicher Vandalismus ist nicht neu: 1973 berichtet der Waldschütz, junge Leute hätten vierzig Bäumchen umgehackt.