(vf) – Am Sonntag wurde in Blaubeuren die neue Wanderausstellung zum Thema „Literatur vom Neckar bis zum Bodensee 1000 – 1800“ eröffnet (die SZ kündigte die Ausstellung in der Samstagsausgabe vom 26. 4. an und berichtete am 28. 4. über die Eröffnungsfeier). Es liegen auch zwei mächtige Begleitbände vor, mit 1000 und 600 Seiten, aus denen wir im Folgenden einiges notieren.
Das Copyright für die Bände eignet den ‚Oberschwäbischen Elektrizitätswerken‘, mit Sitz in Ulm. Dem Amtssitz von OEW-Vorstandsvorsitzendem und Alb-Donau-Landrat Dr. Wolfgang Schürte. – Schürfe fungiert auch als einer der drei Herausgeber der Bände; die beiden anderen sind der Konstanzer Professor Ulrich Gaier und seine Mitarbeiterin Dr. Monika Küble. Wie es sich für die Ehinger SZ gebührt, weisen wir hier auf die regionalen 8ezüge der Neuerscheinung hin. Sie machen nur einen kleinen Umfang der beiden Bände aus; die Aufsätze sind jeweils auf eine angenehm lesbare Länge von etwa zehn Seiten zurechtgeschnitten.
Da sind zunächst einige Autoren des Aufsatzbandes aus dem Raum Ehingen. Der frühere Ehinger Gymnasiallehrer Walter Frei befasst sich mit einem seiner Lieblingsthemen, dem Theater, hier begrenzt auf die „Theaterpflege in den Klöstern des schwäbischen Oberlandes im 17. und 18. Jahrhundert“. Dr. Winfried Nuber, früher Leiter der Realschule Munderkingen, befasst sich mit einem Thema, das mit Literatur im weiteren Sinn zu tun hat. mit dem historischen Stadtgesetz von Munderkingen aus dem späten Mittelalter. – Der Ehinger Stadtarchiv Dr. Ludwig Ohngemach schreibt über ‘Stadtschulen am Beispiel der Reichsstadt Rottweil und der österreichischen Landstadt Ehingen“. – Der frühere Drei-Städte- und jetzige Alb-Donau-Archivar Dr. Jörg Martin befasst sich mit dem Astronomen und Kosmologen Johannes Stöffler aus Justingen (die Ehinger SZ veröffentlichte einen größeren Text Jörg Martins zu diesem Thema).
Schriftsteller (im weitesten Sinn), die aus dem Raum Ehingen stammen oder mit dem Raum Ehingen zu tun haben, sind das Thema weiterer Aufsätze. Zu diesen Schriftstellern gehört der „Schwäbische Cicero Sebastian Sailer“ aus Weißenhorn, Ordensmann in Obermarchtal und tätig in verschiedenen Pfarrgemeinden des dortigen Umlands; der Eichstätter Professor Dr. Konstantin Maier hat einen Aufsatz über Sailer mit obigem Titel zu der Neuerscheinung beigesteuert. – Der frühere Blaubeurer Gymnasiallehrer Herbert Hummel verfasste einen Aufsatz über Caspar Schwenckfeld, „einen Radikalen an der Donau und auf der Alb“: Der aus Schlesien stammende .Reformator lebte bekanntlich zeitweilig auf Gütern der Familie von Freyberg in Justingen und Öpfingen. – Die Aufsätze „Gekrönte humanistische Dichter in Schwaben* von Hans Kilb und ‘Neulateinische Dramen“ aus der Feder der Tübinger Wissenschaftlerin Dr. Cora Dietl befassen sich unter anderem mit zwei aus Ehingen bzw. Ingstetten stammenden Schriftstellern des sogenannten Humanismus: Jakob Locher und Heinrich Bebel. Dietl führt u. a. einen „Berührungspunkt“ im Leben der .beiden Schriftsteller und Zeitgenossen auf: „Auf derselben Stelle an der Universität Tübingen, die mit Locher 1492 das erste Mal. mit Bebel 1496 das zweite Mal besetzt wurde, hielt es Locher gerade einmal ein Vierteljahr. Bebel aber 22 Jahre, nämlich bis zu seinem Lebensende aus Die Konflikte in die Locher geraden war, wusste Bebel geschickt zu vermeiden“ (S 775) – Dr. Christian Sinn, Uni Konstanz (Abitur in Ehingen), steuert zu der Neuerscheinung einen Aufsatz über den aus Ehingen stammenden Jesuitendramatiker Jakob Bidermann bei: “Die Kunst der Zitation (Cosmarchia)”. Christian Sinn durfte im vergangenen Jahr eben dieses Drama von Bidermann übersetzen und in einer von der OEW gesponserten neuen Reihe historischer Texte aus Südwestdeutschland herausgeben. (Im Fall des Nachworts zur Neuherausgabe wie jetzt im Fall „Schwabenspiegel” hat vf – trotz langen
Philosophiestudiums – große Schwierigkeiten, die Aufsätze Sinns zu verstehen). – Henry Gerlach befasst sich mit dem als Ruheständler in Schelklingen wohnenden Landsknechtsführer Konrad von Bemelberg, der hierherum jetzt erstmals als Militärtheoretiker gewürdigt wird.
Den beiden Schriftstellern Locher und Bidermann und dem im 17. Und 18. Jahrhundert in Ehingen von den Zwiefalter Benediktinern unterhaltenen Gymnasium verdankt es Ehingen, dass es relativ häufig in den beiden Bänden vorkommt, insgesamt über fünfzig Mal vor. Justingen kommt wenigstens 12. Munderkingen wenigstens 16, Rottenacker 4, Schelklingen 7, Urspring. Marchtal und Zwiefalten als einstige Klosterorte über fünfzig Mal vor.
Natürlich ist auch die Umgebung des Raums Ehingen „bedacht“. Mindestens viermal wird der aus Ehingen stammende Schriftsteller Rueß in den beiden 8änden genannt (Die Ehinger SZ machte auf ihn in einem großen Aufsatz in den 80er Jahren aufmerksam; auch die Schussenrieder Säkularisationsausstellung erinnert an Ruef – ohne Angabe seines Herkunftsorts). –
Der aus Rottenacker stammende Reformator der Stadt Ulm, Konrad Sam, wird in den beiden Bänden wenigstens zehn Mal genannt. Und erstaunlicherweise wird sogar der bis vor wenigen Jahren völlig vergessene Rottenacker fromme Revolutionsschwärmer Stephan Huber mit seinem langen Liedtext in Erinnerung gerufen (basierend auf dem Büchlein von Hellmuth G. Haasis über die Rottenacker Separatisten von 1993). Munderkingen kommt im Katalogband vor durch Dr. Nubers Verweis auf das Gebetbuch der Brüder Ferber aus dem Jahr 1547. Die beiden Brüder, wohl Mitglieder der kleinen evangelischen Gemeinde der Stadt, ließen 1547. während des Schmalkaldischen Stände- und Konfessionskrieges, in Ulm ihr „Bettbüchlein“ drucken (was mit „Bett“ nichts zu tun hat). Ein einziges Exemplar blieb erhalten, in der Wiener Hof Bibliothek. Im vollständigen Titel des Büchleins ist die Autorschaft und die Herkunft so angegeben: „Altes Zentrum einer deutschlandweiten Bewegung katholischer Geistlicher! gegen den Zölibat (die Ehinger SZ veröffentlichte dazu in den 80er Jahren einen größeren Aufsatz). Führend in dieser Bewegung war| der damalige Konviktsdirektor, der Ehinger Stadtpfarrer und spätere Rottenburger Bischof Lipp. Die Ehinger erhielten damals gedruckte Unterstützung durch einer bereits hochbetagten Reutlinger Aufklärer, der seine große Zeit vier Jahrzehnte zuvor (!) hatte, in der damaligen Reichszentrale Wien, nämlich durch Johann Jakob Fezer: Er ließ 1832 in einem Verlag in Leipzig ein Büchlein mit folgendem Titel erscheinen: Jesuitenschliche beim Kampf zwischen Licht und Finsterniss oder Umtrieb gegen den zur Aufhebung des Zölibats von katholischen Geistlichen gegründeten Ehinger Verein.“

Diese beiden Bilder schmücken die beiden neuen Bände. Das eine zeigt einen mittelalterlichen Mönch beim Schreiben und Bearbeiten eines Textes, das andere die zeitweilig-in Biberach lebende Schriftstellerin Sophie Laroche, eine der ersten Romanautorinnen Deutschlands und über Jahrzehnte hinweg Brieffreundin des aus Biberach stammenden Schriftstellers, Dichters und Zeitungsschreibers C. M. Wieland. – Mit diesen beiden Bildern soll die Spannweite der jetzt vorliegenden Neuerscheinungen angedeutet werden. VF / Repro: SZE