KIRCHBIERLINGEN / DIETELHOFEN / ULM (vf) – Bis Ende September ist im Ulmer „Donauschwäbischen Zentralmuseum“ eine Ausstellung zu sehen, in der ein Bauernhaus und seine Bewohner in Dietelhofen am westlichen Ende des Altkreises Ehingen „ins Bild“ gerückt werden. – Das vor zwei Jahren eröffnete Museum weist auch einen Bezug zu Kirchbierlingen auf, genauer: zu dem dort früher als Hanfanbauer und -aufbereiter tätigen Martin Butter.
Viele Details des noch jungen Museums betreffen das tägliche Leben der aus Süddeutschland und den Anrainerländern im 18. und 19. Jahrhundert in die „Donauländer“ ausgewanderten Menschen. Die derzeitige Sonderausstellung befasst sich mit einem Aspekt des Alltagslebens, mit dem „Wohnhaus“ und dem „Wohnen“ in Ländern an der Donau.
Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit von Museen in vier Ländern. Mitarbeiter dieser Museen suchten jeweils unter dem Aspekt der donauländischen Aus- und Rückwanderung bemerkenswerte Gebäude aus, die in der Ausstellung (teils mit ihren Bewohnern) dokumentiert werden. Das Auswanderungs- und Rückkehrland Deutschland wird durch drei Häuser vergegenwärtigt, Häuser in Dornstadt, Waiblingen und Dietelhofen. In den beiden erstgenannten Orten wohnen in den vorgestellten Häusern Menschen, die „zurückgetrieben“ wurden oder „zurückgewandert“ sind. Das Haus Hauler in Dietelhofen steht stellvertretend für die Heimat der einstigen Auswanderer.
Museumsmitarbeiterin Henrike Hampel MA wusste, dass sich in einem der donauschwäbischen Ansiedlungsorte, in der Nähe des großen „Donauknies“ bei Fünfkirchen / Belgrad, eine Muttergottesstatue befand, die nach dem Modell der Muttergottes auf dem Bussen geschnitzt worden war. Sie war von einer Frau aus Dietelhofen bei der Auswanderung im 18. Jahrhundert mit in die neue Heimat genommen worden.
Der Hof, von dem die 1726 auswandernde Anna Maria Hall stammte, existiert noch; er gehört noch immer einer Familie, die mit der Auswanderin verwandt ist. Henrike Hampel nahm mit den Bewohnern Kontakt auf, insbesondere mit Theresia Hauler, und erhielt die Erlaubnis, dass ein von „ihrem“ Museum beauftragter Fotograf die Räume des Wohnhauses für die Ulmer Ausstellung im Bild festhalten durfte.
Bäuerliche Familien leben heute im Oberschwäbischen oft noch (einkommensbedingt) sehr bescheiden; und so ähneln solche Wohnungen in ihrer Bescheidenheit manchmal denen, wie sie die Nachkommen von Ausgewanderten im Drei-Länder-Raum Ungarn/Jugoslawien und Rumänien heute bewohnen.
Eine ungewöhnliche Geschichte im Zusammenhang mit der Ausstellung soll hier erwähnt werden. Der Beitrag der Stadt Novi Sad (Neusatz) im heutigen Serbien betrifft ein von einstigen Donauschwaben bewohntes herrschaftliches Haus, einst einer Familie Menrath gehörend. Die Menraths hatten 1944 ihre Heimat auf der Flucht vor den anrückenden Sowjetsoldaten und Tito-Partisanen verlassen. Mit Hilfe von donauschwäbischen Vereinen konnte in den USA der 80-jährige Walter Menrath ermittelt werden: Er war in dem genannten Haus in Novi Sad aufwachsen, brachte es später in den USA zum Universitätsprofessor, schaute nie mehr in die alte Heimat zurück, war aber jetzt bei der Eröffnung der Ausstellung in dem Ulmer Museum anwesend und bekam hier Fotos seines elterlichen Hauses zu sehen, das immer noch steht.
Das Donauländische Zentralmuseum wurde vor gut zwei Jahren eröffnet. Seitdem gibt es dort auch einen Hinweis auf den Hanfaufbereitungsbetrieb Martin Butter. Die Butters versuchten nach der Flucht in den Westen an ihrem neuen Wohnort Kirchbierlingen, Hanf anzubauen und zu verarbeiten – in großem Stil. Mit diesem Material hatten sie in der alten Heimat einen sicheren Broterwerb. Im Ulmer Museumsraum über die Integration der nach dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg nach Süddeutschland gekommenen Donauschwaben wird auch auf die Butter‘sche Hanffabrik eingegangen. An anderer Stelle, beim Thema „Kleidung“, sind Textilien aus dem in den Westen geretteten Besitz der neu-kirchbierlingener Familien Butter und Kraus aus der einstigen Heimat Hodschak zu sehen.
Der Begleitband „Hausgeschichten“ (Format: 240 mm x 220 mm) ist bei der Edition Braus im Wächter-Verlag, Heidelberg erschienen. Er umfasst 240 Seiten mit etwa 150 Farbabbildungen und Grafiken. Das Buch kann für 20 Euro im Museum oder für 25 Euro im Buchhandel erworben werden. (ISBN: 3-89904O39-2).
Jeden Sonntag bis Ende September sind um 15 Uhr Führungen durch die Ausstellung angesetzt. – Die Ausstellung ist ab Herbst drei Jahre lang in den anderen Museumsorten der vier beteiligten Länder zu sehen.
Das Zentralmuseum ist täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.