06.08.2002 | Künstlern beim Arbeiten über die Schulter sehen

EHINGEN (vf) – Am Donnerstagabend soll das Künstler-Arbeitstreffen am und im ehemaligen Franziskaner-Kloster eine Schlusskundgebung, eine „Finissage“, erhalten schon vor dem offiziellen Ende, weil die spanischen Künstler am Freitag heimreisen; die anderen Künstler kann man bis Sonntag arbeiten sehen.

 – Kunsttreff-Organisator Horst Reichte bearbeitet derzeit einen Kalksteinblock vor dem Gebäude – mit örtlichem Bezug: Er meißelt aus dem mächtigen, quaderförmigen Block Motive heraus, die sich auf ein Buch des Spätmittelafters beziehen. «In Buch, das von einem Ehinger Humanisten ins Lateinische übersetzt wurde. Die Rede ist vom .Narrenschiff“ des aus Straßburg stammenden Baseler Rechtsprofessors Sebastian 8rant; durch die Übersetzung des .Musenfreunds“ Jakob Locher aus Ehingen in die damalige abendländische Bildungssprache (das, was heute das Englische ist), wurde die „Stultifera Navis“ zu einem Renner in der damaligen Literaturwelt.

Horst Reichte hat nun auf seinem Kalkblock auf einer Seite stark abstrahierend das Narrenschiff verewigt, auf der anderen einen Raben mit Narrenkappe; der Rabe im .Narrenschiff“ verspreche eine Änderung schlechten Verhaltens immer er für den nächsten Tag, nie sofort, so Reichte; er sei somit ein Sinnbild für Narretei (anderswo kann der Rabe auch ab Vogel der Klugheit gelten). – Reichles Verbildlichung des Narrenschiffs enthält zwei Elemente: Die eine Hälfte des von oben gesehenen, länglichen Schiffsrumpfs ist ein Gerippe (will sagen: der Narr wird mit Sicherheit sterben, er drückt sich aber vor dieser fatalen Erkenntnis und lebt in den Tag hinein, statt sich brav zum lieben Gott zu bekehren und brav seine Sünden zu bekennen; die andere Hälfte des Schiffs zeigt (nach Hinweisung durch den Künstler mit einiger Bemühtheit vom Betrachter erkennbar) zwei Brüste; sie sollen Sinnlichkeit, Begehrlichkeit andeuten.

 Für mittelalterliche, christliche Moralprediger wie Sebastian Brant und ihre Nachfolger in den folgenden Jahrhunderten (voran unseren oberschwäbischen Sonder-Heiligen Abraham a Santa Clara) ist, wer der „bösen Lust“ frönt, besonders narret und so möglichst rasch damit aufhören.

Was passiert mit dem bisher auf zwei Seiten behauenen, zwei Tonnen schweren Kalkstein? – Das stand am Sonntag noch nicht fest. Horst Reichte wusste es selbst auch nicht. Vf meint: Vielleicht erwärmen sich einige Ehinger kunstbegeisterte Narren für das Kunstwerk und pflanzen es vor dem relativ neuen Ehinger Narrenstadel auf. Wer über das Freigelände vor dem einstigen Spital (den einstigen „Spittelgarten“) geht oder das Haus betritt, kann den Künstlern bei der Arbeit zusehen. Die freuen sich über Aufmerksamkeit. Auch in den Fluren des Hauses wird gearbeitet, und im Keller wird gar geschweißt.

Dieses Künstler-Treffen zwecks gemeinsamer Arbeit in Ehingen ist nicht das erste seiner Art. Die ersten fünf fanden im Kloster Seeon/Chiemsee statt, ab 1983. Horst Reichte, ein gebürtiger Biberacher und damals unter anderem Lehrer der Salzburger Kunst-Sommerakademie, lud in das Salzburg-nahe Seeon ein. Es folgten weitere solche Arbeitstreffen, unter anderem in Spielfeld/Steiermark, in Ochsenhausen, an der slowenischen Grenze, in Spanien, einmal (vor zwei Jahren) gar in Kuba und auch in Oberschwaben (in Kürnbach und Ochsenhausen).

Dass die Künstler um Horst Reichle (ein „harter Kern“ und jedes Jahr einige andere) diesmal nach Ehingen kommen, geht auf eine Initiative von Kulturamtsleiter Karl Otto Schöfferle zurück, der Reichte vor anderthalb Jahren ein solches Treffen in Ehingen empfahl. – H. Reichte hat zwei Wohn- und Arbeitsorte. München und einen alten Bauernhof nahe Oberessendorf im südlichen Kreis Biberach. Reichte arbeitet grafisch, malerisch und als Bildhauer. Er hat zahlreiche Illustrationen zu Liedern der beiden .unfrisierten“ Dichter Francois Villon (Frankreich, 15. Jahrhundert) und Bellmann (Schweden, 18. Jahrhundert) gefertigt. Im Gespräch mit dem Ehinger SZ-Mitarbeiter vf zeigte sich Reichte sehr angetan von der Situation, in der die Künstler aus mehreren Nationen in Ehingen arbeiten können. Die Arbeiten, die derzeit im Ehinger Kulturzentrum entstehen, sind recht verschiedengestaltig. Ungegenständliche Arbeiten zwei- und dreidimensionaler Art sind ebenso darunter wie Gegenständliches, darunter expressive Arbeiten eines spanischen Künstlers (im SW der Neuen Wilden); dem Verfasser dieses Berichts gefiel besonders ein witziges BW eines Friseurs und seines Kunden und einige Bilder, die die Impulsivität von Jazz nachempfinden lassen • soweit das mit Mitteln der darstellenden Kunst möglich ist. •

Traditionalem Kunstgeschmack nahe ist auch d-c Arbeit von Shannon Wendel. einem LTS-Amerikaner, der seit einigen Jahren in der Steiermark lebt. Er hat aus einem mächtigen Pappelstamm einen Frauenkopf herausgearbeitet. Die Pappel hat für den Mann mit loschen Vorfahren eine eigene Bedeutung: Die Pappel gilt in Irland als Baum des Feuers und des Monats August. Wir fragten den Künstler, ob der halbplastische Kopf im Holz jemanden abbilde, meint Wardell: Nein, aber er ähnele sicher meiner Frau. – Wardell ist ein Multitalent: Et malt und dichtet und trug bei einem Kunst-Festle am Donnerstagabend auch eine selbstverfasste Geschichte vor. Zur Finissage am Donnerstag ab 20 Uhr gehört die Vorstellung einer Dokumentation über die zweiwöchige Kunst-Produktion in Ehingen, Musik von Roland Ernst und weiteren Instrumentalisten, Gespräche mit den Künstlern über ihn? Arbeiten in Ehingen und mehr.

H. Reichte erläutert eines der Motive seines „Narrenschiff-Steines. Bildliche Elemente auf dem 2-Tonnen-Kalkblock sind dem von J. Locher ins Lateinische übersetzten Brant‘schen „Narrenschiff“ nachempfunden. Erkennbar ist auf der rechten Seite ein Gerippe, das die Todesverleugnung des Narren versinnbildlichen soll. – Shannon Wardell arbeitet gerade einen Frauenkopf aus einem mächtigen Pappel-Stamm heraus. – Der Kopf ähnele sicher seiner Frau, meinte er. Die Haltung, in der Wardell gerade arbeitet, kann als verehrungsvoll empfunden werden.   Fotos: vf

Zwei Zeiten, zwei Stile. – Horst Reichte hat auf seinem in Ehingen entstandenen Narrenschiff-Relief auch einen Raben mit Narrenkappe verewigt. Die vermutlich einzige bildliche Darstellung von Raben aus der ersten Veröffentlichung des Narrenschiffs“, aus dem Jahr 1494 sei hier beigefügt. Drei Raben sitzen auf einem durch seine Schellenkappe kenntlichen Narren, dazu die Verse, in der modernisierten Textfassung von Elvira Pradel (Leipzig/Frankfurt 1980): „Wer singt ,cras. cras‘ (lateinisch für „morgen“) gleich wie ein Rab / der bleibt ein Narr bis an sein Grab / morgen hat er ein noch größer Kapp.“

25.07.2002 | Musik und Grafik zu Bildern von F. H. Widmer

EHINGEN (vf) – Die Ehinger VHS unter Karl-Otto Schöfferle versucht mit Unterstützung der Stadtverwaltung, die Erinnerung an einen in Ehingen geborenen Künstler durch die Herausgabe einer CD und einer Audio-Diskette zu fördern.

Auf der CD sind neun Kompositionen von Wolfgang Gentner zu hören; Komposition, zu denen er sich von Bildern Franz Hermann Widmers (1871 – 1940) anregen ließ. Die Titel der Kompositionen entsprechen den Namen der Bilder: „Huldigung, Neckisches Spiel, Weltsehnsucht, Raubblumen, Wassersymphonie, Blumenschlaf, Nacht, Der Blütenräuber, Weltfrieden”. Die Kompositionen sind zwischen anderthalb und vier Minuten lang. Sie werden hörbar gemacht durch Lehrer der Ehinger Musikschule unter Leitung von Christoph Erb. So stellt sich beiläufig die Musikschule in allen an ihr unterrichteten Instrumenten vor.  Der Verfasser dieser Zeilen kann eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den rätselhaften, distanzierten, kühlen Bildern Widmers und einigen der Kompositionen Gentners empfinden. Die kompositorischen Fähigkeiten Gentners sind sicher sehr beachtlich. Eine weitere Diskette (abzuspielen am PC) enthält nicht nur die Kompositionen von W, Gentner, sondern auch die neun „zugrundeliegenden” Ölbilder und deren Umformungen. Der in Ehingen lebende Grafiker und Media-Spezialist Alexander Krezel hat die Bilder eingescannt, teilweise in ihre Bestandteile zerlegt und parallelisiert sie nun auf dem Bildschirm mit Gentner-Musik. Über den Sinn der Zerlegung der Bilder in Bestandteile, die dann über den Bildschirm bewegt werden, kann man geteilter Meinung sein. Sicher nicht schlecht ist die massive Aufhellung der Bilder durch den Grafiker: Die Bilder verlieren ihre (auf den Verfasser dieser Zeilen oft abgestanden wirkende) 19. Jahrhundert-Bräune, sie werden richtig Expressionismus-farbig und wirken nun frisch und bunt. Die beiden Disketten sind käuflich, auf jeden Fall ab Freitagabend.

Zum Foto: An der Gartenfront des einstigen Franziskanerklosters steht seit wenigen Tagen ein Denkmal für F. H. Widmer mit metallenem Portrait, Namen, Geburts-/Sterbedatum und Geburts- und Sterbe-Ort („1872 Ehingen -1940 Göhren“ auf Rügen). Die Büste entstand zu Lebzeiten Widmers in den 1920er Jahren und stand auf Widmers Grab in Göhren. Das Grab wurde inzwischen aufgelöst, zumal Widmer keine unmittelbaren Angehörigen hat. Die Stadtverwaltung Ehingen konnte die Büste von der Gemeindeverwaltung Göhren erwerben und ließ sie nun auf einem behauenen Steinblock vor jenem Gebäude aufstellen, in dem eine Reihe restaurierter Gemälde Widmers zu sehen sind.

21.06.2002 | Grüße von der Weltmeisterschaft in Südkorea

EHINGEN (vf) – In der Ehinger SZ- Redaktion ging am Mittwoch  eine Postkarte aus Südkorea ein abgeschickt von Zvetko Presern (üblicherweise: Tuchergasse Ehingen). Adressat: die SZ und ihr Sport-Fachmann Hans Aierstok. Genau seit Mittwochmorgen ist Presern von der Reise um die halbe Erdkugel zurück. Die SZ-Redaktion bat ihn um einen Besuch; daraufhin erzählte er uns gestern einige Erlebnisse.

Presern ist 62 Jahre alt, lebt seit 32 Jahren die meiste Zeit des Jahres in Ehingen, arbeitet bei Liebherr, ist Fußball-Fan und stammt aus der zweitgrößten slowenischen Stadt Maribor. Über ein slowenisches Reisebüro buchte er vor Monaten eine Flugreise nach Korea. Er war dort einer von 2.400 Slowenen, die der Nationalmannschaft ihres Heimatlandes vor Ort die Daumen drückten und in den Weltmeisterschaft-Arenen über deren Torchancen jubelten. Presern hatte sogar die Gelegenheit, einige Nächte im gleichen Hotel wie die Fußball-Stars seines Heimatlandes zu nächtigen; er hatte Kontakt mit dem Trainer der Nationalmannschaft und auch, eher zufällig, mit Bundesligaspieler Alexander Knauss. – Der slowenische Nationaltrainer Srecko Latanec war früher Libero beim VfB Stuttgart. – Solche Leute treffen – das ist natürlich ein Highlight im Leben eines Mannes, der in seiner Freizeit viel mit der wichtigsten Nebensache der Welt zu tun hatte: Schließlich trainierte er in Ehingen vor bereits dreißig Jahren Fußballer seines damals noch Jugoslawien heißenden Heimatstaates, die Mannschaft „Mladost” („Jugend”). Später betreute Presern die Fußballer des damaligen jugoslawischen Clubs „29. November” (mit Sitz im einstigen „Württemberger Hof” am Ehinger Bahnhof) und seit x Jahren berichtet Presern regelmäßig über Fußballereignisse in Deutschland an kroatische Sportzeitungen, seit einigen Jahren über die Spiele des kroatischen Fußballclubs Ehingen („KSC”). Die kroatische Sportzeitung mit Sitz in Zagreb ist wegen ihrer KSC-Berichte auch in Ehingen abonniert.

Zvetko war zwei Wochen lang, vom 31. Mai bis 14. Juni, im Weltmeisterschaftsland Korea, dann noch einige Tage in der alten Heimat. Inzwischen sind wohl die meisten seiner weltmeisterschaftsreisenden Landsleute wieder in ihrer Heimat oder in ihren Ersatz-Heimatländern. Sie sind sicher traurig, dass es die slowenische Mannschaft bei der Meisterschaft nicht weiter brachte, aber sie sind auch glücklich über die miterlebten Spiele und insbesondere, so Presern im Gespräch mit der Ehinger SZ, über die unwahrscheinliche Gastfreundschaft der Koreaner.

Imponierend waren für Presern auch die Reisen, die er während der zwei Wochen in Korea unternahm. Dazu gehörte beispielsweise eine sechsstündige Schifffahrt auf eine große, dem koreanischen Festland vorgelagerte Insel, auf der eines der Spiele stattfand, die Besichtigung von historisch und religiös bedeutsamen Orten Südkoreas, der Kontakt mit den freundlichen Menschen über alle Sprachgrenzen hinweg und natürlich die Gemeinschaft mit den slowenischen Nationalmannschafts-Anhängern. Presern hielt sich hauptsächlich an zwei Orten mit Weltmeisterschaftsspielen auf, Orten, die sonst kein Mensch bei uns kennt, auch wenn es Millionenstädte sind, aber die in den letzten Wochen im Munde aller Fußballfans waren.

Presern hat außer Fotos und Erinnerungen einige landestypische Souvenirs mitgebracht – und zum Teil schon wieder verschenkt. Unter anderem trug er als Fan eine Mütze mit einem slowenischen Nationalsymbol, dem Berg Triglav, und ein Hemd mit den Portraits der slowenischen Nationalmannschaftsspieler. Der slowenische Fußballverband hatte derlei schon der Heimat vorbereitet und nach Korea transportieren lassen.

Eine Beobachtung am Rande: Slowenen sind sprachbegabt. Die Berichte über Ehinger KSC-Spiele muss Presern auf Kroatisch verfassen, aber das hat er gelernt als einer, der im Vielvölkerstaat Jugoslawien mit der damaligen Staatssprache „Serbokroatisch” aufwuchs.

Was vielleicht nicht einmal mehr alle Fußballfans hierherum wissen: Es gab in Baden-Württemberg früher sogar eine eigene jugoslawische Liga. Durch die Re-Nationalisierung des Balkan-Staates wurde diese sicher gute, in gewissem Sinn übernationale Einrichtung beendet. Wer war oder ist noch in Korea oder Japan? Die Ehinger SZ dankt nochmals für den Kartengruß und fragt: Kennt jemand weitere Leute aus dem Raum Ehingen, »die Fußball-Weltmeisterschaftsspiele des Jahres 2002 persönlich erlebten oder noch erleben?

Auf unsere Bitte stellte sich Z. Presern mit der Fan-Montur zum Bildle parat. Auf einem seiner T- Shirts sind die drei slowenischen Spiele (gegen Spanien, Südafrika und Paraguay) samt Ort und Datum zu lesen

12.06.2002 | Einige Wahlen im Kaiserreich ähneln denen in Diktaturen

EHINGEN (vf) – Dr. Andreas Gawatz sprach auf Einladung der Museumsgesellschaft am Freitag im Museum über Wahlen im Deutschen Kaiserreich, insbesondere im Raum Ehingen.- Der Ehinger Gymnasiallehrer ist durch eine große, vergangenes Jahr erschienene Arbeit über dieses Thema (allgemein, nicht unter lokalem Aspekt) als Kenner ausgewiesen. Seinen Vortrag zur regionalen Kaiserreichsgeschichte am Freitag wird er –  in ähnlicher Form – zu veröffentlichen versuchen.

Obwohl das Oberamt Ehingen nur ein vergleichsweise kleines Gebiet war, gewann Gawatz doch einige interessante Erkenntnisse. Eine Grundlage für diese Erkenntnisse war die damalige Tageszeitung im Oberamt aus dem Ehinger Verlagshaus Feger, der „Volksfreund für Oberschwaben“, den Gawatz immer wieder zitierte.

Warum dieses Thema?

Gawatz eröffnete seinen Vortrag mit einer Darlegung von Eckpunkten der wissenschaftlichen Diskussion über den politischen Charakter des Kaiserreichs und so auch mit einer Begründung, warum es auch heute interessant ist, sich mit diesem Thema zu befassen. Mit Begründungen versehene Behauptungen über zentrale politische Eigenheiten des Kaiserreichs sind auch für uns Heutige nicht ohne Belang. Sie sind Elemente einer Antwort auf die Frage nach Gründen für die deutsche „Unglücksgeschichte“: Wurde die gesamtstaatlich organisierte Bösartigkeit des Dritten Reichs schon früher vorbereitet? – Vor dem Hintergrund der späteren Entwicklung fragen Forscher beispielsweise: Wie demokratisch oder undemokratisch war das Kaiserreich? Hat die unterstellte geringe Demokratie-Fähigkeit etwas mit dem Marsch in den Ersten Weltkrieg zu tun und gar darüber hinaus mit dem Marsch in eine der fatalsten Zeiten der deutschen Geschichte, ins Dritte Reich mit seiner Massenvernichtungsarbeit?

Gawatz zählte auf, was für die Beschreibung „u n entwickelte Demokratie im Kaiserreich“ spricht, aber auch das, was für Demokratisierungsfortschritte gegenüber früheren Regierungsformen in Deutschland und zeitgleichen Regierungen in Europa spricht.

Demokratische Elemente im Kaiserstaat sind ungeliebt

Eine seiner Beobachtungen betraf grundlegende Einschätzungen, die wahlberechtigte Männer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Raum Ehingen zur Politik, insbesondere zur Wahlsituation, hatten. Im beginnenden Kaiserreich kritisierten Wortführer in unserem Raum eher die staatliche Obrigkeit, die als Behinderer bei Wahlen empfunden wurde; später empfanden die politisch einflussreichsten Wählergruppen und ihre Sprecher vor allem die politischen Konkurrenten, andere Parteien, als hinderlich. Gawatz zitierte verschiedene Äußerungen, in denen konkurrierende Parteien übel abqualifiziert werden (die „Volksfreund“- Redaktion stand auf Seiten der konservativen Mehrheit). Eigenartig berührt vor allem, dass das Konkurrieren von politischen Gruppen um Wählerstimmen mit Bildern aus dem Krieg umschrieben wird. Ein Grundkonsens der Demokraten, dass jeder Demokrat besser ist als ein Nicht-Demokrat, scheint nicht vorhanden.

Unerwünscht sind rote / liberale (,Jüdische‘) Konkurrenzparteien

Hassobjekte der konservativen und einflussreichen Menschen im Raum Ehingen waren in den letzten Jahrzehnten des Kaiserreichs einerseits die „gottlosen“ Sozialdemokraten und andererseits (hier wird’s antisemitisch) liberale Parteien, die identifiziert werden mit „schrankenloser jüdischer Konkurrenz“, mit „unbeschränktem Freihandel und schwärmerischer Judenliebe“. – Der Streit um den Freihandel hat eine heutige Parallele in der Frage „Globalisierung ja oder nein“.

Eine andere Erkenntnis von Gawatz: Zunächst neigte die überwiegende Zahl der Wähler im Raum Ehingen trotz des überwiegenden Katholizismus nicht ausgesprochen katholischen und adeligen Kandidaten zu (wie in den umgebenden katholischen Wahlkreisen), sondern die Wahlentscheidungen liefen eher auf überkommenen Schienen von unterschiedlicher „Liberalität“ und ‘ nationalstaatlicher Orientierung. Der Raum. Ehingen, so Gawatz, war in den 1870er und 1880er Jahren „konservativ und preußisch national eingestellt – verwunderlich für einen katholischen Bezirk“. Ein solcher Preußisch-Nationaler war beispielsweise der Landtags- und Reichstagsabgeordnete Karl Joseph Schmid aus Munderkingen.

Am besten, wenn es nur einen einzigen Kandidaten gibt

Gawatz schilderte, wie im Raum Ehingen damals Kandidaten für die Parlamente aufgestellt wurden – sehr anders als heute bei uns; Konkurrenz von Kandidaten verschiedener Parteien und Auswahl unter ihnen galt als unfein. Am besten sollte es überhaupt nur einen einzigen Kandidaten geben; Gawatz nannte die Kandidatur K. J. Schmids und was mit ihr zusammenhing, „Honoratiorenpolitik und Beispiel für vormoderne Wahlen“. Eine Haltung, die es auch heute noch, aber nicht mehr so verbreitet gibt, zeigte sich damals deutlich: die Angst vor politischem „Zwist und Niedertracht“ (so ein Zitat aus dem Volksfreund 1882). Man hoffte, dass durch die Aufstellung eines einzigen Kandidaten dem Wahlkreis ein Wahlkampf „erspart“ bleibe.

Hier zeigt sich eine konfliktunfreundliche Grundhaltung der Deutschen, die in den 20er Jahren von den Nationalsozialisten gegen die erste deutsche Demokratie ausgenutzt wurde: Hitler und seine Bewunderer setzten der „Schwatzbude“ Parlament die energische Führergestalt entgegen, die schon alles regelt. Der Kandidat Minister Schmid beispielsweise erhielt (laut Zeitungsbericht) die „Zustimmung der bischöflichen Kurie und der ganzen Geistlichkeit des Bezirks“. Ein Gegenkandidat wurde nicht aufgestellt, Schmid erhielt in einer Wahl 99 Prozent (!) der gültigen 4385 Stimmen – ein Prozentsatz, den man in der Politikwissenschaft heute mit diktatorischen Regimes wie dem Dritten Reich und der Sowjetunion gleichsetzt.

04.06.2002 | Die Abendbrise darf schon mal die Notenblätter vom Pult wehen

Die Abendbrise darf schon mal die Notenblätter vom Pult wehen

MUNDERKINGEN (vf) – Rosensträucher, gedämpfte Querflöten- und Cembalo-Musik, der Ausblick auf eine ruhig vorbeifließende Donau, amüsiert vorgetragene Geschichten aus dem .Pfarrhof“ direkt hinter den Sitzplätzen, Abendsonne. So schön kann Kultur sein. Die katholische Kirchengemeinde und die städtische Volkshochschule ließen dies am Sonntagabend erleben. Wenn dann noch ein leichter Windstoß die Musiknoten wegwirbelt und die Musiker einige Sekunden pausieren müssen, fliegt auch die unnötige Feierlichkeit vom Notenpult.

Offizieller Anlass für diese Veranstaltung: Das stattliche Pfarrhaus („Pfarrhof“) der katholischen Kirchengemeinde ist gerade dreihundert Jahre alt. Bekanntlich hatten die Prämonstratenser von Marchtal in Munderkingen das Pfarr-Recht, ließen Mönche hier die Seelsorge ausüben und für je drei (Pfarr-)Mönch das Gebäude zwischen Donau und Stadtpfarrkirche errichten. Die repräsentativen Fassaden und Räume ihres eigenen Stiftes fünf, sechs Kilometer westlich von Munderkingen zeigen und schauen nicht zur Donau, sondern zur „Landseite“ hin, die Fassade des Pfarrhofs in Munderkingen hingegen schaut zum F l u s s; die L a n d s c h a f t ist das Wichtige. Der jetzige Pfarrer von St. Dionysius und hauptsächliche Nutzer des Pfarrhofs, Ulrich Steck, hat bekanntlich schon vor seinem Einzug in das Haus mit der freiwilligen Hilfe von Munderkingern und Nicht-Munderkingern den lange Zeit vernachlässigten Pfarrgarten hergerichtet, so, wie er zu seinen besten

Foto: Dr. W. Nuber bei seinem Vortrag

Zeiten ausgesehen haben könnte. Und so entstand in der Stadt eine schöne, aber nicht pompöse „Ecke“, eigentlich ideal für eine solche „Soiree“ wie am Sonntag – und möglicherweise erst an diesem Abend so richtig dafür entdeckt. Schade, dass nur weitgehend ältere Menschen bereit sind, an dieser überkommenen „Zivilisation“ teilzuhaben und sie zu genießen

Wer wollte, konnte entdecken. Wer von uns Heutigen kennt schon Kompositionen des Marchtaler Mönchs und Reutlingendorfer Pfarrers Sixtus Bachmann (1754 – 1825)? Wolfgang Weller spielte an diesem Abend seine „Fantasie prima a-Moll“. – Ab und zu ist die Weltgeschichte im Recht, wenn sie Gericht ist und als solches einen Künstler und sein Werk vergessen lässt. Hier aber war die Geschichte nicht im Recht. Diese „Fantasia“ war ausgesprochen abwechslungsreich und unterhaltsam. Sie besteht aus lauter kurzen, verschiedenen Teilen, deren Unterschiede Wolfgang Weller klug herausarbeitete. Vielleicht wollte Bachmann sogar zeigen, wie verschieden man ein Tasteninstrument traktieren kann und was es zu seiner Zeit an Kompositionstechniken gab. Dem Verfasser dieser Zeilen wurde hier eine weitere Bildungslücke demonstriert. Diese noch besser zu schließen, ist freilich nicht so einfach. Eine Einspielung von Bachmann Kompositionen gibt es nicht zu kaufen, und ebenso nicht die Noten.

In dem Garten, in dem die Zuhörer an diesem Abend saßen, ging vor gut zweihundert Jahren Pater Isfried Kayser (1712 – 1771) spazieren, und im Pfarrhof daneben wohnte (und komponierte) er ein Jahrzehnt. Von ihm erklangen an diesem Abend zwei Sätze aus seiner „Parthia“, die sich nach Meinung des Verfassers dieser Zeilen in den Bahnen des damals üblichen Komponierens hielten, außerdem eine „Cantata sacra“ (eine Kantate aus kirchlichem Anlass), Titel: „Sursum corda“, die hohe Ansprüche an die weibliche Singstimme stellt und die hier viel Ähnlichkeit mit den virtuosen „Läufen“ einer damaligen Oper hat. Weil wenigstens der I n h a 11 religiös sein sollte, betonte der Komponist dies gleich im Titel. – Birgitta Aicher war früher Pastoralreferentin in Ehingen und ist immer wieder mal bereit, in unserem Raum Sänger-Aufgaben zu erfüllen; sie sang diese Kantate mit einer gut ausgebildeten Stimme sehr schön, stimmig und innig. Was religiöser Gesang sein wollte, wurde nicht zum Exerzierfeld stimmlicher Extravaganz. Begleitet wurde B. Aicher von Anke und Elisabeth Aicher, Violine, Johann Miehle, Viola, Ferdinand Gerstetter, Cello, Richard Fischer, Cembalo.

Foto: W. Weller am Cembalo

Drei Kompositionen von Veracini, Marais und Vinci wurden von Ulrike Pöhner, Querflöte-Lehrerin der städtischen Musikschule, und Wolfgang Weller vorgetragen. Weller nahm sich hier als Begleiter  zurück und ließ die Flötistin dominieren. Dass Komponist Isfrid Kayser im P f a r r h 0 f lebte, hörten wir an diesem Abend aus dem Mund des früheren Realschul-Rektors Dr. Winfried Nuber. Sein Vortrag war ein (fast schon zu langes) Kabinettstück zum Beleg der Behauptung, dass Lokalgeschichte amüsant sein kann, wenn man sich um ihre Erforschung kümmert, und dass sie, wenn man will, genug Bezüge zur „großen“ Geschichte zu ziehen erlaubt. Man würde diese Geschichten gern im einzelnen nachlesen; hier alle auf einen Schlag wiederzugeben, übersteigt den üblichen Zeitungsbericht weit. Nur einige Tupfer. Da gab es beispielsweise den langen Streit um die Misthäufen zwischen den Ordensfrauen des nördlich anschließenden Anna-Klosters und dem Pfarrherrn. Da ereignet es sich aber auch, dass ein Fürst und General aus Hannover in einem der schrecklichen Erbfolgekriege des beginnenden 18. Jahrhunderts beim Überqueren der Donau ausgerechnet vor dem Pfarrhof von einer französischen Kugel getroffen wird. Die Leiche wird dann bis nach Norddeutschland transportiert – bei den damaligen Verkehrsverhältnissen sicher kein leichter Job, eine wochenlange Reise. – Oder: Der bayerische Churfürst kommt kriegshalber nach Munderkingen und ist einer der ersten prominenten Bewohner des gerade fertiggestellten Pfarrhofs. Der war wohl das mit Abstand repräsentativste Wohngebäude in der Stadt. Man hörte an diesem Abend auch Amüsantes und Interessantes von den Lebensgewohnheiten des Komponisten Kayser, der aus dem Druck und Vertrieb seiner Kompositionen – jedenfalls für damalige Verhältnisse – ganz nett was einnahm, das er dann behalten durfte. Seine Nahrungs-, Kleidungs- und Wohnbedürfnisse waren ja durch seine Tätigkeit und Bezahlung als Pfarrhelfer bereits befriedigt.

Wir hörten auch vom Ende der marchtalischen Zeit in diesem Haus: Das gesamte Inventar samt der großen Bibliothek wurde verschleudert. Die Vergantung war nicht nur ein böser obrigkeitlicher Akt der neuen Herren aus Regensburg (Thum und Taxis); nein, auch die Stadtverwaltung, so Nuber augenzwinkernd, beteiligte sich an der Verschleuderung und Umsetzung in Bares. – Das war dann das Ende der großen Zeit des Pfarrhofs. Danach wurde aus dem Zier- ein Gemüsegarten, dessen Erträgnisse der jeweilige Pfarrer dringend für die Aufbesserung seines Speisezettels benötigte.

Auch später noch wohnten einige gebildete Herren in dem Haus, so ein aufklärungsgesinnter Geistlicher, der ein Buch über die Geschichte des Papsttums verfasste, und beispielsweise Pfarrer Dr. Schmid, von dem sich „das Fräulein“ Müller-Gögler in ihrer Zeit als Munderkinger Volkschullehrerin 1920 Latein-Unterricht erteilen ließ. Der Herr Pfarrer befasste sich aber nicht nur mit lateinischen Vokabeln, sondern – in gemäßigter Form – auch mit dem angenehmen Anblick seiner erwachsenen Schülerin. Beide mussten darüber lachen. Und schon kam die Hauserin ins Zimmer und fragte, ob die Latein-Stunde schon zu Ende sei. Alles in allem: ein schöner Abend.

Foto: Birgitta Aicher singt eine Kantate von I. Kayser.

Fotos: vf

19.05.2002 | Deutsch-chinesisches ,Joint Venture‘ wurde in Urspring besiegelt

DONAURIEDEN / URSPRING (vf)-Am heutigen Samstag geben sich Zhang Xiuli aus China und Dirk-Ulrich Tretter aus Donaurieden in der Urspringkirche das Ja-Wort fürs Leben. Früheren Ehinger Gymnasiasten und Jung-Unionisten ist der Bräutigam bekannt – Alle Tage findet keine deutsch-chinesische Hochzeit in unserer engeren Heimat statt, und so fragte die Ehinger SZ ein wenig nach.

Dirk Tretter lernte seine jetzige Frau bereits vor drei Jahren, während seines ersten China-Aufenthalts, an seinem Arbeitsplatz in einer Firma kennen. – Der Diplom-Betriebswirt der FH Aalen hat bereits etwa zwei Jahre seines Lebens in China verbracht. Und ab 11. Juni wird er voraussichtlich noch wesentlich mehr Zeit in China verbringen. Grund; Er ist seit letztem Herbst Vertriebsdirektor für ein gerade entstehendes Stahlwerk in der Fünfeinhalb-Millionen-Stadt Dalien in Nordostchina, ein Stahlwerk, an dessen Planung Tretter bereits in der Duisburger Thyssen-Zentrale mitarbeitetn. In Dalien entsteht ein Gemeinschaftsprojekt („Joint Venture“) von Thyssen, Krupp und dem zweitgrößten chinesischen Stahlhersteller. Der neue Betrieb ist eine Feuerverzinkungsanlage, die Bleche für die chinesische Auto-Industrie herstellen soll. Der Betrieb ist maschinen- und steuerungsintensiv und wird bei einem geplanten Jahresausstoß von 400.000 Tonnen feuerverzinktem Stahl gerade mal 200 Leute beschäftigen, ist also für den Arbeitskräftemarkt Rotchinas keine große Hilfe, ermöglicht aber eine rationelle und billige Qualitätsproduktion. Unter den 200 Beschäftigten kommen fünf aus Deutschland, einer ist D. U. Tretter. – Das Werk wird zwei je fünfhundert Meter lange Hallen haben und soll nächstes Jahr mit dem Produzieren beginnen. Kosten bis dahin laut Plan: 180 Millionen Dollar.

Schon jetzt verhandelt Dirk Tretter mit den künftigen Abnehmern dieser Autobleche, unter anderem auch mit der BMW-Zentrale in München, mit Blick auf das BMW-Werk in China. (Ein großer Teil der boomenden chinesischen Autoproduktion geht auf Konzerne aus den Industrienationen zurück.) Als D. Tretter seine jetzige Frau Zhang Xiuli, 31, kennenlernte, war sie „die rechte Hand des Chefs der Firma“, in der Tretter sein Praktikum ablegte. Zhang ist Ingenieurin für Maschinenbau und wird sicher auch in Dalien einen Job finden. Die beiden Eheleute wollen in jedem Fall auch Kinder. Da Frau Zhang mit einem Nicht-Chinesen verheiratet ist, gilt für sie nicht die sonst strenge Kinderzahlbegrenzung, mit der die chinesische Regierung die ungeheuren Bevölkerungs- und Arbeitsplatzprobleme im Land lindern will.

vf: „Was geschieht mit der Elektrogeräte-Firma, die Dirk bereits als Ehinger Gymnasiast in Donaurieden gegründet und bisher nebenher geführt hatte?“ – Dirk Tretter: „Papa Tretter“, promovierter Physiker mit – bis zur Pensionierung – Arbeitsplatz in Ulm, „führt diese Firma jetzt weiter.“ – Die Mutter von Dirk Tretter ist Lehrerin, wie übrigens auch die Mutter der Braut.

vf: „Warum die Trauung gerade in Urspring?“ – D.T.: „Meine zwei Brüder gingen dort zur Schule, und dann ist’s ja eine malerische Kulisse.“

vf: „Gab‘s bürokratische Probleme vor der Hochzeit mit einer Chinesin?“- D.T.: „Ja, und leider die meisten in Deutschland. Für die Erledigung des von Deutschland geforderten Panierkrams musste ich extra nach China fliegen. Das Beste: Wir brauchten vom deutschen Staat eine Genehmigung dafür, dass wir keine Genehmigung brauchen. vf: „Was folgt nach der Trauung?“- D.T.: „Zwei Flitterwochen in Italien, und dann ab nach China.“

Dirk Ulrich Tretter und Zhang Xiuli. Wer den Bräutigam schon als kleinen Ehinger Gymnasiasten vor zwanzig Jahren kannte, muss sagen: Auch aus den quirligsten Burschen werden gestandene Leute. (vf)Foto: privat

06.05.2002 | Rottenacker und das kommunistische Manifest

(vf) – Der Alb-Donau-Kreis hat einen Band mit historischen Aufsätzen herausgebracht. Die Ehinger SZ stellte einen dieser Aufsätze zu den Stichworten „Zwiefalten / Mochental / Säkularisation in Württemberg“ am 26. April vor. Im Folgenden weisen wir auf einen weiteren Aufsatz der Neuerscheinung hin, der mit einer besonderen Gruppe Menschen in Rottenacker und darüber hinaus in dem ungefähren Zeitraum 1790 – 1850 zu tun hat: Menschen, die kurz als „Separatisten“, als Abweichler, bezeichnet wurden und sich um eine charismatisch wirkende Frau, Barbara („Babele“) Grubermann, gesammelt hatten. Seit einigen Jahren gibt es in Rottenacker die Fastnachtsgruppe der „Babelesbuben“. Aber nicht nur sie erinnern auf eine verquere Art an jene Vorfahren; auch einer der Väter der weltweiten kommunistischen Bewegungen, Friedrich Engels, bezog sich in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf diese Separatisten-Gruppe.

Der Aufsatz aus der Feder des Altshauser Historikers Dr. Eberhard Fritz folgt den Spuren der Rottenacker I Separatisten bis in die USA; Fritz legt in seinem hier vorliegenden Aufsatz auch den Stand der Forschung mit zugehöriger Literatur in den USA, Deutschland und der Schweiz dar. Vor neun Jahren wies als erster seit langem der Reutlinger Schriftsteller und Historiker Hellmuth Haasis auf die Rottenacker Separatisten hin. Der einstige 68er und Verehrer jakobinischer Traditionen tat es mit einer Veröffentlichung in dem Verlag „Der Freiheitsbaum“, Verlagsort „Paris / Strasbourg“: Der Schalk saß ihm im Nacken bei dieser Ortsangabe; richtiger wäre gewesen: „Betzingen bei Reutlingen“ – aber das hätte nicht so gut geklungen. – Haasis veröffentlichte 1993 als erster ein von ihm in württembergischen Verhörprotokollen entdecktes Lied der Rottenacker Separatisten und deutete es (Das Büchlein ist nach wie vor im Ehinger SZ-Büro am Marktplatz käuflich zu erwerben). Lieder waren damals wichtig für die Verbreitung religiöser und politischer Gedanken unter vergleichsweise armen Menschen, die zu ihrer Zeit kaum über gedruckte Texte (oder gar, wie heute: das Internet) verfügten. Lieder spielten sicher auch eine Rolle, wenn jemand seine eigene Weltsicht stärken wollte.

Archivar E. Fritz ist inzwischen der beste Kenner des Themas „württembergische Separatisten“. Er hat deren Spuren auch in den USA verfolgt und er hat eine ganze Reihe von Separatisten-Liedern aufgetan, ebenfalls in Gerichtsakten – eine bemerkenswerte literarische Quelle, die etwas über den „Geist der Zeit“ aussagt. In der hier benannten Neuerscheinung liegen diese Lieder nun erstmals in Deutschland gedruckt vor.

E. Fritz folgt den Spuren der Separatisten auch im damals zeitweilig bayerischen Ulm. Dort erging es den Abweichlern nicht besser als im herzoglichen und königlichen Württemberg. Mitglieder der zahlenmäßig nicht großen Gruppe wurden aus der Stadt gewiesen oder sogar mehrere Monate ins Gefängnis gesteckt (damals sicher kein Zuckerschlecken), bloß, weil sie sich sternförmige Plaketten angeheftet hatten. Solche Sterne sahen nach Orden aus, und diese zu tragen war ein Vorrecht Adeliger. Die Separatisten kritisierten auf diese einfache Art die von oben erwünschten Standesunterschiede unter den Menschen.

Die Gedanken- und Gefühlswelt der Separatisten ist eine eigentümliche Mischung von gesellschafts- und kirchenkritischen Vorstellungen und enthält Ansichten über Sexualität, wie sie heute nicht mehr so üblich sind wie damals. In einem der Lieder wird die manchmal verquere Gefühls- und Denkwelt, einfacher, armer Leute sichtbar: Einerseits beneideten sie die höheren Schichten um deren größere sexuelle Freizügigkeit, andererseits waren sie von ihrer christlichen Erziehung her auf Sexualfeindschaft getrimmt. Einige der von E. Fritz veröffentlichten Liedverse wirken auf den Verfasser dieser Besprechung unfreiwillig komisch; die Verse wecken den Eindruck, dass diese Menschen sicher nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit strebten, aber auch die • (Straußen-)Eierschalen ihrer Herkunft an sich trugen. Eberhard Fritz tut seinem Studienobjekt die Ehre an, diese kuriose Seite der separatistischen Gedankenwelt nicht zu betonen, sondern auf die’ fast weltgeschichtliche Bedeutung dieser Personengruppe abzuheben.

Diese Menschen wurden damals in Rottenacker und anderswo streng verfolgt (Haft etc.). Als sie sich zur Auswanderung bereit erklärten, wurden sie aus der Haft entlassen. Sie hatten dann gerade vier bis sechs Wochen Zeit, die Auswanderung zu organisieren. Das heißt: einen Großteil ihrer geringen Habe zu verscherbeln, um Geld für die Auswanderung zusammenzukriegen und dann – fast im Wortsinn: ab in die Pampa. –

In den USA gelang den Babeles Buben unter schwierigsten Bedingungen die Gründung und jahrzehntelang sehr erfolgreiche Fortführung der „kommunistischen“ Siedlung „Zoar“ (nach einer Bezeichnung aus dem Alten Testament). Der englische Reisende John Finch stellte damals die ungewöhnlichen Experimente eines neuen Lebens- und Wirtschaftsstils in den Gemeinden der aus Europa kommenden USA-Einwanderer in einem Buch vor. Der spätere „Kommunist“ Friedrich Engels übersetzte diesen Bericht 1845 ins Deutsche und veröffentlichte darüber einen größeren Aufsatz. Engels wurde, so E. Fritz, durch die Nachrichten Finchs „wesentlich zum ‘Kommunistischen Manifest’ angeregt“, „Als Zweifel darüber aufkamen, ob seine kommunistischen Ideale auch realisierbar seien, führte er diese Siedlungen als Beweis an“. Eberhard Fritz: „Auf diese Weise entfalteten die im schwäbischen Pietismus wurzelnden religiösen Überzeugungen eine Wirkung, die weit über die Kirche oder die separatistischen Gemeinschaften hinaus reichte.“

02.05.2002 | Ehingen hat jetzt einen ,Berliner Platz‘

EHINGEN / NASGENSTADT (vf) – Gleich an vier Stellen der Stadt, teils nahe beieinander, betätigten sich dieses Jahr Mainachtsscherzer. Die Themen: Der neue „Berliner Platz“ an der Kollegiengasse, anmaßend parkende Polizeibeamte, „Kurort Ehingen“, Kreisverkehr in Ehingen, Fußgängerüberweg auf den Nasgenstadter Gollenäckern.

Ein witziger Mainachtsscherzer   (oder gar eine -scherzerIN?) sah sich das jüngst angelegte Plätzle an der Kollegiengasse an, das an zwei Seiten von einer massiven Mauer eingerahmt ist. Früher stand hier ein Wohnhaus mit Schreierei. Die Stadtverwaltung ließ die mächtigen Mauern rund um das Plätze errichten und sogar teuer sandstrahlen. „So viele Mauern sagte sich  der phantasiebegabte Ehinger und kam von dieser Beobachtung auf die Idee, das Plätzle auf „Berliner Platz“ zu taufen.

Andere Mainachtsscherzer ärgerten sich darüber, dass Polizeibeamte kürzlich in der Innenstadt auf einem Plätzle an der Schwanengasse parkten, wo es nicht gerade angezeigt war. Wer von uns ist nicht neidisch auf diese privilegierten Parker. – Eine Nachfrage der Ehinger SZ bei der Polizei-Pressestelle in Ulm vor einigen Wochen ergab, dass die Männer von „Weiß-Grün Tübingen“ (Scherzname für Polizeibeamte in Südwürttemberg) für solches Parken natürlich immer eine Entschuldigung von wegen „höherer Zwänge“  haben.

Vermutlich von den selben Mainachts-Aktiven stammte die Installation „Kreisverkehr“ vor dem Rathaus. Vf meint: Inzwischen glaubt in Ehingen niemand mehr an die Lernfähigkeit in manchem Rathaus-Zimmer. Während unsere Nachbarn in Frankreich schon vor Jahrzehnten auf den Vorteil von Kreisverkehren gekommen sind und während Erbach eher und die Biberacher wenigstens in den letzten Jahren den Vorteil erkannten, tun sich in Ehingen die
Zuständigen noch immer schwer damit, die eleganteste Kreuzungsverkehrs-Regulierungsweise öfters zu verwirklichen. Der Verfasser dieses Berichts fragt sich seit Jahren: Lässt ein „großer deutscher Ampelhersteller“ so viel Geld nach Ehingen fließen, dass an möglichst vielen Kreuzungen Ampeln errichtet oder belassen werden?? – Aber vermutlich verfügt der Schreiber dieser Zeilen nur über einen beschränkten Untertanenverstand. Und vermutlich zu Unrecht überkommt ihn jedes Mal beim Durchfahren von Erbach ein Glücksgefühl, wenn ihm einfällt, wie er früher dort vor den Ampeln im Stau stand. Der „Jahrgang 1895“ schlug in der Nacht zum 1. Mai ebenfalls zu: Er erklärte Ehinger zur Kurstadt und wandelte das Mini-Bächle vor der Sparkasse in ein neues Ehinger Kneipp-Bad um.

Ein Blick nach Nasgenstadt.

Auf den Gollenäckern machte ein Mainächtler seinem Ärger darüber Luft, dass die Stadtverwaltung sich schwer damit tut, einen weiteren Zebrastreifen anzulegen. Auf das dortige Ortseinfahrtsschild war die Annahme gepinselt, dass die Zuständigen in der Stadtverwaltung meinen, „Nasgenstadt ist Niemandsland“.

Das neue Ortsschild von Nasgenstadt, das jetzt „Niemandsland“ heißt und in dem jetzt alles erlaubt ist – nur keine Zebrastreifen. Foto: vf

16.04.2002 | Gedächtnisständchen für den Pfannenmate

EHINGEN (vf) – Genau vor hundert Jahren starb der „Pfannen-Mate”, ein armer Mann aus Schlechtenfeld, der am Kohlerberg unter ärmlichen Umständen gelebt hatte. Inzwischen ist aus dem armen Mann eine bekannte Ehinger Fasnetsfigur geworden, und die Matekapelle benennt sich nach ihm.

 Der Ehinger Obernarr und Autohaus-Chef Josef („Beppe”) Mantz hat sich um das ernstere Gedächtnis des armen Manns vom Kohlerberg verdient gemacht: Er ließ dort vor einigen Jahren auf seine Kosten einen Gedenkstein setzen. An diesem Gedenkstein bringt nun die Matekapelle am Todestag des Mannes am nächsten Samstag um 16 Uhr ein Gedenk-Ständchen. Dann fahren die Musiker ans Ehinger Museum. Dort wollen sie die neunzig Jahre alte Drehorgel der Matekapelle dem Museum zur Aufbewahrung (und wohl auch zur Ausstellung) übergeben. Die Drehorgel war irreparabel kaputt. Die Matekapelle hat bereits einen Ersatz, eine Drehorgel, die sie bei einem Pfullendorfer Hersteller für etwa fünftausend Mark erwarb.

Herrenberger Stadtbaumeister, Ehinger Bundestagsabgeordneter

Musikalisch geleitet wird die Matekapelle seit etwa zehn Jahren von dem gebürtigen Dächinger Fritz Peter; organisatorisch geleitet wird sie von dem Brieler Karlheinz Wekenmann. – Prominentestes Mitglied derzeit ist der Bundestagsabgeordnete Heinz Seiffert. Auch nicht unprominent ist ein inzwischen seltener geworden Mate-Musikant, der derzeitige Stadtbaumeister von Herrenberg. Zu den Gedächtniszeremonien ist die Öffentlichkeit eingeladen.

04.04.2002 | Den Boten für die Nachricht schlagen

EHINGEN (vf) – Die Ehinger SZ hatte in ihrer Ausgabe vom 27. März auf einen Missstand hingewiesen: An einer Außenseite des Rathauses standen Müllsäcke, aus denen jemand in unguter Absicht leicht hätte Akten entnehmen und missbräuchlich verwenden können. Die SZ nannte diesen Missstand und gab – journalistisch ehrenwert – vor einer Veröffentlichung der Kritik der Stadtverwaltung Gelegenheit, mit unserer Veröffentlichung zusammen zu dieser Kritik Stellung zu nehmen. Die SZ veröffentlichte diese Stellungnahme im Wortlaut – fast ein ebenso lange Text wie unser Bericht.

In dieser Stellungnahme schrieb L. Griener von der Stadtverwaltung Ehingen: Abfalleimer seien „lediglich noch gemäß Dienstanweisung vom 22. August 1991 für Restmüll (z. B. Tempo-Taschentücher, Bleistiftabfälle, leere Filzstifte usw.) zugelassen. Sollte dennoch, vielleicht aus Unachtsamkeit, Schriftstück in den Restmüll gelangt sein, wird die Stadtverwaltung dem nachgehen, die Sache prüfen und auf eine ordnungsgemäße Vernichtung hinwirken.“

Statt dass die Stadtverwaltung so souverän wäre und zugäbe, dass irgendein Mitarbeiter mit Akten umging ohne Rücksicht auf möglichen Missbrauch, wirft L. Griener der SZ in ihrer „Seite für den Bürger“ im „Wochenblatt“ vom 3. April vor, der SZ-Berichterstatter betreibe „Müllklau“.

Man kennt die Regel. Der, der den Fehler beging, schreit: „Haltet den Dieb!“ – Nachdem wir der Stadtverwaltung Gelegenheit gaben, zu unserer Kritik zeitgleich Stellung zu nehmen, wollen wir hoffen, dass die Stadtverwaltung diese unsere Stellungnahme zu ihrem Vorwurf des Müllklaus wenigstens auf der nächsten „Bürgerseite“ abdruckt.