31.08.2002 | Computer-Wettkämpfe in der Alten Schule

NASGENSTADT (vf) – Von gestern, 12 Uhr, bis morgen, Sonntag, 18 Uhr, läuft in der alten Schule des Orts eine sogenannte LAN-Party oder Netzwerk-Session. Veranstalter ist der örtliche Computer-Club. – Beteiligt sind etwa dreißig junge Leute. So genau lässt sich die Zahl nicht bestimmen, weit jemand zwischendrin hinzustoßen oder einer sich auch vorzeitig verabschieden kann.

Sämtliche Teilnehmer bringen je einen vollständigen Computer mit (also Bildschirm, Rechner, Tastatur, eventuell auch noch zusätzliche Kabel). Der Computerclub verfügt über bestimmte Geräte („Switches“) und Kabel, mit denen die Geräte vernetzt werden. So können dann jeweils Gruppen gegeneinander antreten. Gespielt wird vorzugsweise das Computer-Spiel „Counter Strike“ in seiner erlaubten deutschen Version. Counter Strike gibt es seit etwa drei Jahren, so Oliver Ströbele vom Computerclub Nasgenstadt (CCN). Meist bleibt ein neues Spiel ein halbes oder ein Jahr „trendy“ und wird dann durch ein neues Spiel abgelöst. „Counter Strike“ hat eine unter   Computerspiel-Fans bisher erstaunlich lange Lebensdauer, weil es spannend ist und unter anderem auch Team-Arbeit erlaubt, ja fordert. Wie viele andere Computerspiele ist es ein Kampfspiel, in dem verfeindete Gruppen (Terroristen und AntiTerroristen) gegeneinander antreten. „Einer allein hat in diesem Spiel gar keine Chance,“ meint Oliver Ströbele. Üblich sind Spiel- oder Kampf-Teams von etwa sieben Leuten.

Am gestrigen Abend wurde bis Mitternacht   gespielt,   dann war Schluss, weil das Spiel öfters Begeisterungsausbrüche auslöst, weil der Raum  über dem „Kampfplatz“ bewohnt ist und der Bewohnerin Nachtruhe möglich sein soll. Bis auf einige Bewacher gehen die Teilnehmer zum Schlafen nach Hause. Am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag geht es je um 9.30 Uhr weiter. Schluss ist am Sonntag um 18 Uhr.

Selbst begeisterte Spieler werden zwischendurch mal hungrig. Die Teilnehmer bringen ihre Verpflegung mit, in der Küche der Alten Schule dürfen sie ihre mitgebrachte Pizza aufwärmen lassen. Fürs In den-OfenSchieben sind einige Party-Teilnehmer vorgesehen, dies deshalb, damit auch in der Küche alles seinen geregelten Gang geht und am Schluss der „Party“ nicht viel aufzuräumen ist.

Das beliebte Spiel „Counter Strike“ gibt es in verschiedenen Versionen. Die amerikanische, drastischere Version ist in Deutschland vom Jugendschutzgesetz verboten. Computer-Kampfspiele sind nach dem Erfurter Amoklauf mehr als bisher in Verruf geraten, weil der dortige Massen-Erschießer solche Spiele spielte. Die vom Gesetzgeber verbotenen Spiele sind auch in der Nasgenstadter Schule untersagt. Wer sich schriftlich anmeldet, muss erklären, dass er sich an diese Regeln hält; wer unangemeldet hinzukommt (was in gewissem Umfang möglich ist), wird auf die Vorschriften hingewiesen. Es kam schon mal vor bei früheren solchen „Partys“, dass Mitglieder der Vorstandschaft auf die Einhaltung der staatlichen Vorschriften dringen mussten.

Zusammenspiel auch im Internet

Welche Bedeutung Computer-Spielen vor allem bei jungen Leuten heute zukommt (und wovon sich Gruftys der Verfasser dieses Berichts, bisher wohl nur einen unzureichenden Begriff machten), das ergibt sich aus folgender Beobachtung, die uns Oliver Ströbele nennt: Ständig spielt etwa eine halbe Million Menschen weltweit per Internet „Counter Strike“ miteinander, ebenfalls je in Gruppen. Das Internet ermöglicht solche Formen von Zusammen-Spiel.

Die vorbereitenden Arbeiten für das Turnier in Nasgenstadt gestern Vormittag dauerten etwa anderthalb Stunden. Diese Arbeit bestand vor allem im Aufstellen von Tischen und Stühlen; ab 12 Uhr trudelten dann die Teilnehmer ein, stellten ihre PCs auf und sind dann recht rasch im Spiel.

Die Wochenzeitung „ZEIT“ hat am 1. August einen ganzseitigen begeisterten Bericht über die neuen LAN-Parties veröffentlicht, mit zahlreichen Aussagen, die sich mit denen unseres Nasgenstadter Gewährsmanns decken. Zum Vorwurf, Counterstrike fördere Gewalt, meinen in dem ZEIT-Text Computer-Fans: „In jeder Disco und bei jedem Fußballspiel gibt es mehr Schlägereien als bei einer LAN-Party. Das Schlimmste, was hier passiert ist eine Rempelei, wenn einer dem Computer eines anderen zu nahe kommt. Wie bei anderen Athleten gilt auch bei den .S-Sportlern’: .Keine Macht den Drogen’. Denn Alkohol oder „Gras“ senken die Reaktionsgeschwindigkeit

Wahlkandidatin kündigte sich an Besonderheit diesmal: SPD-Bundestagskandidatin Hilde Mattheis wollte gestern Abend vorbeischauen und sich mit einigen Teilnehmern über die Problematik von Spielen wie Counter Strike unterhalten. Die SZ wird berichten.

Netzwerk-Spieler gestern Nachmittag in der alten Nasgenstadter Schule. – Foto: Oppermann

30.08.2002 | Nachruf auf den einstigen Traubenwirt und HotelierDas letzte von sechs Geschwistern ist gestorben

FRANKFURT / EHINGEN (vf) – Am Montag starb in Frankfurt im Haus seines gleichnamigen Sohnes Willy Steinle, früherer Ehinger „Traube”-Hotelier. Er war der letzte von sechs Geschwistern, die alle jünger waren als er, aber früher starben.

Willy Steinle ist weit in der Welt herumgekommen; diese Beweglichkeit hat sich an seine drei Söhne weitervererbt: Einer von ihnen lebt in Frankfurt, einer in Montreal/Kanada, einer in Stuart/Florida. Willy Steinle selbst erblickte das Licht der Welt vor bald 95 Jahren in der pakistanischen Großstadt Quetta, das damals zum britischen Weltreich gehörte. In der Folge des ersten Weltkriegs musste die Familie in die deutsche Heimat zurückkehren und kam in den zwanziger Jahren auf den Ehinger Gasthof „Traube”. Willy Steinle führte das Hotel vor allem in der Zeit, nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die Mitte der 1960er Jahre [1966]. Damals sollte das Hotel renoviert werden. Weil das Gemäuer aber zu altersschwach war, wurde es abgebrochen und an seiner Stelle von der Einkaufsgenossenschaft Konsum/Coop ein neues Gebäude hochgezogen, in dem Willy Steinle und seine Frau noch einige Jahre ein Hotel Garni führten. Als W. Steinle in den Ruhestand trat, führte seine Nichte Herta Fronwieser das Garni weiter, bis sie infolge eines Jagdunfalls starb.

Willy Steinle verbrachte die ersten Jahre seines Ruhestands mit seiner Frau in einem Haus am (nach der Familie benannten) Steinlesberg. Nach dem Tod der Ehefrau verlegte Willy Steinle vor einem Jahrzehnt seinen Wohnsitz noch einmal: Er fühlte sich wohl bei Kindern und Enkeln: so gut in Florida wie in Montreal, Frankfurt und bei einer Enkelin im Tessin. Die Nichte Erika Reichelt, die in der „Traube” zur Welt kam und heute 62-jährig in Wartmannsroth/Bayern lebt (ihre Mutter führte zeitweilig im Auftrag der Familie Steinle die Zellstoff-Kantine) schildert ihren Onkel als bis zu letzt fröhlichen, mit sich selbst zufriedenen Menschen.

29.08.2002 | Ein Ehinger studiert in Bogota/Kolumbien

BOGOTA / EHINGEN (vf) – Wer im Internet herumsegelt und entsprechend fragt, kriegt auch mal interessante Antworten. Beim Surfen stießen wir auf die .Homepage“ von Sebastian Krieger, derzeit in Bogota / Kolumbien. Der Sohn des Ehinger Oberbürgermeisters stellt sich auf „sebastiankrieger.de„ vor. Er verrät ein bisschen etwas von sich; vor allem aber enthält seine „Site“, wie bei vielen anderen Sites der Fall, eine e-mail-Adresse; wir schickten unsere Fragen an S. Krieger nach Bogota, und erhielten eine freundliche, ausführliche Antwort.

Da es ja noch nicht alltäglich ist, dass ein Ehinger in Bogota studiert, geben wir ein bisschen von dem weiter, was uns S. Krieger antwortete. Seien wir ehrlich: Wir interessierten uns nicht nur für Nachrichten aus einem fernen Ort im fernen Südamerika; das Interesse ist größer, wenn die Nachricht vom Sohn des Ehinger OB kommt. Zunächst ein paar biographische Angaben aus der von Sebastian Krieger selbst gebauten Website. – Krieger wurde 1979 in Sigmaringen geboren. Laut .Homepage“ ist er „in Ehingen, einer kleinen Stadt“ im Südwesten Deutschlands aufgewachsen. Er legte die Abiturprüfung an der Urspringschule ab und erwarb dort zugleich den Gesellenbrief im Schreinerhandwerk. Seit 1999 studiert er Betriebswirtschaftslehre an der Uni Eichstätt-Ingolstadt, seit Januar 2002 an der katholischen Franz-Xaver-Universität in Bogota, Kolumbien.

S. Krieger gibt auf seiner Homepage an, wo er überall bereits Praktika absolvierte. Es klingt gut, wenn einer in diesem Aber schon in Jakarta war und in Johannesburg / Südafrika – in Johannesburg ist die Zentrale des in Ehingen vertretenen Papierkonzerns Sappi und dort schnupperte Krieger Büroluft.

S. Kriegers Selbstdarstellung hat verschiedene „Kapitel“; er macht nicht nur Angaben zur Biographie, sondern benennt uns auch Freunde, Interessen und Abenteuer, die er erlebte („biography, friends, interests, adventures“). Die Freunde: das sind vor allem Mitschüler aus Urspring, aber auch Studienkollegen. Unter seinen „Interessen“ führt S. Krieger unter anderem auf: „Reisen, Bergwandern, Fasnet“, „politische Jugendarbeit bei der Jungen Union und im RCDS“ (einem CDU-nahen Studentenverband), Mitgliedschaft bei einer Junge-Leute-Untergruppierung des Lions-Oubs Ingolstadt, dem „Leo Club llluminaten“ Ingolstadt (vf: dieser „Club“ tragt den Namen der vergleichsweise revolutionärsten Intellektuellen-Vereinigung des 18. Jahrhunderts in Deutschland; ihr Vorsitzender Weishaupt lebte zeitweilig in Ingolstadt).

Vermisst haben wir auf der Interessen-Seite Kriegers einen Hinweis auf das Hobby Angeln, dem S. Krieger im Ehinger Fischereiverein nachging.

Zu den Abenteuern zählt S. Krieger nicht nur das Bergsteigen, sondern auch das Studium in Südamerika. S. Krieger kann aber nicht nur mit Kletterhaken und Sicherungsseil umgehen, er hat immerhin seine Website selbst „gebaut“. Wie viele von uns Grufties können das? Sebastian Krieger ließ sich auf dem Gelände der bogotaischen Jesuiten Universität „Franz Xaver“, an der er studiert, fotografieren und schickte uns per e-mail das Foto zu. Der Weg vom Foto-Platz zum Computer dauert länger als die elektronische Versendung nach Europa.

Nachgefragt

Wir stellten Sebastian Krieger in Bogota einige Fragen. Die Antworten haben wir etwas gekürzt

 SZ: Warum entschieden Sie sich für ein Studium in Kolumbien?

 Sebastian Krieger: Ich interessiere mich für Internationales Management. Etwa sechzig Prozent der Studenten an der Uni Eichstätt/Ingolstadt gehen nach dem Grundstudium zeitweilig an eine ausländische Partnerhochschule, im Bundesdurchschnitt sind es nur zehn Prozent der BWL-Studenten. Unsere Uni unterstützt solche Auslandsstudien. Außer Englisch wollte ich mich in einer anderen Weltsprache fitter machen. Spanisch wird von über 300 Millionen Menschen in 22 Ländern gesprochen Außerdem Lateinamerika ist „Die herzliche Art der Leute ist sagenhaft nach wie vor ein Wachstumsmarkt.

SZ: Ist Kolumbien nicht gefährlich?

Krieger: Das Image im Ausland ist nicht gerade das Beste. Aber andererseits ist Kolumbien eines der am weitesten entwickelten Länder Lateinamerikas. Trotz der politischen Probleme ist die kolumbianische Demokratie eine der ältesten des Kontinents. Das Land verfügt über eine relativ ausgeglichene Außenhandelsbilanz. Im Gegensatz zu anderen Ländern Südamerikas ist es hier bis heute noch nicht zu einer Dollarisierung der Wirtschaft gekommen, und auf absehbare Zeit besteht diese Gefahr auch nicht. Entwicklungen, wie sie heute Argentinien erlebt, sind momentan hier kaum vorstellbar. Ausländische Direktinvestigationen gelten als relativ sicher, und neben amerikanischen Firmen produzieren hier viele namhafte deutsche Firmen. Es gibt eine breite Mittelschicht im Land – eine Seltenheit in Lateinamerika.

SZ: Wie gefährdet ist man in Bogota?

Krieger: Selbst bei Nacht können die meisten Orte sicher mit Bus oder besser noch mit dem Taxi erreicht werden. In Südafrika oder auch Indonesien wird für jeden Meter, der zurück gelegt werden soll, ein Auto benötigt.

SZ: Was gefällt Ihnen an Bogota besonders?

Krieger: Innerhalb kurzer Zeit habe ich hier Freunde gefunden. Die offene, herzliche Art der Kolumbianer ist einfach sagenhaft. Obwohl die Uni weit größer ist als meine bisherige in Deutschland, ist die Atmosphäre viel familiärer; die Professoren sind sehr hilfsbereit. – Die Menschen hier festen und tanzen gern. Der Karneval in Baranquilla an der kolumbianischen Karibikküste gilt als der zweitbeste der Welt. Es bleibt Ihren Lesern überlassen, welches der Beste der Welt ist, der Ehinger Narrensprung oder der Karneval hier. Ich habe es noch keine Minute bereut, hierhergekommen zu sein. Zudem: Die Uni hier ist nicht so sehr auf Wirtschaftsthemen spezialisiert wie die in Eichstätt-Ingolstadt. Die Franz-Xaver-Universität in Bogota wird von Jesuiten getragen; viele Dozenten hier haben an der Jesuiten-Hochschule Pullach bei München studiert und kennen sich in deutscher Philosophie und Literatur aus.

SZ: Was machen Sie außer studieren?

Krieger: Ich habe mich etwas im Land umgesehen und bin auch auf den Nevado del Tolima gestiegen (5215 Meter). Leider sind nicht alle Teile des sehr schönen Landes zu bereisen. Doch die Hoffnung bleibt, dass sich diese Situation bald zum Positiven ändert. Damit Kolumbien der Welt zeigen kann, welche Schätze es hier hat.

SZ: Wie lange bleiben Sie? Krieger: Ende November endet das Semester; es rufen die Hörsäle in Ingolstadt

27.08.2002 | Ärztin und ,Patienten‘ vor der Fernsehkamera

ROTTENACKER / EHINGEN (vf) Seit vergangenem Jahr arbeitet die in Ehingen geborene Ärztin Dr. Verena Breitenbach in einer Praxis in Rottenacker, Ab Herbst 2002 soll sie sich in einer Sendereihe von „ProSieben“ mit Erkrankungen befassen. Die Sendung wird täglich eine Stunde lang (einschließlich einer Viertelstunde Werbung) ausgestrahlt.

Zunächst ist ein halbes Jahr Sendeperiode für dieses neue „Format“ vorgesehen. Ob die Serie danach fortgesetzt wird, hängt davon ab, ob die Sendung Anklang findet. „Quote“ lautet bekanntlich heute die bei den Fernsehsendern fast alles entscheidende Vokabel, seien es nun „private“ Sendeanstalten oder „öffentlich-rechtliche“. Erster Sendetermin ist der 14. Oktober, 16 Uhr. „Die Personal Help Show“ (so die hauseigene Bezeichnung der Serie) soll die Nachmittagsserie „Clip Mix“ ablösen; die brachte nicht die erwünschten Marktanteile.

Verena Breitenbach erhält viel Unterstützung für die neue Serie: Sie ist sicher die sichtbarste Person der Serie, aber nur eine unter vielen dabei beschäftigten Personen.

Der Serie ist ein ProSieben-eigenes zwanzigköpfiges Redaktions- und Regisseur-Team zugeteilt. Die Redakteure schreiben die Texte für Doktor Breitenbach und für die jeweils zwei „Patienten“, die in der Sendung erscheinen. Die Patienten werden von Schauspielern gemimt; auf diese Weise sollen die wirklichen Patienten vor zuviel zudringlicher Öffentlichkeit geschützt werden. Den Inhalten der Sendungen liegen anonymisierte Erfahrungsberichte aus Arztpraxen zugrunde.

Während der Sendung können die Zuschauer Fragen an den Sender richten; sie können aber nicht während der Sendung die Ärztin befragen, weil die Sendungen auf Halde gedreht und nicht live gesendet werden.

Der Sendetyp „Personal Help Show“ ist in Deutschland neu. Ob er in Amerika schon eingeführt ist (wie das bei vielen anderen Fernseh „Formaten“ der Fall war), konnte uns Verena Breitenbach nicht sagen.

Inhaltlich bedeutsam an der Sendung ist sicher, dass Krankheiten nicht nur als ausschließlich körperliche Vorgänge gedeutet werden; dass also auch.die psychosomatische Seite von Krankheiten ins Blickfeld gerückt wird. Verena Breitenbach hat in München u. a. eine besondere Ausbildung in diesem Bereich absolviert. – Dass sie als „Hauptdarstellerin“ und Fachärztin für die neue Sendereihe ausgewählt wurde, verdankt sich dem Umstand, dass V. Breitenbach bereits mehrfach in Fernsehsendungen als Beraterin mitwirkte (die SZ berichtete). Weil die Sendereihe von einem so umfangreichen Team erarbeitet wird, kann V. Breitenbach auch weiterhin ihre ärztliche Tätigkeit in Rottenacker ausüben; wenn sie ins Studio nach Unterföhring bei München muss, wird sie in Rottenacker durch einen anderen Arzt vertreten. Sein. Im Studio in Unterföhring wird es dann leicht ein Zwölf-Stunden-Tag werden, vermutet sie. Für die Serie sind nicht nur ärztliche Kenntnisse nötigt, sondern vor allem darstellerische. Schon jetzt kümmert sich ein sogenannter Sprachtrainer um die möglichst fernseh-gerechte Aussprache der Ärztin. Obwohl Verena Breitenbach einerseits viele vorgefertigte Texte sprechen soll, muss sie doch versuchen, „authentisch“, „echt“, unverlogen, zu wirken. Dass sie das schafft, glaubt man ihr gern, wenn man sich mit ihr unterhält.

25.08.2002 | Dietelhofener Bauernhaus“, Kirchbierlinger Hanfaufbereiter

KIRCHBIERLINGEN / DIETELHOFEN / ULM (vf) – Bis Ende September ist im Ulmer „Donauschwäbischen Zentralmuseum“ eine Ausstellung zu sehen, in der ein Bauernhaus und seine Bewohner in Dietelhofen am westlichen Ende des Altkreises Ehingen „ins Bild“ gerückt werden. – Das vor zwei Jahren eröffnete Museum weist auch einen Bezug zu Kirchbierlingen auf, genauer: zu dem dort früher als Hanfanbauer und -aufbereiter tätigen Martin Butter.

Viele Details des noch jungen Museums betreffen das tägliche Leben der aus Süddeutschland und den Anrainerländern im 18. und 19. Jahrhundert in die „Donauländer“ ausgewanderten Menschen. Die derzeitige Sonderausstellung befasst sich mit einem Aspekt des Alltagslebens, mit dem „Wohnhaus“ und dem „Wohnen“ in Ländern an der Donau.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit von Museen in vier Ländern. Mitarbeiter dieser Museen suchten jeweils unter dem Aspekt der donauländischen Aus- und Rückwanderung bemerkenswerte Gebäude aus, die in der Ausstellung (teils mit ihren Bewohnern) dokumentiert werden. Das Auswanderungs- und Rückkehrland Deutschland wird durch drei Häuser vergegenwärtigt, Häuser in Dornstadt, Waiblingen und Dietelhofen. In den beiden erstgenannten Orten wohnen in den vorgestellten Häusern Menschen, die „zurückgetrieben“ wurden oder „zurückgewandert“ sind. Das Haus Hauler in Dietelhofen steht stellvertretend für die Heimat der einstigen Auswanderer.

Museumsmitarbeiterin Henrike Hampel MA wusste, dass sich in einem der donauschwäbischen Ansiedlungsorte, in der Nähe des großen „Donauknies“ bei Fünfkirchen / Belgrad, eine Muttergottesstatue befand, die nach dem Modell der Muttergottes auf dem Bussen geschnitzt worden war. Sie war von einer Frau aus Dietelhofen bei der Auswanderung im 18. Jahrhundert mit in die neue Heimat genommen worden.

Der Hof, von dem die 1726 auswandernde Anna Maria Hall stammte, existiert noch; er gehört noch immer einer Familie, die mit der Auswanderin verwandt ist. Henrike Hampel nahm mit den Bewohnern Kontakt auf, insbesondere mit Theresia Hauler, und erhielt die Erlaubnis, dass ein von „ihrem“ Museum beauftragter Fotograf die Räume des Wohnhauses für die Ulmer Ausstellung im Bild festhalten durfte.

Bäuerliche Familien leben heute im Oberschwäbischen oft noch (einkommensbedingt) sehr bescheiden; und so ähneln solche Wohnungen in ihrer Bescheidenheit manchmal denen, wie sie die Nachkommen von Ausgewanderten im Drei-Länder-Raum Ungarn/Jugoslawien und Rumänien heute bewohnen.

Eine ungewöhnliche Geschichte im Zusammenhang mit der Ausstellung soll hier erwähnt werden. Der Beitrag der Stadt Novi Sad (Neusatz) im heutigen Serbien betrifft ein von einstigen Donauschwaben bewohntes herrschaftliches Haus, einst einer Familie Menrath gehörend. Die Menraths hatten 1944 ihre Heimat auf der Flucht vor den anrückenden Sowjetsoldaten und Tito-Partisanen verlassen. Mit Hilfe von donauschwäbischen Vereinen konnte in den USA der 80-jährige Walter Menrath ermittelt werden: Er war in dem genannten Haus in Novi Sad aufwachsen, brachte es später in den USA zum Universitätsprofessor, schaute nie mehr in die alte Heimat zurück, war aber jetzt bei der Eröffnung der Ausstellung in dem Ulmer Museum anwesend und bekam hier Fotos seines elterlichen Hauses zu sehen, das immer noch steht.

Das Donauländische Zentralmuseum wurde vor gut zwei Jahren eröffnet. Seitdem gibt es dort auch einen Hinweis auf den Hanfaufbereitungsbetrieb Martin Butter. Die Butters versuchten nach der Flucht in den Westen an ihrem neuen Wohnort Kirchbierlingen, Hanf anzubauen und zu verarbeiten – in großem Stil. Mit diesem Material hatten sie in der alten Heimat einen sicheren Broterwerb. Im Ulmer Museumsraum über die Integration der nach dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg nach Süddeutschland gekommenen Donauschwaben wird auch auf die Butter‘sche Hanffabrik eingegangen. An anderer Stelle, beim Thema „Kleidung“, sind Textilien aus dem in den Westen geretteten Besitz der neu-kirchbierlingener Familien Butter und Kraus aus der einstigen Heimat Hodschak zu sehen.

Der Begleitband „Hausgeschichten“ (Format: 240 mm x 220 mm) ist bei der Edition Braus im Wächter-Verlag, Heidelberg erschienen. Er umfasst 240 Seiten mit etwa 150 Farbabbildungen und Grafiken. Das Buch kann für 20 Euro im Museum oder für 25 Euro im Buchhandel erworben werden. (ISBN: 3-89904O39-2).

Jeden Sonntag bis Ende September sind um 15 Uhr Führungen durch die Ausstellung angesetzt. – Die Ausstellung ist ab Herbst drei Jahre lang in den anderen Museumsorten der vier beteiligten Länder zu sehen.

Das Zentralmuseum ist täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

21.08.2002 | „Ehingen“: Lass die Suchmaschine surren

EHINGEN (vf / op) – Das Internet erschließt neue Horizonte. Aber wer neue Horizonte erschließt, schafft auch ein Mehr an Wahlmöglichkeiten: Die Franzosen nennen das „Behinderung durch Überangebot“. – Wir haben im Internet mittels Suchmaschine den Begriff „Ehingen“ suchen lassen und etwa achthundert Verweise festgestellt – zu viel, um sie alle in einen Zeitungsartikel zu packen und fast zu viel schon, um auf alle auch nur einzigen Blick zu werfen und die Wichtigkeit zu überprüfen. Aber auch eine Auswahl der Internet-Einträge ist nicht uninteressant.

Die Suchmaschine führt uns nicht nur in Deutschland herum, sondern auch nach Russland und in die USA.

Dr. Birgit Meerholz-Härle

Munderkingerin erforscht das Erlernen von Fremdsprachen

Gefreut haben wir uns in der Redaktion, dass wir durch unsere Internet-Suche auch auf eine interessante Munderkingerin gestoßen sind. Und das gibt gleich eine Geschichte über Umwege im Internet. Da lesen wir also, dass eine Dr. Birgit Meerholz-Härle ihr Abitur in den 80er Jahren in Ehingen ablegte, dann immerhin in den USA den Doktortitel (Ph. D.) erwarb und inzwischen an der Uni Leipzig unterrichtet und forscht. „Härle?“ – „Härle?“ fragen wir uns in der Redaktion. Das klingt nach Ehingen. Aber kein Härle in Ehingen kennt eine Birgit mit diesem Nachnamen. – Birgit Meerholz-Härle erscheint auf einer „Seite“ der Uni Leipzig mit Foto, Lebenslauf, Verzeichnis der wissenschaftlichen Schriften und Tätigkeiten, Adresse und Telefonnummer. Wir rufen an und erfahren so, dass sie aus Munderkingen stammt; ihre Mutter ist dort seit vielen Jahren Frauenbundsvorsitzende. Wir freuen uns, dass eine Munderkingerin auf der Karriereleiter aufsteigt, und wir wünschen uns, dass sie in ihr nächstes „Curriculum vitae“ (Lebenslauf) auch den Abstammungsort Munderkingen einfügt.

Eine – zunächst – unauffindbare Künstlerin

Eine in Ehingen 1959 geborene Frau war in New York künstlerisch tätig, dann wieder in Deutschland – und niemand in Ehingen weiß etwas von ihr. Kann‘s so was geben?? – Ja, es gibt’s, genauer: es gab. Bis wir in einer SZ-Ausgabe fragten; Wer kennt Helga Griffiths? – Darauf meldete sich die Gesuchte sofort, aus der Gegend von Frankfurt, wo sie heute lebt; ihre in der Heimat Sauggart lebende Schwester hatte sie auf unsere Suche hingewiesen.

 Namensregister und Stammbäume sind ein häufiger Anlass, das Wort „Ehingen“ im Internet aufzustöbern. So lesen wir beispielsweise, dass ein polnischer Bürger namens Jan Wajszczuk während des Dritten Reichs nach Ehingen deportiert wurde und hier 1948 starb. Sein Abkömmling Bruno, geboren 1946 in Ehingen, wurde später in Youngstown, Ohio, Polizist. Er hatte weitere
Geschwister, teils in Ehingen, teils in Schelklingen geboren, die in den USA groß geworden sind.

Hausen ob Allmendingen -bei Ehingen

Über das Stichwort Ehingen finden wir auch den Weg zu Ralf Leichtle aus Hausen ob Allmendingen, er nennt den Ort nämlich zusätzlich „bei Ehingen“. Ralf stellt sich im Internet als 15 Jahre alter Achtklässler der Hauptschule Allmendingen vor (inzwischen ist er 17). Wer ihn kennen lernen mochte, soll ihn einfach anrufen, notiert er.

Übers Internet erfahren wir auch, das Bernd Sommer, 1969 in Ehingen geboren, in Ulm sein Elektrotechnik-Studium mit dem Diplom abschloss und seit 96 wissenschaftlicher Mitarbeiter am „LOMI“ ist (was immer das sein mag). Ob der Eintrag noch gilt, wissen wir nicht. Ab und zu wird eine Internet-Seite so überholt wie die sprichwörtliche „Zeitung von gestern“

Wasserkäfer-Forscher an der Uni Bayreuth

Wer weiß in Ehingen schon, dass ein Professor für „Tierökologie“ an der Universität Bayreuth 1951 in Ehingen geboren wurden? – Konrad Dettner interessierte sich schon als Junge für Wasserkäfer und erforschte später Eigentümlichkeiten solcher Tiere in seiner Doktorarbeit. 1985 legte er eine Habilitationsarbeit über die chemische Abwehr bei Käfern vor. Seine wissenschaftlichen Interessen reichen aber, wie ein Blick ins Internet ergibt, weiter. Kann jemand der Redaktion sagen, was Dettner sonst noch mit Ehingen zu tun hat?

Miriam Theresia Schwabe ist ebenfalls in Ehingen geboren, 1973, und lebt inzwischen in Ulm (wenn nicht der Internet-Eintrag, wie so oft, überholt ist und nicht aktualisiert wurde). In ihrer Freizeit schreibt sie Kurzgeschichten und Gedichten.

Auf Ehingen stoßen wir auch in einer Darstellung der Bischöfe der Diözese Rottenburg. Einer von ihnen führte als Geistlicher in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts eine damals reichsweit bekannt gewordene Bewegung katholischer Priester gegen den Zölibat an – später ließ er das sein und wurde Bischof.

Wer rasch Näheres über einen aus Ehingen stammenden bedeutenden Chemiker erfahren will,  Prof. Dr. Fritz Vögtle, Bonn, hat es mit dem Internet leicht. Sein Leben wird auf einer „Seite“ der Uni Bonn ausführlich vorgestellt (die Ehinger SZ hat den Automechaniker-Sohn schon früher gewürdigt, ebenso wie den ursprünglichen Zölibatsgegner Bischof Lipp). Wer mehr über den aus Ehingen stammenden Ulmer Rechtsanwalt Gerd Lenuzza (geboren 1960) erfahren will, kann ebenfalls aufs Internet zugreifen.

Solch hübsche Hunde’

Das Internet führt, uns auch auf die Spur der Dintenhofer Hundezüchter Dagmar und Michael Klein, die im Internet Züchtungserfolge vorstellen.

Silke ist in Harvard

Aus dem Internet erfahren wir auch – wenn der Eintrag nicht überhört ist – dass die aus Ehingen stammende Silke Beck aus Ehingen derzeit in Cambridge / Massachusetts (USA) studiert. An-mailen kann man sie über eine Adresse der Harvard-Universität. Die Politikwissenschaftlerin Silke Beck steht auf einer „Site“ der Uni Bielefeld und auch der letzte (zwei Jahre alte) Nachrichtenstand Internet: „1999 – 2000 Forschungsstipendium an der Kennedy-School of Government an der Harvard-Universität.“

Die Reste eines Aufklärers

„Nachlass Johann Caspar Ruef“. Jemand, der kundig in Ehinger Heimatgeschichte ist, weiß vielleicht, dass einer der bedeutendsten Vertreter der sogenannten katholischen Aufklärung im Deutschland des 18. Jahrhunderts aus Ehingen stammte: der Zeit Schriftenherausgeber und Freiburger Uni-Professor Johann Caspar Adam Ruef (1745 – 1835). Übers Internet erfahren wir, dass eine ganze Menge „Akten“ von seiner Person und über sie existieren, im Freiburger Universitäts- Archiv. Die „Bestände“ über Ruef benötigen dort fast einen Meter Regal, aufgeteilt in hundert Einheiten. Kurz zur Person: Ruef besuchte als Jugendlicher das einstige Benediktinerkolleg in Ehingen (aus diesem Kolleg wurde das Ehinger Gymnasium). In der Universitätsstadt Freiburg gab er unter anderem aufklärungsfreundliche Zeitschriften heraus, von 1782 bis 88 den „Freymüthigen“, bis 1793 die „Beiträge zur Beförderung des ältesten  Christenthums  und der neusten Philosophie“. An dem Titel .Ältestes Christenthum“ lässt sich erkennen, dass die Aufklärung unter anderem zu einer neuen Ein- und Wertschätzung des Urchristentums führte. – Dass die Zeitschrift Ruefs 1793 ihr Erscheinen einstellte, hatte auch damit zu tun, dass nach 1789 die monarchisch regierten Länder rund um Frankreich (auch Habsburg, zu dem damals Freiburg gehörte) Aufklärung und Revolution {nicht ganz zu Unrecht) in eins setzten und bisher geduldeten oder gar geförderten Aufklärungs-Bestrebungen diese Duldung oder Förderung entzogen.

Noch eine Künstlerin

Das Internet führt uns auch zu Michaela Jakob, geboren 1967 in Ehingen, Abitur 1988 in Ehingen. Nach einer dreijährigen Tätigkeit an der Ehinger Realschule in den 1990er Jahren kümmerte sie sich um ihre Söhne, war aber auch künstlerisch tätig. Bilder von ihr waren bereits einmal in Ehingen („Die Brille“) ausgestellt. –

Auf einem Hof bei Ehingen lebt Maria Gaißmaier; sie malt und überträgt ihre Blumen-Aquarelle gern auch auf Stoffe. Den Hinweis auf M. Gaißmaier fanden wir im Internet auf der Website „Schlesisches-pfauenauge.de” Ehingen taucht im Internet auch als Thema einer Diplomarbeit an der Fachhochschule Nürtingen auf. Dort hat im Sommersemester 1998 Irmgard Härle zu diesem Thema verfasst.

06.08.2002 | Künstlern beim Arbeiten über die Schulter sehen

EHINGEN (vf) – Am Donnerstagabend soll das Künstler-Arbeitstreffen am und im ehemaligen Franziskaner-Kloster eine Schlusskundgebung, eine „Finissage“, erhalten schon vor dem offiziellen Ende, weil die spanischen Künstler am Freitag heimreisen; die anderen Künstler kann man bis Sonntag arbeiten sehen.

 – Kunsttreff-Organisator Horst Reichte bearbeitet derzeit einen Kalksteinblock vor dem Gebäude – mit örtlichem Bezug: Er meißelt aus dem mächtigen, quaderförmigen Block Motive heraus, die sich auf ein Buch des Spätmittelafters beziehen. «In Buch, das von einem Ehinger Humanisten ins Lateinische übersetzt wurde. Die Rede ist vom .Narrenschiff“ des aus Straßburg stammenden Baseler Rechtsprofessors Sebastian 8rant; durch die Übersetzung des .Musenfreunds“ Jakob Locher aus Ehingen in die damalige abendländische Bildungssprache (das, was heute das Englische ist), wurde die „Stultifera Navis“ zu einem Renner in der damaligen Literaturwelt.

Horst Reichte hat nun auf seinem Kalkblock auf einer Seite stark abstrahierend das Narrenschiff verewigt, auf der anderen einen Raben mit Narrenkappe; der Rabe im .Narrenschiff“ verspreche eine Änderung schlechten Verhaltens immer er für den nächsten Tag, nie sofort, so Reichte; er sei somit ein Sinnbild für Narretei (anderswo kann der Rabe auch ab Vogel der Klugheit gelten). – Reichles Verbildlichung des Narrenschiffs enthält zwei Elemente: Die eine Hälfte des von oben gesehenen, länglichen Schiffsrumpfs ist ein Gerippe (will sagen: der Narr wird mit Sicherheit sterben, er drückt sich aber vor dieser fatalen Erkenntnis und lebt in den Tag hinein, statt sich brav zum lieben Gott zu bekehren und brav seine Sünden zu bekennen; die andere Hälfte des Schiffs zeigt (nach Hinweisung durch den Künstler mit einiger Bemühtheit vom Betrachter erkennbar) zwei Brüste; sie sollen Sinnlichkeit, Begehrlichkeit andeuten.

 Für mittelalterliche, christliche Moralprediger wie Sebastian Brant und ihre Nachfolger in den folgenden Jahrhunderten (voran unseren oberschwäbischen Sonder-Heiligen Abraham a Santa Clara) ist, wer der „bösen Lust“ frönt, besonders narret und so möglichst rasch damit aufhören.

Was passiert mit dem bisher auf zwei Seiten behauenen, zwei Tonnen schweren Kalkstein? – Das stand am Sonntag noch nicht fest. Horst Reichte wusste es selbst auch nicht. Vf meint: Vielleicht erwärmen sich einige Ehinger kunstbegeisterte Narren für das Kunstwerk und pflanzen es vor dem relativ neuen Ehinger Narrenstadel auf. Wer über das Freigelände vor dem einstigen Spital (den einstigen „Spittelgarten“) geht oder das Haus betritt, kann den Künstlern bei der Arbeit zusehen. Die freuen sich über Aufmerksamkeit. Auch in den Fluren des Hauses wird gearbeitet, und im Keller wird gar geschweißt.

Dieses Künstler-Treffen zwecks gemeinsamer Arbeit in Ehingen ist nicht das erste seiner Art. Die ersten fünf fanden im Kloster Seeon/Chiemsee statt, ab 1983. Horst Reichte, ein gebürtiger Biberacher und damals unter anderem Lehrer der Salzburger Kunst-Sommerakademie, lud in das Salzburg-nahe Seeon ein. Es folgten weitere solche Arbeitstreffen, unter anderem in Spielfeld/Steiermark, in Ochsenhausen, an der slowenischen Grenze, in Spanien, einmal (vor zwei Jahren) gar in Kuba und auch in Oberschwaben (in Kürnbach und Ochsenhausen).

Dass die Künstler um Horst Reichle (ein „harter Kern“ und jedes Jahr einige andere) diesmal nach Ehingen kommen, geht auf eine Initiative von Kulturamtsleiter Karl Otto Schöfferle zurück, der Reichte vor anderthalb Jahren ein solches Treffen in Ehingen empfahl. – H. Reichte hat zwei Wohn- und Arbeitsorte. München und einen alten Bauernhof nahe Oberessendorf im südlichen Kreis Biberach. Reichte arbeitet grafisch, malerisch und als Bildhauer. Er hat zahlreiche Illustrationen zu Liedern der beiden .unfrisierten“ Dichter Francois Villon (Frankreich, 15. Jahrhundert) und Bellmann (Schweden, 18. Jahrhundert) gefertigt. Im Gespräch mit dem Ehinger SZ-Mitarbeiter vf zeigte sich Reichte sehr angetan von der Situation, in der die Künstler aus mehreren Nationen in Ehingen arbeiten können. Die Arbeiten, die derzeit im Ehinger Kulturzentrum entstehen, sind recht verschiedengestaltig. Ungegenständliche Arbeiten zwei- und dreidimensionaler Art sind ebenso darunter wie Gegenständliches, darunter expressive Arbeiten eines spanischen Künstlers (im SW der Neuen Wilden); dem Verfasser dieses Berichts gefiel besonders ein witziges BW eines Friseurs und seines Kunden und einige Bilder, die die Impulsivität von Jazz nachempfinden lassen • soweit das mit Mitteln der darstellenden Kunst möglich ist. •

Traditionalem Kunstgeschmack nahe ist auch d-c Arbeit von Shannon Wendel. einem LTS-Amerikaner, der seit einigen Jahren in der Steiermark lebt. Er hat aus einem mächtigen Pappelstamm einen Frauenkopf herausgearbeitet. Die Pappel hat für den Mann mit loschen Vorfahren eine eigene Bedeutung: Die Pappel gilt in Irland als Baum des Feuers und des Monats August. Wir fragten den Künstler, ob der halbplastische Kopf im Holz jemanden abbilde, meint Wardell: Nein, aber er ähnele sicher meiner Frau. – Wardell ist ein Multitalent: Et malt und dichtet und trug bei einem Kunst-Festle am Donnerstagabend auch eine selbstverfasste Geschichte vor. Zur Finissage am Donnerstag ab 20 Uhr gehört die Vorstellung einer Dokumentation über die zweiwöchige Kunst-Produktion in Ehingen, Musik von Roland Ernst und weiteren Instrumentalisten, Gespräche mit den Künstlern über ihn? Arbeiten in Ehingen und mehr.

H. Reichte erläutert eines der Motive seines „Narrenschiff-Steines. Bildliche Elemente auf dem 2-Tonnen-Kalkblock sind dem von J. Locher ins Lateinische übersetzten Brant‘schen „Narrenschiff“ nachempfunden. Erkennbar ist auf der rechten Seite ein Gerippe, das die Todesverleugnung des Narren versinnbildlichen soll. – Shannon Wardell arbeitet gerade einen Frauenkopf aus einem mächtigen Pappel-Stamm heraus. – Der Kopf ähnele sicher seiner Frau, meinte er. Die Haltung, in der Wardell gerade arbeitet, kann als verehrungsvoll empfunden werden.   Fotos: vf

Zwei Zeiten, zwei Stile. – Horst Reichte hat auf seinem in Ehingen entstandenen Narrenschiff-Relief auch einen Raben mit Narrenkappe verewigt. Die vermutlich einzige bildliche Darstellung von Raben aus der ersten Veröffentlichung des Narrenschiffs“, aus dem Jahr 1494 sei hier beigefügt. Drei Raben sitzen auf einem durch seine Schellenkappe kenntlichen Narren, dazu die Verse, in der modernisierten Textfassung von Elvira Pradel (Leipzig/Frankfurt 1980): „Wer singt ,cras. cras‘ (lateinisch für „morgen“) gleich wie ein Rab / der bleibt ein Narr bis an sein Grab / morgen hat er ein noch größer Kapp.“

25.07.2002 | Musik und Grafik zu Bildern von F. H. Widmer

EHINGEN (vf) – Die Ehinger VHS unter Karl-Otto Schöfferle versucht mit Unterstützung der Stadtverwaltung, die Erinnerung an einen in Ehingen geborenen Künstler durch die Herausgabe einer CD und einer Audio-Diskette zu fördern.

Auf der CD sind neun Kompositionen von Wolfgang Gentner zu hören; Komposition, zu denen er sich von Bildern Franz Hermann Widmers (1871 – 1940) anregen ließ. Die Titel der Kompositionen entsprechen den Namen der Bilder: „Huldigung, Neckisches Spiel, Weltsehnsucht, Raubblumen, Wassersymphonie, Blumenschlaf, Nacht, Der Blütenräuber, Weltfrieden”. Die Kompositionen sind zwischen anderthalb und vier Minuten lang. Sie werden hörbar gemacht durch Lehrer der Ehinger Musikschule unter Leitung von Christoph Erb. So stellt sich beiläufig die Musikschule in allen an ihr unterrichteten Instrumenten vor.  Der Verfasser dieser Zeilen kann eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den rätselhaften, distanzierten, kühlen Bildern Widmers und einigen der Kompositionen Gentners empfinden. Die kompositorischen Fähigkeiten Gentners sind sicher sehr beachtlich. Eine weitere Diskette (abzuspielen am PC) enthält nicht nur die Kompositionen von W, Gentner, sondern auch die neun „zugrundeliegenden” Ölbilder und deren Umformungen. Der in Ehingen lebende Grafiker und Media-Spezialist Alexander Krezel hat die Bilder eingescannt, teilweise in ihre Bestandteile zerlegt und parallelisiert sie nun auf dem Bildschirm mit Gentner-Musik. Über den Sinn der Zerlegung der Bilder in Bestandteile, die dann über den Bildschirm bewegt werden, kann man geteilter Meinung sein. Sicher nicht schlecht ist die massive Aufhellung der Bilder durch den Grafiker: Die Bilder verlieren ihre (auf den Verfasser dieser Zeilen oft abgestanden wirkende) 19. Jahrhundert-Bräune, sie werden richtig Expressionismus-farbig und wirken nun frisch und bunt. Die beiden Disketten sind käuflich, auf jeden Fall ab Freitagabend.

Zum Foto: An der Gartenfront des einstigen Franziskanerklosters steht seit wenigen Tagen ein Denkmal für F. H. Widmer mit metallenem Portrait, Namen, Geburts-/Sterbedatum und Geburts- und Sterbe-Ort („1872 Ehingen -1940 Göhren“ auf Rügen). Die Büste entstand zu Lebzeiten Widmers in den 1920er Jahren und stand auf Widmers Grab in Göhren. Das Grab wurde inzwischen aufgelöst, zumal Widmer keine unmittelbaren Angehörigen hat. Die Stadtverwaltung Ehingen konnte die Büste von der Gemeindeverwaltung Göhren erwerben und ließ sie nun auf einem behauenen Steinblock vor jenem Gebäude aufstellen, in dem eine Reihe restaurierter Gemälde Widmers zu sehen sind.

21.06.2002 | Grüße von der Weltmeisterschaft in Südkorea

EHINGEN (vf) – In der Ehinger SZ- Redaktion ging am Mittwoch  eine Postkarte aus Südkorea ein abgeschickt von Zvetko Presern (üblicherweise: Tuchergasse Ehingen). Adressat: die SZ und ihr Sport-Fachmann Hans Aierstok. Genau seit Mittwochmorgen ist Presern von der Reise um die halbe Erdkugel zurück. Die SZ-Redaktion bat ihn um einen Besuch; daraufhin erzählte er uns gestern einige Erlebnisse.

Presern ist 62 Jahre alt, lebt seit 32 Jahren die meiste Zeit des Jahres in Ehingen, arbeitet bei Liebherr, ist Fußball-Fan und stammt aus der zweitgrößten slowenischen Stadt Maribor. Über ein slowenisches Reisebüro buchte er vor Monaten eine Flugreise nach Korea. Er war dort einer von 2.400 Slowenen, die der Nationalmannschaft ihres Heimatlandes vor Ort die Daumen drückten und in den Weltmeisterschaft-Arenen über deren Torchancen jubelten. Presern hatte sogar die Gelegenheit, einige Nächte im gleichen Hotel wie die Fußball-Stars seines Heimatlandes zu nächtigen; er hatte Kontakt mit dem Trainer der Nationalmannschaft und auch, eher zufällig, mit Bundesligaspieler Alexander Knauss. – Der slowenische Nationaltrainer Srecko Latanec war früher Libero beim VfB Stuttgart. – Solche Leute treffen – das ist natürlich ein Highlight im Leben eines Mannes, der in seiner Freizeit viel mit der wichtigsten Nebensache der Welt zu tun hatte: Schließlich trainierte er in Ehingen vor bereits dreißig Jahren Fußballer seines damals noch Jugoslawien heißenden Heimatstaates, die Mannschaft „Mladost” („Jugend”). Später betreute Presern die Fußballer des damaligen jugoslawischen Clubs „29. November” (mit Sitz im einstigen „Württemberger Hof” am Ehinger Bahnhof) und seit x Jahren berichtet Presern regelmäßig über Fußballereignisse in Deutschland an kroatische Sportzeitungen, seit einigen Jahren über die Spiele des kroatischen Fußballclubs Ehingen („KSC”). Die kroatische Sportzeitung mit Sitz in Zagreb ist wegen ihrer KSC-Berichte auch in Ehingen abonniert.

Zvetko war zwei Wochen lang, vom 31. Mai bis 14. Juni, im Weltmeisterschaftsland Korea, dann noch einige Tage in der alten Heimat. Inzwischen sind wohl die meisten seiner weltmeisterschaftsreisenden Landsleute wieder in ihrer Heimat oder in ihren Ersatz-Heimatländern. Sie sind sicher traurig, dass es die slowenische Mannschaft bei der Meisterschaft nicht weiter brachte, aber sie sind auch glücklich über die miterlebten Spiele und insbesondere, so Presern im Gespräch mit der Ehinger SZ, über die unwahrscheinliche Gastfreundschaft der Koreaner.

Imponierend waren für Presern auch die Reisen, die er während der zwei Wochen in Korea unternahm. Dazu gehörte beispielsweise eine sechsstündige Schifffahrt auf eine große, dem koreanischen Festland vorgelagerte Insel, auf der eines der Spiele stattfand, die Besichtigung von historisch und religiös bedeutsamen Orten Südkoreas, der Kontakt mit den freundlichen Menschen über alle Sprachgrenzen hinweg und natürlich die Gemeinschaft mit den slowenischen Nationalmannschafts-Anhängern. Presern hielt sich hauptsächlich an zwei Orten mit Weltmeisterschaftsspielen auf, Orten, die sonst kein Mensch bei uns kennt, auch wenn es Millionenstädte sind, aber die in den letzten Wochen im Munde aller Fußballfans waren.

Presern hat außer Fotos und Erinnerungen einige landestypische Souvenirs mitgebracht – und zum Teil schon wieder verschenkt. Unter anderem trug er als Fan eine Mütze mit einem slowenischen Nationalsymbol, dem Berg Triglav, und ein Hemd mit den Portraits der slowenischen Nationalmannschaftsspieler. Der slowenische Fußballverband hatte derlei schon der Heimat vorbereitet und nach Korea transportieren lassen.

Eine Beobachtung am Rande: Slowenen sind sprachbegabt. Die Berichte über Ehinger KSC-Spiele muss Presern auf Kroatisch verfassen, aber das hat er gelernt als einer, der im Vielvölkerstaat Jugoslawien mit der damaligen Staatssprache „Serbokroatisch” aufwuchs.

Was vielleicht nicht einmal mehr alle Fußballfans hierherum wissen: Es gab in Baden-Württemberg früher sogar eine eigene jugoslawische Liga. Durch die Re-Nationalisierung des Balkan-Staates wurde diese sicher gute, in gewissem Sinn übernationale Einrichtung beendet. Wer war oder ist noch in Korea oder Japan? Die Ehinger SZ dankt nochmals für den Kartengruß und fragt: Kennt jemand weitere Leute aus dem Raum Ehingen, »die Fußball-Weltmeisterschaftsspiele des Jahres 2002 persönlich erlebten oder noch erleben?

Auf unsere Bitte stellte sich Z. Presern mit der Fan-Montur zum Bildle parat. Auf einem seiner T- Shirts sind die drei slowenischen Spiele (gegen Spanien, Südafrika und Paraguay) samt Ort und Datum zu lesen

12.06.2002 | Einige Wahlen im Kaiserreich ähneln denen in Diktaturen

EHINGEN (vf) – Dr. Andreas Gawatz sprach auf Einladung der Museumsgesellschaft am Freitag im Museum über Wahlen im Deutschen Kaiserreich, insbesondere im Raum Ehingen.- Der Ehinger Gymnasiallehrer ist durch eine große, vergangenes Jahr erschienene Arbeit über dieses Thema (allgemein, nicht unter lokalem Aspekt) als Kenner ausgewiesen. Seinen Vortrag zur regionalen Kaiserreichsgeschichte am Freitag wird er –  in ähnlicher Form – zu veröffentlichen versuchen.

Obwohl das Oberamt Ehingen nur ein vergleichsweise kleines Gebiet war, gewann Gawatz doch einige interessante Erkenntnisse. Eine Grundlage für diese Erkenntnisse war die damalige Tageszeitung im Oberamt aus dem Ehinger Verlagshaus Feger, der „Volksfreund für Oberschwaben“, den Gawatz immer wieder zitierte.

Warum dieses Thema?

Gawatz eröffnete seinen Vortrag mit einer Darlegung von Eckpunkten der wissenschaftlichen Diskussion über den politischen Charakter des Kaiserreichs und so auch mit einer Begründung, warum es auch heute interessant ist, sich mit diesem Thema zu befassen. Mit Begründungen versehene Behauptungen über zentrale politische Eigenheiten des Kaiserreichs sind auch für uns Heutige nicht ohne Belang. Sie sind Elemente einer Antwort auf die Frage nach Gründen für die deutsche „Unglücksgeschichte“: Wurde die gesamtstaatlich organisierte Bösartigkeit des Dritten Reichs schon früher vorbereitet? – Vor dem Hintergrund der späteren Entwicklung fragen Forscher beispielsweise: Wie demokratisch oder undemokratisch war das Kaiserreich? Hat die unterstellte geringe Demokratie-Fähigkeit etwas mit dem Marsch in den Ersten Weltkrieg zu tun und gar darüber hinaus mit dem Marsch in eine der fatalsten Zeiten der deutschen Geschichte, ins Dritte Reich mit seiner Massenvernichtungsarbeit?

Gawatz zählte auf, was für die Beschreibung „u n entwickelte Demokratie im Kaiserreich“ spricht, aber auch das, was für Demokratisierungsfortschritte gegenüber früheren Regierungsformen in Deutschland und zeitgleichen Regierungen in Europa spricht.

Demokratische Elemente im Kaiserstaat sind ungeliebt

Eine seiner Beobachtungen betraf grundlegende Einschätzungen, die wahlberechtigte Männer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Raum Ehingen zur Politik, insbesondere zur Wahlsituation, hatten. Im beginnenden Kaiserreich kritisierten Wortführer in unserem Raum eher die staatliche Obrigkeit, die als Behinderer bei Wahlen empfunden wurde; später empfanden die politisch einflussreichsten Wählergruppen und ihre Sprecher vor allem die politischen Konkurrenten, andere Parteien, als hinderlich. Gawatz zitierte verschiedene Äußerungen, in denen konkurrierende Parteien übel abqualifiziert werden (die „Volksfreund“- Redaktion stand auf Seiten der konservativen Mehrheit). Eigenartig berührt vor allem, dass das Konkurrieren von politischen Gruppen um Wählerstimmen mit Bildern aus dem Krieg umschrieben wird. Ein Grundkonsens der Demokraten, dass jeder Demokrat besser ist als ein Nicht-Demokrat, scheint nicht vorhanden.

Unerwünscht sind rote / liberale (,Jüdische‘) Konkurrenzparteien

Hassobjekte der konservativen und einflussreichen Menschen im Raum Ehingen waren in den letzten Jahrzehnten des Kaiserreichs einerseits die „gottlosen“ Sozialdemokraten und andererseits (hier wird’s antisemitisch) liberale Parteien, die identifiziert werden mit „schrankenloser jüdischer Konkurrenz“, mit „unbeschränktem Freihandel und schwärmerischer Judenliebe“. – Der Streit um den Freihandel hat eine heutige Parallele in der Frage „Globalisierung ja oder nein“.

Eine andere Erkenntnis von Gawatz: Zunächst neigte die überwiegende Zahl der Wähler im Raum Ehingen trotz des überwiegenden Katholizismus nicht ausgesprochen katholischen und adeligen Kandidaten zu (wie in den umgebenden katholischen Wahlkreisen), sondern die Wahlentscheidungen liefen eher auf überkommenen Schienen von unterschiedlicher „Liberalität“ und ‘ nationalstaatlicher Orientierung. Der Raum. Ehingen, so Gawatz, war in den 1870er und 1880er Jahren „konservativ und preußisch national eingestellt – verwunderlich für einen katholischen Bezirk“. Ein solcher Preußisch-Nationaler war beispielsweise der Landtags- und Reichstagsabgeordnete Karl Joseph Schmid aus Munderkingen.

Am besten, wenn es nur einen einzigen Kandidaten gibt

Gawatz schilderte, wie im Raum Ehingen damals Kandidaten für die Parlamente aufgestellt wurden – sehr anders als heute bei uns; Konkurrenz von Kandidaten verschiedener Parteien und Auswahl unter ihnen galt als unfein. Am besten sollte es überhaupt nur einen einzigen Kandidaten geben; Gawatz nannte die Kandidatur K. J. Schmids und was mit ihr zusammenhing, „Honoratiorenpolitik und Beispiel für vormoderne Wahlen“. Eine Haltung, die es auch heute noch, aber nicht mehr so verbreitet gibt, zeigte sich damals deutlich: die Angst vor politischem „Zwist und Niedertracht“ (so ein Zitat aus dem Volksfreund 1882). Man hoffte, dass durch die Aufstellung eines einzigen Kandidaten dem Wahlkreis ein Wahlkampf „erspart“ bleibe.

Hier zeigt sich eine konfliktunfreundliche Grundhaltung der Deutschen, die in den 20er Jahren von den Nationalsozialisten gegen die erste deutsche Demokratie ausgenutzt wurde: Hitler und seine Bewunderer setzten der „Schwatzbude“ Parlament die energische Führergestalt entgegen, die schon alles regelt. Der Kandidat Minister Schmid beispielsweise erhielt (laut Zeitungsbericht) die „Zustimmung der bischöflichen Kurie und der ganzen Geistlichkeit des Bezirks“. Ein Gegenkandidat wurde nicht aufgestellt, Schmid erhielt in einer Wahl 99 Prozent (!) der gültigen 4385 Stimmen – ein Prozentsatz, den man in der Politikwissenschaft heute mit diktatorischen Regimes wie dem Dritten Reich und der Sowjetunion gleichsetzt.